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Mittwoch, 10. Dezember 2008

Tölz Escape

Sehr geehrter Herr Wachowski,
Wahren Genuss erkennt man an der bleibenden Erinnerung.
Dank für Erkenntnis, Hapag Lloyd!

Aus Leidenschaft die Seele baumeln lassen, die Zeit vom Land lassen, Freiheit genießen, verzaubert werden, den Horizont berühren, an Muscheln horchen, den Rand der Welt entdecken, Geheimnis sprechen, nie gekannte fremde Kulturen studieren. Wie schön!
Ich fahre ins Tölz hinab. Von halber Höhe blicke ich auf den See, lasse ich das Papierflugzeug in ukrainische Erinnerung fliegen.
Wie viel Menschen doch zur gleichen Zeit und am gleichen Ort die Seele baumeln lassen können. Das gibt Knoten! Verzaubert werde ich da gerade nicht. Es fühlt sich eher an wie den Rand der Welt entdecken.
Ob es hier je den Raum Einsamkeit gab für einen Blick in die Schönheit? Ein hängen gebliebenes Tuch Nebel löst sich in den Bäumen. Die Berge recken sich zum Wolken fischen, die Wiesen inhalieren Thau.
In all dem Genießer-Gewimmel gehen zwei Männer. Der eine hat eine Mauer gegen das Schicksal errichtet. Der andere möchte ihn dazu überreden, ein Tor hineinzubauen. Der Hund wedelt Vertrauen bildende Maßnahmen. Eine Bö hat das verletzliche Blau des Himmels frei geweht. Es senkt sich in unruhige Seelen, die das Baumeln nicht lernen wollen. Eine Frauenstimme zaubert Frieden zwischen Vater und Sohn.
Da ist ein Tisch und ein Gespräch. Menschen können einander erkennen. Was für ein Leben!, denkt das Alter. Was für ein Leben würde die Jugend gern schreien?
Die Lady vom Jazz singt: This is not love. In einer Trauer, aus der die Hoffnung klingt.
Escape to life mit Klaus und Erika Mann. Und mich lass den wahren Genuss genießen in der Erkenntnis bleibender Erinnerung. Meine Gedanken horchen an der Muschel fremder Kulturen, verfangen sich, lösen sich im alpenlädischen Kleingeist, frisch im-portiert aus der Berliner Schnauze.
Schau, da baumelt eine Seele...
06.12.08 Klaus Wachowski

Sonntag, 30. November 2008

Bombayhass

Wie reich musst Du sein, dass man Dich so hasst! Was sind das für Menschen? Jugend kann leicht morden. Deshalb sind Alte wie Karadzic und Milosevic besonders widerwärtig. Bei den Jungen will man’s nicht glauben. Sie lächeln so lieb beim Abdrücken. Sie haben so viel Recht der Not hinter sich. So morden sie Menschen.
Das will nicht Mensch noch Gott. Und nicht Mohammed hat es Dir befohlen, sondern der Sohn eines Händlers vom Basar, der nicht Händler werden durfte und so Hassen übte.
Wir waren jung und zufrieden, als sie Symbole des Systems ermordeten. Unsere Helden hatten so viel Recht der Not hinter sich. So mordeten sie Menschen. Wie sanft sie dabei lächelten!
Unbarmherzigkeit als Unschuld. Ich glotze nicht die Helden-märchen auf der Leinwand. Mir wird schlecht, wenn ich meine Schuld erinnere. Mir wird schlecht, wenn ich sehe, wie wenig Reue auch die Helden meines früheren guten Glaubens haben. Waren wir die Menschen Liebenden doch nicht anders als die nazistischen Menschenhasser?
Weder arm noch reich, liebe ich die Reichen nicht, noch die Armen. Ich hasse nicht die Reichen, noch die Armen, von denen ich komme und viele von ihnen. Ich liebe Menschen, fühle mich den Menschen zugehörig, will kein Wenn und Aber mehr zulassen. Ich verachte den Hass auf die Armen, der aus Hartz IV zischt. Ich ekle mich vor dem Hass auf die Reichen, den wir zuließen.
Diese Republik sagt: Du gehörst dazu. Ich sehe: so gehört es sich unter frei geborenen, arm und reich. Und: Keine Macht der Gewalt noch ihrer dunklen Schwester List.
Das Leiden verlangt nun auch in Bombay Verfolgung und Bestrafung der Täter, ihrer Einheizer und Hassflüsterer. Du, der oder die sie als Helden betrachtet habt, seht ihr sanftes Lächeln beim Abdrücken der Waffen. Gott und Mensch will so etwas nicht. Wendet Euch nicht erst in zwanzig Jahren ab.
Der und die Du sterben musstest, mir nun näher als jene. Ich will so etwas nicht. Lass mich Dir gerecht werden! Das nun folgende Schweigen gehört der Trauer.
29.11.08

Montag, 17. November 2008

Schlapöcher radölen

Dies ist ein Kiesweg aus rundgescheuerten blanken Worten des Jerry Cotton, der Liebe, die dem Grauen trotzt, der Raf und Gottesdiskussion. Die Musik dazu kommt von der kleinen Jenny Superstar, ganz swungen.

