Translate

Sonntag, 14. Dezember 2014

Another day with you ...



Wogender Fluß fließt durch den Blick. Vom anderen Ufer wirft Basho ein Haiku herüber. Was ist das? Soll ich Beifall klatschen? Die Wogen im Fluß steigen und sinken.
Ich bin ein Bewohner der Hügel. Noch bedeckt Grün die erkaltende Erde. Die Blätter ziehen noch Energie. Sollen die Wurzeln fetter werden, der Stamm stärker? So sagt die biologische Betrachtung. Aber das Kind in Dir sieht: Der Strauch atmet Kraft. Siehst auch Du den Fluß?
Mit dem Schal eines verstorbenen Freundes wische ich die Fingerabdrücke vom Tablet, um einen tiefgründigen Text zu beginnen. Die Tülle des Kaffeekännchens ist angeschlagen, vor der Tür ein Rollator, der noch nicht auf mich wartet. Schön, am Ufer des Flusses zu sitzen und die Zeit fährt durch mich hindurch.
Die Weihnachtsgeschichte färbt heute die Stimmungen von Millionen von Menschen. Der Hass verliert einige Atome in der Gefühlsschmelze. Der Zorn der Intellektuellen gegen die süße Beeinträchtigung sucht nach scharfzüngigen Worten. Da, sieh den Grünfink am Futterhäuschen und das Vogel-Erkennungsbuch unter gebasteltem Stern. Und jetzt sage mir: Das Leben ist anders.
Ja, da sind Haß, Mißtrauen und Hoffnungslosigkeit, die drei. Aber der Hass ist das Gemeinste unter ihnen. Aber da sind auch Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Und die Trauer schmilzt Asche zu Sternen.
Wo Du auch stehst, setz Dich zu mir ans Ufer. Sieh, wie der Fluß diesen Tag durchfließt. Als Du zum Leben erwachtest, sicher nicht in der Krippe, sagte es zu Dir: "Du bist wert." Auch dies ist ein Tag im Paradies.
Klaus Wachowski   14.12.2014

Sonntag, 7. Dezember 2014

Heute Ohnmacht

Heute 7.12. Ohnmacht

Weihnacht rast heran. Die Heimatschluchzer vom Odenwald singen einen Gospel. Glühwein und Bratwurst ganz okay auch polnisch. Der Heimweg durch von Lichterketten erwürgte Gärten plus Jingle Bells und red nosed reindeer. Seltsamer aber friedlicher Sonntag. Gott hat wohl nichts dagegen.

Ich denke an die Frau hinter den Gitterstäben der Burka, unter den Eisenreifen des Kopftuchs, an den Mann im Käfig der IS-Alkaida, ausgeliefert dem Jähzorn des Psychopathen. Morgen totgeschlagen, gesteinigt, geköpft. An zweihundert Mädchen, vom Hass der Heiligkeit begehrenden Verblödung zwischen die Beine von Orks des Glaubens gezwungen. An zwanzig Studenten der Freiheit, geschlachtet von den Beamten der Mafia.

Glaube nicht an die Lüge von der Allmacht! Dann kannst Du weiter an Güte glauben. Er weint mit Dir. Er flucht mit Dir den Unbarmherzigen.

Die Soldaten des Zögerns sind verirrt in der Angst. Und der Nachtvogel singt im Haus des Hasses. Du bist allein.

Dies sind nur Worte aus Trauer und Wut, ohnmächtig wie Gott. Dort aber lächelt der Hass schon ins Smartphone, lädt Grausamkeit Youtube.

Fluche mit Gott,
kannst Du noch beten, so bete!

Lass unsere Gedanken jetzt lenken auf die Frau hinter den Gitterstäben der Burka, unter den Eisenreifen des Kopftuchs, auf den Mann im Käfig der IS-Alkaida. An Mädchen unter den Schlägen von Killern. An Studenten der Freiheit, verbrannt. Und was, Mr. President ist mit dem Versprechen zu Bush-Guantanamo?

Was im Kopf ist, wird aus dem Kopf wehen. Was im Herzen ist, das wird niemals vergehn (Atahualpa Yupanqui).


Freitag, 5. Dezember 2014

Am Abend

Am Abend

Schwesterchen sagt:"Holt mir doch mal das Brüderchen! " Smirc hebt die Augen zum Himmel:"Schon wieder!" Aber er geht gehorsam in die Speisekammer und zieht das alte Reh heraus.

