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Donnerstag, 17. Februar 2011

Helge Prase



Gott geht durch Karlsruhe. Er sucht den Gerechten Helge Prase, der nicht an ihn glaubte. Wieder Einer an den Tod verloren.

Die Sonne leuchtet den Frühling ein und die Vögel singen von der Leichtigkeit des Seins. Die Straßenbahn quietscht von neuer Lebens- und Einkaufslust.

Die Verlorenheit der obdachlosen Brüder ist nun wieder größer, sie selbst sind wieder zu Bettlern geworden. Nicht dass sie große Hoffnung in uns gesetzt hätten. Am Rand der Gesellschaft zeigt sich, wie dünn der Firnis der Achtung ist. Hier gewinnt der Begriff "Wertschätzung" an Heuchelei, hier scheitern Sprüche an Erfahrung.

Ich erinnere mich an seine leise Stimme, sein schütteres Haar über manchmal gelblichem Grind an die rötliche Haut. Ich erinnere mich an seine Menschenfreundlichkeit und an seinen Glauben an die Macht der Solidarität.

Die Eltern hatten ihn in ein Waldorf-Internat gesteckt. Er hatte in der Landwirtschaft gelernt und gearbeitet. Auch ein Examen als Altenpfleger habe er abgelegt. All das war nichts von dem, was ihn bewegte.

Er wollte die Erde auch für die ziellosen Wanderer einer abhanden gekommenen Republik machen: "Auch Du gehörst dazu." In der Schillerstraße 11 stellte er die redaktionellen Beiträge für die Karlsruher Straßenzeitung zusammen, gab die Exemplare an die Schicksalsgenossen zum Verkauf aus und rechnete mit ihnen ab.

Hier war Frieden, hier gab es Rat und Hilfe. Vor allem aber Aufmerksamkeit für Aufgegebene, die sonst mit bedrückendem Mitleid, mit Pharisäern und Regulatoren vorlieb nehmen müssen. Die Prügel des Vaters, die Hysterie der Mutter, die Interesselosigkeit dieser seltsam nach Glück strebenden Großen, die den Kleinen da umrennen, um die Ersten am Wühltisch zu sein. Diese Gottesdiener, deren Begeisterung von Gott Du teilen mußt, wenn Du gerne etwas von ihrem Tisch hättest, Vernünftige, deren Begeisterung für  weiß gestrichene Rauhfaser Dir ins Ohr geblasen wird, während sie Dir etwas in den Hut werfen.- Wer geht einfach ein Stück Gespräch mit Dir?

Zwei mal habe ich in den letzten Jahren mit ihnen Kaffee getrunken. Was war dort anders als hier? Die Hoffnung auf persönliches Glück ist nicht kleiner und das Vertrauen auf den Nächsten nicht größer als in der Mitte der sich als etwas Besseres fühlenden Gesellschaft. Du findest die miesen Sprüche der Sarrazin-Tische neben den besoffenen Hoffnungen der narzißtischen Projektemacher und dem halt einfach Weiterleben der Depression.

Da war Messie - alte Bücher bis unter die Decke-. Da war linke Hoffnung aus der Zeit der 68er und Wut aus Hartz lV. Da war unverhüllter Ausländer-Haß bei manchen Gästen, gegen den seine menschenfreundliche Haltung nichts aufzubieten wusste als eine beschwichtigende Geste.

Ich begleitete ihn in die Stadt. Es wäre doch einmal gut zu erfahren, was ein obdachloser Redakteur so auf dem Sozialamt hört!

Nun: "Er solle doch mal eine Alkohol-Kur machen."
"Warum? Ei, das sehe man ihm doch an!"

Und was meint der Verachtete zum  kulturellen Ereignis der letzten Ausstellung im ZKM? Hier schweigt der einst mit Eurythmie aus der Kultur Vertriebene. In seiner, ihrer, Zeitung haben Gedichte und Bilder ihren Ursprung in einer persönlich gefühlten Empörung, in einer wilden Hoffnung, die mit dem Rücken zur Enttäuschung steht. Der Abstand des Frustrierten zum Gelangweilten ist zu groß, wiewohl der Eine nur den Kopf drehen müßte, um in die Seele des Anderen zu sehen.

Ja, Solidarität: nicht mit dem Lumpenproletariat meinte wohl die Linke, die keinen gesteigerten Wert auf seine Kandidatur legte. So kommt ein Obdachloser zu den freien Wählern.

Wir gehen in eine Bäckerei mit Café- Tischen, wo junge Verkäuferinnen lächelnd und mit spitzen Fingern ein Brötchen in die Hand geben. Die schlimmste Zeit sei ja nicht der Winter. Da hätten die Leute schon Mitleid. Im Frühling, da hätten die Kunden in den Einkaufspassagen zu viel zu tun, um auf die Zeitungen anbietenden verlotterten Figuren an den Eingängen zu achten.

Was ist Leben? Schwer ist es ohne Liebe. Wer legt Wert auf Deine? Sie ist nur noch ein Wort in Weihnachts- Geschichten. Du aber wanderst in der Wüste Leben, sie zu finden.

Fußgängerzone: Da wo die Gleichgültigkeit ist, da gehts die Borderline entlang. In Morast von Mitleid und Verachtung versuchst Du, nicht auszurutschen. Wo die Liebe schwand, hilft Freundschaft unter Verlorenen. Lass uns gemeinsam einsam sein. Helge nimmt Dich mit in die Schillerstraße.

Er ist weg.

Gott sucht vergebens nach einem Exemplar Straßenzeitung. Ich sehe wie sich das Vertrauen des Bürgers in den Bürger auflöst. Das Ich der Welt zieht sich in eine Familie zurück oder geht wie der japanische Dichter Basho im Leben schon leblos durch fremde Welten.

Aber ich bleibe Optimist und glaube an die Macht der Solidarität, die Eure deutschen Depressionen in ägyptische Hoffnungen umgießen wird. Mit Helge.

16.02.11 Klaus Wachowski