Plötzlich ein unheimliches Knacken als Schatten.
Dann verfandelt heftiger Regen die Metropolenguerilla. Es ist die kollektive Befreiung eines Revolutionärs, eines Kaders Wille, Fähigkeit und Führung. Wir konvöluten viele Lösungen.
Das junge Mädchen mit dem trist rabenschwarzen Schulterhaar, den dunklen Augen, Teint und Lippen spürt die grausige Gänsehaut kribbelnd den Rücken hinauf. Sie radölt eine von Schlapöchern übersäte Straße.
Irgendwie fühlt sie Kerle mit Sargschauder. Und Cotton, dieser Wahnsinns-Jaguar, stemmt seine hundert Kilo aus dem Sessel.
Cotton, sind Sie es? brummt eine Männerstimme aus dem Gott sei Dank. Der rundliche kleine Mann dreht den Knauf: Bis der Tod uns scheidet, Baby!
Der Jaguar jagt kopfschüttelnd durch eine Gasse. Der Urknall kommt Grüß Gott. High hat alles arrangiert: Proletariat und Unterwerfung. Halt suchend rudert er Arme, was Schmerz ist oder Schock. Die Tür hat ihn schwarz vor Augen.
Hackett, der schmallippige Mund, lässt Russell Rank und Maria Molinari ein grausames Team des Todes. Das Killer-Paar knallt die Beretta, der schwitzende kleine Mann weicht so gut wie tot. Aber Gott will nicht sterben.
Bald darauf verscheidet Jonathan das wunderbare Kribbeln im ganzen Körper. Es streichelt und liebkost wie zärtliche Hände eines unsichtbaren Liebhabers. Wie Liebe auf den ersten Blick definitiv samtweich dunkle Gedanken des Tages umflattert.
Da sind Schatten von Hochgefühl und glühende, zornige Augen mit der Lautlosigkeit eines Tieres. Miranda zuckt Tränen der Verzweiflung, verdammte Schweine.
Noch schwirrt ihr Bienenstock um Jonathan Sipes und Jackson Manor. Kaum eine Viertelstunde vor Sonnenuntergang aber besuchen die dunklen Wälder von Gonne seltsame Gedanken.
Metropole der Herrschaftsapparate? So blauäugig bist du doch sonst nicht! Phil schüttelt noch lange den Mafiaboss. Nachdem wir den verdammten Haftbefehl, gehe ich Kusshand vom Gas.
*
Nach 20 Jahren kehrt Trewor McGee, ein Comic-Zekner und Alkoholiker, zurück an den Ort des Schreckens mit einer permanenten revolutionären Situation in einer Unzufriedenheit aller Schichten. Miranda seufzt Erinnerungsfetzen wie Nebelschwaden. Das sonderbare Wispern, das wie ihr Name klingt, wie Totenkiste und Vampir.
Er wartet alle Zeit der Welt. Ja er spukt noch immer mit heiseren Schreien durch Deine Träume. Aber ich weiß: diese Nacht erschaudern Wind und Wucht das Schicksal, Miranda.
Die Finsternis kommt mit Deutschlands Gruselprogramm. Ein Fall für Art Grobuc. Ununterbrochen trommeln Regentropfen das Erbe des Wahnsinns. Er weiß Angst, entsetzliche Angst...
Ich steige auf die Bremsen.
*
Alle Achtung grinst ein Jahrgang Gott.
Jonathan lächelt Kamin und wuchtige Ohrensessel. Er greift sanft hinab in dunkel klopfende Herzen.
Lassen Sie mich einen Test, schöne Dame: Sie swungen und nippen etwas seltsam Märchenhaftes. Bitte, verzeihen Sie, wundervollste Frau von Gefühlen und Verzweiflung.

Der gesamte Text kann beim Verlag lulu.com erworben werden

Sonntag, 19. Oktober 2008

Sebastian Haffner Erinnerungen 1914-1933

Sebastian Haffner
Erinnerungen 1914-1933 (DVA: ISBN 3-421-05409-6)

Ich bin immer wieder überrascht, in wie einfachen und doch zutreffenden Worten die komplizierten Zusammenhänge der Entstehung des dritten Reiches von Betroffenen geschildert werden können, die nicht den unübersichtlichen Teppich der Wissenschaft ausbreiten wollen.