Sieht nicht mehr gut aus, das Tier. Die Haare schmutzig grau, dünn und struppig, es zieht ein Hinterbein nach und verliert ein paar Schleimtropfen beim Gehen.

Schwesterchen streichelt ihm den Kopf. Es fällt ihr schwer, den Arm zu heben. Aber noch einmal das Brüderchen spüren! Wer weiss wie oft noch...

"Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger!" Und er hat nicht getrunken! "Wer aus mir trinkt,  wird ein Wolf!"

Brüderchen schläft schon wieder! Wie lang er wohl noch kann!

Die Kinder haben das Reich übernommen und unter sich aufgeteilt. Nun haben sie die wichtigen Sorgen und keine Zeit mehr. Aber das ist nicht schlimm!  Sie streichelt diesen Kopf und fällt zurück in jene Tage.

Die Kinder schimpfen. Sie solle doch dieses schòne Haus mal richtig ausprobieren, unter die Leute gehn. Hoffentlich werden sie so etwas haben, an dem sie sich freuen können, wenn jeder Tag Wiederholung ist!

Ach! Wieder der Schmerz! Immer wieder neu!
Holt mir das Brüderchen! Ich-will-nicht-mehr.
Smirc muss wieder mal zur Speisekammer.

5.12.14 Klaus Wachowski

Sonntag, 30. November 2014

Advent




Auf dem Feld der Nebel. Die Gedanken im Schlingern der Gefühle. Jetzt werden die Treiber erschossen. Das gibt bedeutungsvolle Blicke an Adventstischen.
Die Vögel schwirren durch dunklere Tage. Der Igel schläft unter faulendem Laub. Ein Junger schlägt einen Jungen kaputt. Im Altenheim klappern die Gitter.
Da dreht sich die Welt, sinken Sonne und Mond, da erscheint Dir die Arbeit als Sinnlosigkeit. Und die Einsamkeit fragt, "Wo stehst Du mein Ich?"
Lass uns die erste Kerze anzünden, lesen aus Märchen, aus Liebe und Mut. Lass uns einander nach  Hoffnungen fragen, und ahnungslos Antwort suchen im Wunsch.
Klaus Wachowski    30.11.2014

Montag, 17. November 2014

Wie war das doch?

Was weiss ich mehr als mit 50?

Ich bin 63, R. wäre 72. Wie war es, als er 63 war? Da war ich 54. Er erlebte mich nur bis 62. Kurz vor seinem 63. starb er. Was hörte er in den Worten des jüngeren?

Buchstaben werfen mit 53

"Eine Lüge heißt: Lebenslanges Lernen.

Ich werfe die Buchstaben hoch in die Luft, löse mich auf.
Die Schöpfung beginnt neu."

Heute aber legt sich die Unendlichkeit als ein dunkler Kokon um den Rausch des Neuen.

Ich sagte:

"Älter werdend werde ich unwissender.
Ich lerne: da ist nichts zu lernen als Verwunderung.
Und auch sie kommt von selbst."

Heute bin ich gewiss: da ist nicht viel zu wissen und: ich verliere es.

"Sokrates erkennt: Ich weiß nichts." Ich sehe hinaus in die Nacht, gerne wache ich in der schlafenden Welt.

"Zuzeiten sage ich "Liebe", zuzeiten sage ich "Leben". Die Buchstaben lösen sich in Fragezeichen," die Zeit in Rätsel und Berührung.


R war unsicherer und bewegter von Sehnsucht: Sag mir etwas zu dem Wort "Höhle"!

Ich wusste damit nichts anzufangen, als ein paar Assoziationen anzubieten, etwa das Wort "Hölle", war noch mehr auf Genuß und Abenteuer. Sein Interesse war verstehen wollen.

Ich glaube heute verstehen zu können, was er meinte, wenn er sagte, die Katze spräche zu ihm. Mir waren Katzen Vogelkiller. Im Angesicht des Endes der Arbeit, in der Wendung zum anderen Leben und Ende wird auch das Tier Teil des Gesprächs mit dem Unbekannten.


Weiße und schwarze Wolken eilen über einen mattblauen Himmel. Knospende Zweige wanken aus den Schatten in hellgraues Leuchten.

Die Zeitung meldet: Neuer Society-Skandal und Weltstadt mit Herz. Ein Liebesnest. Einer streichelt, Augen sind verliebt, was sah der Stromableser? Sind wir Zeugen heimlicher Affäre? Ein Paar, er scheint wie Butter unter ihren Händen.

Und schon ein neuer Flirt von Star und Bürgertochter. Ein Bäckerkönig hegt  wohl Sympathie. Man regelt das Geschäftliche in familiärer Runde. Noch ist man Arbeitstier und jettet um die Welt. —

Dann im Regen sehe ich die Dunkelheit über einem Tisch von Ausgegrenzten. Hoffnung am Lagerfeuer in einem Wald von Wolfsgeheul. X fühlt sich ermutigt, tritt hinaus. Unter Spießerin und Spießer, die Verlierer für ihre Schmerzensfalten hassen.

Sieh die Einsamkeit der Großen im Dunst der Verehrung, die der Unberührbaren in der Verachtung. Ego, satt und urgemütlich, schwappt vorbei durch Kauf- und Schunkelzone.

Oh Babylein, befühlt, behorcht und morgen schon verhöhnt. Du trittst hinaus in schmutzige Verachtung.

Ein kleines Mädchen kramt in seiner Tasche, gibt Dir ein paar Cent, Sie achtet nicht des Blicks des Hasses. Ein Sonnenstrahl.

Auch das kennen wir. Und jeder Mensch ist obdachlos, Beachcomber im Anrollen des Tsunami.

Unter der Frühlingssonne tritt die Liebe zu den Menschen. Ein Kind wird - geboren. Vorbei an der Kneipe Gestern gehst Du hinaus in eigenen Tag.

13.02.2005 Klaus Wachowski

Einsamkeit kaufen

Was ich singe, dorthin will niemand sinken.
Rosen aus Athen im verschwiemelten Ton
eines rumänischen Akkordeon.

Es griff anno 50 dem jungen französischen Dichter
Zwischen den Beinen mitten ins Hirn.

Das Wort eines erschöpften Herzens aber,
ist gefangen im Netz einer klebrigen Musik.

Dann aus dem Pflastergrau
die Einsamkeit fragt: "Gott?"

Aus Schenkeln ruft es in Schenkel;
In wässrige Augen drängen sich Blicke;
Das Leben öffnet andere Tür,
das Himmelreich sich anderer Zunge.
31.1.04

See des Raben

Auslaufende Wellen. In seinen dunklen Wassern spiegelt sich die nähende Hand. Sie näht die Flicken brüchiger Leidenschaften zu einer wunderbunten Sofadecke.

Der Faden durfte nicht viel kosten. Hier ist das Leben nicht leicht.

Die Haut bekam Risse und Flecken, das Lächeln flog mit den Schwalben davon. Ein Husten bellt, ein Lachen krächzt durchs Haus, manchmal bricht ein Schimpfen von zerreißender Angst in die Stille einer knarrenden Ehe.

Eine Schriftstellerin macht einen Roman daraus. Aus den Grüften ihrer Erinnerung holt sie den idealen Liebhaber hervor. Fitnessstudio mit Doktortitel, künstlerischer Begeisterung und knackigem Hintern. Öd!

Im Cafe Welk im Nachbarort erzählen ausgeleierte Freundschaften einander ausgeleierte Geschichten. Und die Schriftstellerin wird mit einem bedeutenden Preis der Öde ausgezeichnet.

Im dunklen Wasser spiegelt sich eine nähende Hand.

Ich sehe die Deine. Nähe mich ein in Deine bunteren Muster! Nimm auch vom schwarzen Wasser: unser Garten dürstet.

Die Raben kreisen. Wir warten auf Amsel, Lerche, Nachtigall.

Klaus Wachowski 23.05.2004


Gärten im Oktober

In den Gärten erscheinen die Spinnennetze schwer von Nebel. Schwebend zwischen Zweig und Zweig. Der Druck auf der Brust sagt: "Wie lange?" Der Arzt sagt:" Ach was!"

Ich sehe, gehe durch ein Paradies von Farben und Stille. Die Erde duftet Herbst. Dies ist zu schön zu Sterben. X aber muß es erleiden.