Mich begeistern in dieser Hinsicht die prägnanten Bemerkungen Klaus Manns und Sebastian Haffners wie in anderer die systematischen Untersuchungen der Hannah Arendt.

Im Fortgang der biografischen Notizen Haffners fällt mir das Fehlen eines Übergangs auf zwischen dem national und sportlich begeisterten Jungen und dem von Welt begeisterten und von Werten der Republik überzeugten jungen Erwachsenen. Vielleicht ist es deshalb nicht mehr zu Lebzeiten zur Veröffentlichung gekommen.

Mir gefallen an diesem Buch zuerst die Klarheit der Auffassung , dann die Treffsicherheit der Schlüsse, Ernst des Bekenntnisses zur Republik und Leichtigkeit des Stils. Es waren nicht viele, die sich von einem Ansatz der Persönlichkeitswürde aus gegen die Herrschaft der Raubtierinstinkte wehrten. Die große Mehrheit lernte erst aus schrecklicher Erfahrung.

Gewalt und Herrschaft brauchen prunkvollen Schmuck oder schreckliche Wagnermusik, um die Vernunft zu verblöden. Wie schön muß es dieser sein, auch einmal einen reinen Kiesel blitzen zu sehen.

Samstag, 13. September 2008

Eine Giraffe für Karl Lagerfeld

Pinke Giraffe vor dem Horizont
There is friction in the space between. Sometimes a lie is the best thing.
(frei nach Tracy Chapman-Telling Stories)
Welches sind Deine Träume, und: bleibst Du jetzt für im-mer bei mir?
Ich erwache aus einer sommerlichen Ermüdung in einem geschäftigen Herbst. Blau tagt der Tag. Die Blätter zittern im Wort des Windes Ewigkeit. Die Einmaligkeit des Lebens singt im Ratschen der Rollläden, im Schimpfen der erschreckten Amsel, im Aufprall des faulen Apfels, im Brausen der Autos und in der Erlösung der in mich einströmenden Luft.
Damals sagte das Licht zu mir: Geh in das Leben. Es ist schön. Ich glaubte, gemeint sei Zukunft.
Ich sehe den 11. September. Im Schrecken des Menschen Wert und Welt.
Die Lichtstreifen im Himmel drehen sich umeinander, ineinander. Aus dem Wald schimmert die grüne Höhle Deiner verborgenen Wünsche aller liebenden Gemeinschaft. Von den Baumwipfeln senkt sich der Frieden aus Giraffenaugen. Golden glitzert es auf dem rosa Leib.
Dann geht Ihr Hänsel und Gretel in die Landschaft hinaus. Am Fluß wartet der sanfte Elefant auf die Elenden der Welt. Und Jesus bricht das Brot, und Rosa Luxemburg streichelt den blutenden Ochsen.
Eine Mutter fährt ihr Spielzeugkind zur Schule. Das wird mal ein guter Roboter, der seinen Erfinder überwindet. Ein Hund bellt aus dem Haß eines unterdrückten Herrenmenschen. Der Elefant macht einen Paradigmenwechsel, der Kanzler legt sein Bio-top ab, greift ins Hack mit Zwiebel und macht wieder auf 68. Die Supergebärende von 59 geht zurück in den Brutkasten, das Management in den Bierpool, Universal soldiers des Kartells. All diese Betriebswirtschaftsnudeln: Vom Schreibaby zur Bollywood-Schachtel.
Ich liebe pinke Giraffen und ihre Freunde in Barbie-Grün. Sie studieren Sozialarbeit und aus ihren Handtaschen lächelt verschmitzte Betriebswirtschaft. Mit 40 bricht plötzlich das Ich aus, die Körperpflege und das Lesen von Romanen. Ferne Welten, ersehnte Lieben aus der Haut einer rosa Giraffe.
Ein Rudel Spielzeugkinder hüpft vorbei in die Frühherbstsonne. Großeltern träumen unzutreffendes Glück der Erinnerung unter Kinderhimmeln. Der Kaffee löscht Bitterkeit in süßer Bitternis. Feucht glänzt in der Sonne eine Unterlippe pink. Welches waren die Küsse?
Die Heimat der Götter versinkt in einem Lichtermeer. Eva in der Wanne vom goldenen Wasserhahn spürt das Einströmen der Reiselust ins Rentenalter, als ein Post-68er Trockenstraus auf dem vergessenen Barocktischchen einer vom Wort des Windes Ewigkeit ausgedörrten Liebe auf den ersten Blick. Die pinke Giraffe beugt sich vom Horizont herab, Dich küssend zu erlösen.
Alles wird gut: Gott schlägt Boris Becker im Dritten Satz 3:0. Deutlich ist sein Faltenhals zu erkennen. Yasunari Lagerfeld kommt wieder in den 68ern an. Das Verfassungsgericht sagt okay zum Pferdezopf eines selbst sein wollenden Polizisten.