Du nimmst, was Du gegeben. - Mancher wirft es Dir mit einem verächtlichen Lachen vor die Füsse, mancher lässt es einfach liegen, bis Du es abholst. Wer es aber achtet, dem entreißt Du es.

Die Stille des Morgennebels umschließt mich. Etwas sagt: "Dies ist!"

Das Schweben von Spinnweben. Eintrocknende Blüten in leuchtender Farbe, und Duft von feuchter Erde. Dazu ein Geräusch von einem werkelnden Menschen.

Das Wissen um die Sonne über den Nebeln und die Hoffnung in den Herzen. Aber das Erstaunen kommt aus dem Du.-

Wie lange?-
Ach was!


Klaus Wachowski 09.10.05


Der Raum Bedeutung versinkt im Horizont hinter dem Gestern. Ein Kind rief All das. Jetzt fällt das Meer in die geöffnete Hand der Ewigkeit. Das Schweigen öffnet seinen heilenden Mantel.

Ich sage das Wort Ja.



Freitag, 7. November 2014

Buntes Laub



Buntes Laub

Das Laub brennt bunte Farben und zieht sich in das Innere der Baumkronen zurück. Ist es nicht auch mit der Seele so? Warum sollte ich noch schreiben wollen? Wer will mir davon erzählen? Die es könnten sind in einem Alter gestorben,  das hinter mir liegt. Die wenigen älteren beschäftigen sich mit Erinnerungen oder haben den Sprung aus dem Weitermachen noch nicht gewagt.
Brennen in einer entzündeten Seele.
„Aach!“ Ich sehe die wegwerfende Geste: Selbstmitleid, Depression pp.
Wer bist Du, der mir das sagt? Für Dich sollen leuchtende Blätter nicht brennen. Ich sehe Nadeln zur Erde fallen. Du findest es weichlich, vom Schmerz zu reden. Alt, krank, düster.
Ja, es kommt heran. Es zu betrachten ist lebendige Erfahrung. Im Leid nicht weniger als in der Freude bist Du mit dem Leben verbunden. In der Betrachtung beginnen die  Farben zu brennen.
7.11.14                                       Klaus Wachowski

Samstag, 1. November 2014

Alte Geschichten



Als Dr. Smirc das Buch Kobo Abe aufschlägt, rieselt ihm eine Tüte Sand entgegen. Es riecht wie schimmeliger Reis. Die Buchseiten sind aufgedunsen. Und als er darauf drückt, quellen rote Tropfen hervor. Hulda Grannina Putina, eine entfernte Verwandte von Väterchen Stalin, hat auf die Frage, ob sie sich bei ihm einschweigen wolle, die Hand Gottes ergriffen und sich davon gemacht. Also zieht er alleine durch die Fußgängerzone.

Da gehen Menschen über das Pflaster, da springen Kinder hinter Tauben her, da stehen sie am Cafe´ständer des Billig, da öffnen Kniebettler die Büchse in den rumänischen Off. Draußen aber kreisen die Autos um Stadt, Knast und Anstalt. Sag, wo ist Deine Fabrik?

Eine alte Geschichte fällt ihm ein. Der neue und junge Chef spritzte herein und ließ gewaltige Dankeshymnen vom Stapel: „Ihr glaubt ja nicht, wie dankbar ich bin, dass Ihr mir nichts in den Weg gelegt habt!“ Warnix, heute Doktor, Psychagog und ausgefuchster Rheinhesse, und Smirc schauten einander peinlich berührt an. „Was hat er denn? Was ist denn das: Karriere!“ Sie lachten. Es ging doch um Bruderschaft und Anstand in einer neuen Welt.

Das Lachen ist ihnen vergangen. Sie haben selbst Karriere gemacht und müssen eine Menge Energie aufbringen, den Anstand nicht ganz zu verlieren. Nun ja: er ist – wie man so sagt – etwas geworden.  Er wird mit den gesamten Restprofitlern einer besser gemeinten Zeit in die Heimatgeschichte eingehe, Gähnen um Gähnen erzeugen.