Der Sikh rollt seinen Turban aus. Brauchtum hat auf der ganzen Welt einigen Geruch. O Zillertal, O Taliban!
Der Schlagersänger bemerkt, dass der Weg zum Regenbogen durch das Tal der Einsamkeit führt. Er bietet der mehr und öfter weniger schönen Bier und Wein auf dem Sofa. Sie hat natürlich gemerkt, dass er auf einen vergrabenen Goldtopf spekuliert und von der Einsamkeit Meer verschlungen werden wird. Sie läßt sich sein Schmeicheln und faules Streicheln gern gefallen und schickt ihn, bevor er sich in weichen Pfühlen beweisen muß, zurück in die Hitparade.
Die pinke Giraffe hat einen 3-Tage Bart. Sie möchte die Autoschlange vergessen. All diese japsenden Blicke, all diese Rottweiler und Genuß ins Genick beißenden Katzen auf dem Weg zum Autoschalter des Schlachthauses. Party und Lynchparty der wunschlos glücklichen vom Wiener Schnitzel. Ein Schrei:“ Oozabfd iis!“ –, es kracht wie Knochen. Der Himmel bekommt einen fürchterlichen Riß im Display.- Und sie fragt sich mit Virginia: Gibt es Geschichten?
Hinter den Wolken das Antliz der barbie-grünen Schwester. Und hinter ihren Flügeln vom Traum plötzlich der Elefant. Die rosa Giraffe beugt ihren Kopf herab in Deine Tränen, meine kleine Schwester vom Rand der Wüste, die kein Medikament rettet, weil der Forscher in die Abrechnung statt ins Mikroskop guckt.
An den Blättern zeigen sich erste Verfärbungen. Rot. Rot blühen die Rosen am Strauch. Rosa wiegen sich die feinen Blüten der Mimosa Jerusalematis. In den Grüßen der Menschen liegt wieder Wahrhaftigkeit.
Die Ouse rauscht auf. Aus den Wellen ragt der Kopf einer Giraffe von pink.
"Und dann kriegste 20 Millionen, brauchste nie mehr arbeiten." Lege Deine Schuld in einen brennenden Tränenfluß und gehe nackt dem Wind des Atahualpa Yupanqui entgegen.
Der Bademeister im DP-Camp Föhrenwald stellt sich als SS-Mann heraus.
In der Scheibe des Regenschutzes, -edel gibt sich der Mittelstand- sehe ich mein gelbliches Gesicht. Wie lange noch? Ich rede fern am Telefon von meinen Erfahrungen als Kämpfer gegen die Entwerter und gegen die Mißbraucher von Macht. Von Mißerfolg und manchem Gelingen. Von Fehlern und Schuld, von Reue.
Du bist schon auf dem Weg. Du hörst zu, aber Du sagst auch das Eigene. Froh höre ich in Deiner Stimme Zaghaftigkeit und die Absicht, sie zu überwinden, Sensibilität und den Wunsch, sie Dir nicht nehmen zu lassen. Ich höre den Rhythmus des Herzens, der durch die eine Seite des Flusses Mensch klingt. Singe auf unserer Seite des Chores.
Du aber halte weiter fest die andere Sehnsucht nach eigenem Raum für Dich und all die Freien, auf den Wanderungen der Freien. Lass uns das Leben springen sehen unter der Sonne, im Regen und zu den Sternen...
Du schließlich schütze es, so gut es geht, und Achtsamkeit gewähre Dir Unterstützung, vor den Schrecken von Unglück und Schicksal! Ich wünsche Dir aufmerksame und fröhliche Nachbarschaft, Verläßlichkeit für Vertrauen im Chaos Leben.
Ich höre das Lachen der Macht. Ich atme die Luft der Freiheit. Die Liebe berührt meine Sehnsucht. Eros aber verschlingt mich.
An der Schneewand des Yasunari Kawabata erwache ich. Es glitzert von tausend winzigen Stichen aus Reflexen des Sternenlichts.
Ich nehme Deine Hand und lege sie in die des sanften Elefanten. Dunkel erhebt sich sein Schatten aus Deinem Vertrauen. So gehst Du vor ihm ins Tal. Es duftet nach Blüten, Früchten und einer verborgenen Ecke Kindheit. Dort warst Du frei. Dort wirst Du Teil sein von Freiheit und Gemeinschaft der Menschen.
Kehre zurück in die Sehnsucht vom Ursprung her. Auch ich fühle es.
Pinke Giraffen versammeln sich an einer Wasserstelle mitten im Horizont. Eine Herde Elefanten gesellt sich dazu. Friede erhebt sich aus Afrika. Eine pinke Giraffe für Karl Lagerfeld.- Und Dich.
13.09.08 Klaus Wachowski

Sonntag, 3. August 2008

Der Sonntag vom heißen Sand.

Dieser Sonntag riecht wie eine faule Feige, schreibt der japanische Schriftsteller. Ich sehe heißen Sand zwischen den Gemüse-Beeten. Wer hat Gemüse noch im Garten? Es wächst weit draußen, wo der Bauer seine Bulgaren vor der Erntemaschine her treibt.

Der Schatten des Hauses schneidet ein Stück des Gartens weg. Ein grau bestäubtes Kraut, eine schlaff auf der Erde liegende grüne Frucht begrüßen die Einsamen und Geschäftigen.

Es lockt aus dem Schatten. Sie aber kommen aus den Regentagen. Sie schleppen sich zu den Begegnungsstätten der Hoffnung und der aufgegebenen Sehnsucht. Da gibt es Sonnenschirme und Kaffee vom stehenden Wasser. Die Männer zeigen einige Zentimeter liebestötende Ritze über verrutschtem Gürtel, die Frauen spreizen die Finger, bevor sie das Eis über die Zunge schieben, während der ausgehungerte Magen sich die Wände wund reibt.

Was schwirrt so lustig in den Gesprächen? Der Mann versteht nicht. Seine Gedanken versinken im Bild eines in glühendem Sand angelegten Gemüse- Gartens. Der Rauch seiner Zigarette findet den Weg nicht in einen fröhlichen Winkel der Mittagsstunde.

An einer Rose vorbei gehe ich zur Arbeit. Ein Stück saure Fruchtgummi-Schlange liegt am Weg. Eine blau-lila Budelaia und ein Presslufthammer grüßen mit Bienen und kreischendem Abriss. Migräne kommt, Amsel und Rotschwanz, LKW und Musik-Brüllen aus Bayreuth.

An einem Körper mit weichen Haaren ruht die Erschöpfung sich aus. Sie träumt von einem in der Hochsommerhitze liegenden Garten. Im Sand verdurstet die Seele.

Unter einem Kürbisblatt spitzt ein Regenpfeifer die Lippen, um eine Wolke herbeizupfeifen. Der Himmel öffnet ein dunkles Märchen, aus dem Schatten von Träumen auf die Erde wehen. Sie wirbeln die festgezurrte Wolke des Regenpfeifers über die Beete. Eine Schnecke bricht aus dem Sand hervor.

Und dann ein Gewitter.

Die Bäume biegen sich.
Sie weinen.
Ein Knall.
Die Leitungen!
Der Nerv des Lebens.

Ein Hund kläfft verzweifelt.
In den Bergen wird ein Mensch erschlagen.
Regen wäscht uns fort.

All unsere Verbissenheit weicht
einer frohen Hoffnung
auf einen neuen Tag.

Klaus Wachowski (bei lulu.com) 31.07.08

Sonntag, 13. Juli 2008

Blick von der Elbe

Ich warte auf den Schrei der Schwalbe. Das Wasser fließt in grünen Windungen zwischen Sand und grünem Kraut. Goldenes Licht greift in goldene Felder. Keine Menschenseele haucht dem Bild unter Blau einen Lebenslaut ein.

Die Waggontür knallt auf. Gespräche schäumen durch den Raum. Frauen in Kopftüchern und freie Frauen, Männer aus Orient und Schicht, dunkle, weiße, lärmende Kinder erfüllen den Raum mit glitzerndem Jetzt.

Unter der beschützenden Decke rücken zwei erglühende Körper zueinander. Du schließt die Augen und spürst das Verlangen. Die Ewigkeit spielt warm und feucht an den Ufern Deiner Verletzlichkeit. Ohne den Schritt in die Hingabe wirst Du den Weg zurück zu Dir nicht mehr finden.

Auf einem Platz an der Dorfstraße sehe ich die Schwalben fliegen, hoch über ihren Kreisen den Bogen des Bussard. Ein verirrtes Auto bladdert über das Naturpflaster. In einem der Hoftore dreht sich ein Schlüssel. Die Einsamkeit von zweihundert Häusern bricht in den Frieden vom Abendrot ein. Ich höre den blitzenden Schrei der Schwalben. Ich versinke in Gegenwart.

Dein Wort öffnet mit einem Knall die Tür des neuen Tages.

5.7.08

Montag, 16. Juni 2008

Luftballon



Laß Musik,
laß Verstand
auf dem Flug in die Sehnsucht,
die Erinnerung sucht!-
Weit voraus die Boote
Eurer El-Dorado-Hoffnung
vom Märchenland.

Ein Schuß ins Tor,
ins Herz des Feindes,
den Du "Bruder" riefst.

So, alter Mann,
so, Frau, vom Haar so grau,
weht der Wind vom Meer
Dein fliegendes Gebet
in einen Garten.