Da ist doch die Ruine von Kibbes noch in diesem Zustand ein ganz anderer Anblick. Zotteliger Bart, fettige Haare, T-Shirt mit Hool-Sprüchen. Was weiß, was merkt er davon? Er wartet auf Charms, der sein Sohn sein könnte, auch nach dem verbeulten Outfit. Sie reißen ihre zwei Stunden Wohlfahrtsmaloche runter und legen sich dann wieder in eine Ecke Weitab. Man hat sie nicht gebraucht. Aber sie glauben bis heute noch an die Sprüche von der Solidarität und winken Dir zu, während sie tiefer und tiefer ins Vergessen der alten „Genossen“ versinken. Tapfer, tapfer wählen sie links, schimpfen sie auf „das Kapital“, gehen sie mit der peinlich berührten Gewerkschaft, die doch eher auf Kultur steht. Und die Kumpel machen sich schnell in den schwarzen BMW oder was.

Dr. Smirc: „Kibbes, was sagst Du zum alt werden?“ 

K:“Weißt Du doch! Am liebsten ein Schlag und  weg! Was ist alt? Keine Ahnung. Da scheint die Sonne, da gibt’s einen kaffee umsonst. Es zwickt und alles tut weh. Aber ist doch schön hier! Stellt Dir vor in Afrika! Oder bei den Taliban! Wir bleiben doch bei der Sache!“ Klatscht ihm die Hand auf die Schulter.

Dr. Warnix, Psychagog und Drosophil, wendet sich an den mit seinen Aktienkursen beschäftigten Intellektuellen: „Ich höre da einen gewissen depressiven Unterton. Als würdest Du ständig über eine verlorene Hoffnung jammern! Geht es Dir denn nicht hundert mal besser als diesen trüben Gestalten?“

Gott, der gerade von einem Schrei aus Kobane kommt: „ Eben!“ Ein Hool der IS hat gerade wieder eine Familie Menschen geschlachtet. Wo bleibt das Echo in Euren Herzen, Ihr Käufer und Säufer?
Aus dem Kirchenfenster Xulda: „Komm rein, die Andacht ist angerichtet!“
Dann sinkt die Nacht herein. Gott-sei-Dank: es ist nicht die letzte.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Das Lied von der Klangschale



Geht so: Mütterchen muss in die Stadt. Ihr Kater hat eine Reizblase und will keine Nachtigallen mehr fangen. Und weil die alte Klangschale verrostet ist, braucht sie eben eine neue. Sie kämmt sich, putzt die Zähne, trinkt noch ein Wässerchen Tod und macht sich auf den Weg.

Man kann sie die Straße herunter ächzen hören. Die neuen Busse dürfen Leute ab 70 nicht mehr mitnehmen (Versicherungsschutz). Also hörst Du die Alte die Straße runter keuchen und das kipjatok-kipjatok des Rentnerrollators.

O je, ein Bettler. Die Eiscafe'-Besucher, Schnäppchen-Hyänen, Hundezombies, die Ehrenamtlichen und die Bürgermeister, alle kommen an ihm vorbei. Aber Mütterchen fällt fast hin, weil er sich an ihr Bein gehängt hat. "Ein Rubel, ein Rubel! Was will der Punk, denkt sie", aber man hat ein Herz und gibt halt einen Zehner. Ob er wüßte, wo man hier Klangschalen kaufen könne. Aber er sitzt schon wieder auf Sprung hinter seinem Schild "Börn Aut" und winkt nur unwillig ab.

Gott flüstert ihr ins Ohr:"Versuchs doch mal in der Ikonostase". Das ist so eine Reklametafel für Heiliges hinterm Altar. Hirnbrummen umsonst. Mütterchen lässt sich nicht beirren und geht kipjatok-kipjatok tiefer in die Mall.

Ein Verkaufsladen von der Kette "Nimms Dir" leuchtet in allen Farben. Den Rollator muss sie draußen stehen lassen. Der wuselnde Praktikant ganz freundlich: "Klangschalen? Nö! Sind aus. Aber hier haben wir noch ein paar Reste Ukraine." Babuschka schüttelt den Kopf. Und kijatok-kijatok zum nächsten Wellnesbunker.

Vielleicht gibts so was beim Salafisten. Huu, da steht ja Einer oder Eine mit Augenschlitz in der Burka. Mütterchen muss sich erst mal setzen. "Habt Ihr mal n Schlückchen Tod für ne alte Frau?" Die Gestalt zeigt auf die schwarze Tafel mit der goldenen Säbelschrift und dann auf die Schädel-Auslage: "Leben verboten! Kannst Du nicht lesen?" Kipjatok-kipjatok gehts weiter.