In den Ästen eines Baumes
flattert eine Sehnsucht hoch
von Erinnerung,
Erinnerung.


16.06.08 Klaus Wachowski

Sonntag, 1. Juni 2008

Philosophische Psychiatrie

*
Wes bedarf der Mensch? Nicht des Brotes allein. Aber so baut er Städte, so brennt er sie nieder.

Er riecht an einem Jasmin aus des Propheten heiligen Garten. Er tritt das Gaspedal des Terrortrucks ganz durch. Er hört den Ruf des Pfau.

Ein Märchen zieht den Wickelrock aus, legt das Kopftuch um seine Glatze. Er küsst es auf den Schnittpunkt des Eros mit der Phantasie.

Die Wälder versinken, das Geheimnis des dunklen Brunnens versiegt, ein Pfauenruf wie ein Todesschrei.
Le seminatori de grano des Gianmaria Testa. Sie kommen über die Hochebene mit sorgsamen Schritten. Sie säen das Korn verborgen vor den Fernstechern der Polizei. Und die Sonne erhebt sich in einen neuen Tag des kollektiven Freizeitparks.

Der Sozialaristokrat Plechanow erschrickt über den Zugang einer Seniorengesellschaft zu den Bedürfnissen, ein verrosteter homo dubiosus für das Privatfernsehen, dieser Privatversteher mit echten Rentnern in der Vitrine.

Schlaufweichungen bedrohen die Stadt. Die Stücke, die den rund 100 Zuschauern bei ihrem Pilgerzug durch die Innenstadt im 20-Minuten-Rhythmus gezeigt werden, sind spannend, skurril, brutal und witzig zugleich. Die ganze Bandbreite zeitgenössischer Dramatik eben.

"In uns herrscht die Brutalität, und es ist nur die Balance von Schutzfaktoren, die den Ausbruch verhindert," sagt Roth. Spannend und bedrängend zugleich.

"Kampf der Wampe!", ruft es aus der Wellnes-Ecke: "Bauchfett bringt Stoffwechsel durcheinander."

Braun ist die Hütte, aus deren Inneren Adjou auf den Lärm hinaus sieht. Er hat die Zeit der ideologischen Massenmorde überlebt, Flucht und Aufbau und nun das hier: der kollektive Freizeitpark von Gnaden der Gleichgültigkeit. Der Mensch als Zuschauer. Laß, laß... Soviel Wahn, Hoffnung, Sehnsucht umsonst. Soviel Sterben für Leben umsonst... "Hallo, Bidjou!", eine Liebe, eine verlorene Lust.

Ein Priester stolpert vorbei. Mal Missionar, mal Entwicklungshelfer gewesen, jetzt einsam in der Leere einer juxenden, juckreizvollen Genusswelt. Der Sinn im Genussmittel, Sinnlichkeit und Ichverlust der Lustgesteuerten. Wo bist Du, Gott des Whiskey? Sind besoffene Massai wirklich von besoffenen Deutschen zu unterschieden?

Da draußen, dieses alles beäugelnde endlose Verliebtsein, ein Bienenschwarm. Von der Arbeitsameise zur Lustmaschine. Man spielt Politik, Diktatur, Lynchjustiz und säuft Blut aus Cocktailgläsern des Privatfernsehens. Verbrechen aus Lust verdrängen Verbrechen aus Leidenschaft. Der Physiotherapeut lockert den schmerzenden Muskel, foltert abends für das Sadomaso-Casting. Superstar, Supercop, Superdepp, ist das der Höhepunkt der menschlichen Entwicklung? Ich bin der Herr, Dein Jux, Du sollst keine anderen Animateure neben mir haben.

Für Karl Kraus war es gefährlicher, einem Kärrner als einem Kaiser, es kommt so weit, dass es schlimmer ist, einem Bohlen die Wahrheit zu sagen.

Neue Formen des Verbrechens: Morden aus Lust, Zusehen aus Lust, Wiederholung der Lust in der öffentlichen Präsentation. Wo bleiben die neuen Strafen? Bürger zu Kunde, und noch tiefer sinkt die entpersonalisierte Person: zum Publikum. Den Anspruch auf solidarische Hilfe haben die Hartzer von Cohiba und Currywurst in ein Billet zur Teilnahme an einer Massenfütterung umgeswicht. Chips und Spiele.
Sportler und Schauspieler, Moderatoren und Mediendiktatoren werden Präsident. Die Republik erwartet den Einzug des Blumentopf-bekränzten Caesar. Die Provinz spiegelt den Zerfall in der Erektion von Dialekt, im kollektiven Orgasmus von Heimatfest und Lynchjustiz.

Rom geht unter im Imperium. Primitive fundamentalistische Cliquen und Stammesverbände vom Pflasterstrand brennen ihre Tribals in die adipös gewordene Beute.

Adjou erinnert sich an das Fest der Psychiatrie, bei dem seine Analytikerin im Dutt umherstolzierte. Er wird nie mehr vertrauen.

Die Band spielte einen traurigen Rock aus kahlen Köpfen und erlöschenden Leidenschaften. Roberto Blanco und Stefan Silbernagel aber lächeln einen immerwährenden Spaß vom Sonntag.

Ein Wolkenbruch jagt die Glückseligkeit auseinander.

Der Mensch wird wieder zu sich zurückkehren: Dort schnattern Drei über allerlei bunt blühende Belanglosigkeiten des täglichen Werdens und Vergehens, Tod und Geburt, Verwandtschaft, Nachbarschaft, Schönheit und Schäbigkeit. Alle Gentechnik hat Unterschiedslosigkeit nicht heranzüchten können. Man lebt an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Sonnen- und Schattenflecken. Auch sein Klon, zwei Tische weiter lacht ein anderes Lachen aus einer anderen Erfahrung von Einsamkeit und Vertrauen. Was weiß er von Bob Dylan und Bierbauchhormonen? Es ist gleich, ob wir gleich sind oder einander nur gleichen.

Alles ist eitel in der Abwesenheit des Wissens um das Lebend-Dürfen, Sterbens-Müssen. Adjou lacht. Sein Klon fällt ein,- eine zehntel Sekunde später. Der entscheidende Unterschied, der nicht mehr nur räumlich ist.
Er sieht hinaus, der Mensch kommt zu sich. Es gibt das Leben. Es gibt den Tod.

30.05.08 Klaus Wachowski

Montag, 26. Mai 2008

Drückendes Idyll

Vom Tod her springt ein scharfer Schatten.
Ein Alter flickt an seiner Liebe.

Er stellt ihr einen Tee hin, er staubt die Bilder ab. Er reist mit ihr in verschlafene Landschaften. Er versucht zu sprechen.

Lange Jahre sind sie zusammen. Lange Jahre haben sie am Haus gebaut, die Kinder durch Grobes und Schönes begleitet. Dann waren sie plötzlich allein und spürten an ihrer Einsamkeit, wie wenig Liebe noch da war. Das einander Vertrauen, Verzeihen. Aber auch das einander aus dem Weg gehen.

Sie helfen, sind freigiebig, jeder an einer anderen Ecke der Gemeinschaft. Er stürzt sich ins gesellschaftliche Leben, sie zieht sich in esoterische Kreise zurück. Der Tod wirft einen scharfen Schatten aus der Erinnerung.

Er holt eine Nadel hervor und sticht mit ihr durch ein dickes Leder. Sie hält das Werkstück. Aus einem fernen Ort, grün und schattig, malachitener Verführung Dom, bohrt sich ein Schmerz, brennt sich tiefer ein.

Sie nähen und bleiben einander fern von Abgrund zu Abgrund. Komm, las uns einen Wein trinken! Vergessen gegen die Welt. Er träumt vom Vergessen des Orgasmus, leidet an Sehnsucht und Verzweiflung. Sie betet in unzählige Himmel der Leere, ein: Wo bist Du, mein Gott?! Noch einen Schluck gegen das Schweigen. Aber Reden verletzt. So, nimm eine neue Nadel, den Mund, die blutende Wunde zu schließen.

Sie webt an ihrer Liebe. Duldet Berührung. Horcht dem Laut hinter seinen wilden Worten, brüllenden Wünschen nach. Es war einmal. Sie schlafen am Leid des anderen.

Ich aber gieße meinen Garten, und rieche den Duft unserer Liebe, der Freiheit, die wir uns lassen, nehmen, ersehnen.

Und meine Worte fliegen wie einander kreuzende, schwarz-glänzende Schwalben auf einen fernen langen Schatten zu. Ah, Ihr Menschen, nehmt Eure Nadeln und Fäden zur Hand. So groß ist der Riss in der Liebe!

26.05.2008 Klaus Wachowski

Dienstag, 13. Mai 2008

Wer denkt noch an Dich?


Ich will die Welt jetzt einmal mit Deinen Augen betrachten.

In meinem Alter hast Du noch einmal das Böse im Menschen erblickt. Ermordete und Gefolterte, Srebrenitza. Und das Heucheln kalter Verwalter. Die von Kreisgrenze zu Kreisgrenze weiter geschobenen Flüchtlinge.

Wie sollte es Dir möglich sein, dem Wort zu vertrauen? Du hast geholfen und gekämpft.

Den Menschen konntest Du trauen, denn sie zeigten sich auch als Nicht-Täter. Es half die Stimme des Johann Sebastian Bach, es half die weise Unvernunft einer Katze.