Aber jetzt. Da muss es doch so was wie Klangschalen geben. Der Allesbäck vom sibirischen Pelz hat alles, was man nur aus Teig drehen kann. Nazischwengel, Stalin- und Lenin-bratz, krummen Kohumeini und kaukasischen Kuklux, auch ein paar aufgeschäumte Talibanockerln und ein Päckchen angebrannte Breivixl sind noch da. Der Fischkopf schnappt nach Luft, als er die Alte sieht. "Du schon wieder! Hier gibt es keine, keine und nochmal keine Klangschalen, zum Fascho! Mach Dich weg oder meine Jungs besorgens Dir!"

Echt ätzend, die Stadt. Warum bin ich nur hierher gezogen? Katerchen, Katerchen, ich probiers nochmal für Dich. Da vorne gibts Eso.

Ganz schön steil, die Treppen zur Wiedergeburt! Der Rollo muss mal wieder stehen bleiben. Aber was für ein Empfang! Da gibt es Duft vom Himalaja. Bauchgefühl, Bauchgefühl summt in den Wänden, ein Avatar bietet Hirnmassage an, Guru und Schamanin tollen im Labyrinth und aus den Rockfalten der Urmutter strömt erdige Ewigkeit. Das Beste aber: Türme von Klangschalen mitten unter Heilzapfen und Meridianixeln. Babuschka ist begeistert. Aber siedend heiß fällt ihr unter der Massage ein:"Katerchen, Katerchen! Ich hab uns gestern doch schon eine in die Kühltruhe gelegt."

Nichts wie nach Hause. Vorbei an U-Bahn-Tretern, Hoolspässen vom Pitbull und lustigen Henkern vom Kopf-ab-IS. Daheim wartet Katerchen mit einem Wässerchen Tod.

In Gedanken an Daniil Charms, Tinte kaufen

Freitag, 26. September 2014

Herbstanfang 2014

"Ich brauche die Einsamkeit wie die Luft zum Atmen." Er hängt an seinem Drachenschirm hoch über der Autobahn, den kühl schattierten, schon umgepflügten Feldern, über den Büschen mit ausgedünntem Laub, deren erste farbige Blätter im dunkleren Herbstlicht glimmen. Wässrigblau, tief und weitgespannt der Himmel. Im Hintergrund die im dunklen Blau verschwimmenden Berge.

Einen ganzen Tag brauchte ich, bis ich einem Bild meine Leere öffnen konnte.

Nun fühlt sich das Leben wieder kühl an. Nun verspricht die Welt wieder eine Zeit aus Möglichkeit.


Was sieht er da oben? Die Menschen fahren ihre Erschöpfung in das Wochenende ein, das sie mit neuen Projekten, Pflichten, Rausch der Gemeinschaft abwehrt und lockt.

Der Trucker nimmt seinen letzten Kaffee. Unter brüllenden Lachern wird er von seinem Garten im Wald träumen, wo nun die Brombeeren geräumt werden müssen.

Ist das dort am Steuer nicht seine Freundin, die von seinem Freund kommt, und nun in die geregelte Wellness des Samstag und Sonntag einbiegt?

Was macht diesen trockenen Dürren so fröhlich? Er lenkt sein Fahrrad in in die verfallene Kulturbaracke seiner Ausstellung. Wird er einen verstohlenen, von Überraschung noch fröhlichen Blick beobachten, mit den alten Freunden und Neidern wieder ein Gespräch am verrauchten Tisch der Erinnerung führen, die alten ideologischen Schlachten als Mensch-ärgere-Dich-nicht wiederholen können?

Die Luft ist still. Nur in geduckten Büschen kannst Du noch ein Rascheln wie von Igeln, den zerhackten Abschnitt eines Vogellieds hören.

Es ist, als gingen die Menschen miteinander um. Er schwebt hinab ins dunkler werdende Land. In einen Abend voll Kindheit. Leben kann tödlich sein. Tief inhalieren empfohlen.

26.9.2014

Dienstag, 23. September 2014

Achilles und die Schildkröte die

Achilles läuft los. Als er zu dem Stein kommt, an dem die Schildkröte soeben weggegangen ist, erreicht sie gerade den Baum. Als er den Baum erreicht, ist sie zwei Schritte weiter. Als er dort eintrifft, ist sie wieder etwas weiter. Noch näher kommt er. Aber gerade hat sie sich noch eine Winzigkeit von diesem Punkt entfernt.
Erreicht Achilles die Schildkröte nie?

Welchen Streich spielt uns die Vorstellung?

Vielleicht sind wir in eine Falle des Abstraktionsvermögens getappt. Wir stellen uns Punkte vor: Achilles erreicht Punkt x, von dem die Schildkröte sich gerade entfernt. Aber es gibt -außer als Hilfskonstrukt der Vorstellung - nicht wirklich Punkte. Achilles erreicht eine Stelle, an der sich der Körper der Schildkröte noch befindet und von der er sich gerade wegbewegt. Als Achilles hier ankommt bewegt er sich schneller als dieser Körper, schiebt sich an ihm vorbei, bis er ihn überholt hat.
Oder betrachten wir es von Achilles aus: während die Schildkröte sich um einen ihrer Schritte fortbewegt, ist er schon zehn davon gegangen. Kommt er an dem Stein an, von dem sie sich wegbewegt, braucht er nur noch drei, um an der Stelle anzukommen, wo sie sich dann befindet oder vier, um sie zu überholen. Im Augenblick des Überholens stehen beide nicht an einem Punkt der Zeit still, vielmehr befindet sich mindestens Achilles in Bewegung -auch weg von der Schildkröte.
Wenn wir die Zeit einfrieren auf einen Moment, bleibt es bei der verschwommenen Vorstellung, die uns auch die Kamera zeigt: Dieser Teil des Körpers befindet sich an dieser Stelle, ist aber "gleichzeitig" eine Winzigkeit weiter. Er ist da und nicht da, da und gleichzeitig dort.
Was ist nun wirklich? Es bleibt uns wohl nichts übrig, als diese Gegebenheit der Wirklichkeit namens Bewegung akzeptieren und diesem Ergebnis unserer Anschauung mehr Gewissheit einzuräumen als der von unserer Anschauung abgezogenen Logik, die wütend ruft: Es kann nicht gleichzeitig etwas sein und nicht sein.
Und noch einmal anders herum: Dass etwas gleichzeitig an diesem Ort ist und nicht da, sondern am nächsten, bedeutet ja nicht, dass es nicht ist. Dies ist wohl die Möglichkeit, das Rätsel zu lösen: Achilles trifft also soeben am Stein ein, ist aber auch schon ein Stück weiter. Und zwar schon etwas weiter als die Schildkröte, die sich auch von eben dieser Stelle wegbewegt.
Ist also die Quantentheorie, nach der angeblich Teilchen sowohl sind als auch woanders sind, gar nicht so seltsam, sondern nur eine besonders unscharf betrachtete Erscheinung von Bewegung?

Weiterungen: Es gibt keinen Punkt. Etwa die Ecke eines Körpers. Der Teil des Körpers von A, der sich soeben noch hier und schon etwas weiter befindet, ist ja auch Teil des angrenzenten Körperteils, der nun an seiner Stelle ist und doch noch an der alten. Es gibt keine Oberfläche ohne Körper. Versuche sie zu betrachten. Ohne Ausdehnung sind nur die Konstrukte unserer mathematischen Vorstellung, die sehr interessant und hilfreich sind, aber ebenfalls zu Irrtümern über Angelegenheiten der Wahrnehmung führen können.
Rätsel, die Spaß machen. 23.9.2014

Nachbemerkung Achilles:
Gleichzeitigkeit an einem Ort? Also, während die Schnecke sich noch auf Punkt A befindet aber wegbewegt, kann doch nicht Achilles sein und eintreffen?
Erstens ist ein Zusammenstoß nichts Unmögliches, zweitens ist Gleichzeitigkeit an einem Ort nicht ausgeschlossen, wenn es einen Ort, nämlich eine Stelle in der Zeit betrifft. Gleichzeitigkeit ist ja möglich durch das Nebeneinander der Erscheinungen, den Raum. So treffen Schnecke und Achilles sehr wohl gleichzeitig an einer Stelle der Zeit ein - während Achilles die Schnecke überholt - nebeneinander.
Das Rätsel spielt also auch mit der Verwechslung der Bedingungen von Raum und Zeit.