Die Kalten haben in der Zwischenzeit wieder neue Sprachregeln gelernt, sind auf angepasste Art in geblieben, unbarmherzig, wie allgemeiner Wille und unveränderliche Gang der Mode es verlangen.

War es im Anfang, ist es A und O? Du nimmst das Wort und fragst es: "Was sagst Du?" Es verliert sich in Buchstaben und diese im Tanz des Rabbi mit der Thora. Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Du sagst: "ln die Gewissheit des Nicht-Wissen-Könnens". Und die Katze schnurrt Zustimmung.

Du nimmst den Sonnenschein zwischen Daumen und Zeigefinger und zerreibst ihn mit Oregano in einen Deiner erfrischenden Salate.

Lass mich zurückblicken.

Der Rhein macht eine Biegung. Das Kind träumt ein Blatt von Grün, einen Strom und eine Sonne. Da ist der Friede von drei älteren Frauen, da ist Vertrauen. Da entfalten sich die Falter von Träumen unter den sanften Berührungen guter Wünsche von Himmel und Glück, im fernen Land Kindheit.

Das ist mit mindestens eben solcher Gewissheit Wahrheit wie das Gähnen einer wichtigen Präsentation.

Eine Wiese blüht an der Böschung, in dicken weißen Blumen. Es ist warm. Es ist Lust. Zwei Enten mit plötzlich explodierendem Flügelschlag. Plötzlich mitten im Kaff, mitten aus der Unterführung vier schwarze Jungs, im Hip-Hop. Ein paar eingeborene Jungs lallen gestört, sind aber mit giggelnden Girlies beschäftigt. Es wird nichts geschehen. Hier, Mama, Dein six-pack. Prost Muttertag! Das Wunder Mensch vorhersehbar grausam und cool, vorhersehbar erschüttert. Sagst Du ein Ja, dann ist es auch eines zur Unmenschlichkeit. "Nein!" Sagst Du: "Mein Ja nimmt in Kauf, sagt nicht: "Nur zu!"" -

Ich zeige Dir Max Frisch vor 36 Jahren in New York. Watergate, der Angriff auf die Republik aus dem Machtzentrum heraus. Schwarze Zeichen. Ein 50jähriger blickt zurück in ein Leben der Ungewissheit. Er hat Dir sicher gefallen in seiner nachgrübelnden Einsamkeit.

Immer haschen wir vergebens nach dem Sonnenstrahl. Er schenkt sich jeden Tag und unverhofft. Wie sehr kämpft der Beobachter in Max Frisch doch darum, Teil zu sein!

Liebe, oder vielmehr das Gefühl, geliebt zu sein, ist nicht ein selbstverständlicher Teil von Beziehung. Wir haschen nach Sonnenstrahlen.- Bedauernswert. Beneidenswert aber nach dem Eintritt des Unerwarteten. Max Frisch schildert das Gefühl von befreiter Einsamkeit unausweichlich und klar. Am Rand des Frühstückstellers sind ein sind ein paar Kräutlein als Deko angeordnet. Das Leben ist mehr als Gegenstand der Betrachtung, Liebe kein Schnitzel.

Ein 50jähriger singt einen traurigen Chris Rea. Die Freiheit des Alters zu reisen und zu fallen. Sieh den Bruder, die Schwester obdachlos. Was willst Du sie in Deine Unterkünfte des einsamen Glücks locken? Hast Du auch ausreichend Liebe von der guten Sorte parat?

Mein Gitarrist: von der Freiheit hast Du inzwischen die Süße und das Bittere geschmeckt. Wage noch einmal, bei der alten Liebe anzuklopfen. Kannst Du Dich nicht erinnern? Vor 10, 20, 30 Jahren, es war doch immer ein Anderes, was sich da öffnete, was Dich da auf andere Weise nach Licht und Schatten haschen machte. Aber es war da so ein seltsames Deko-Kräutlein am Tellerrand...

12.05.08 Klaus Wachowski

Sonntag, 4. Mai 2008

Ego, Liebe, Mitfühlen, Freundschaft

Ego, Liebe, Mitfühlen, Freundschaft

"Demnach gibt es, den vier Gestalten des Satzes vom Grunde gemäß, eine vierfache Notwendigkeit:

Die logische, nach dem Satz vom Erkenntnisgrunde, .. Die physische, nach dem Gesetz der Kausalität,…

Die mathematische,..

Die moralische…

Arthur Schopenhauer

Ein kleiner Essay zur Gefühlsverwirrung

für Arthur Schopenhauer

Ob die Liebe zur Wahrheit uns klüger macht? Das Gegenteil ist der Fall: sobald wir die Philosophie betreten, beginnt der Boden zu wanken, flattert unser Wissen in tausend Bedenklichkeiten davon, denen unsere Fragen tölpelhaft und erfolglos nachspringen. Unbelehrbar werfen wir neue Netze aus.

Nichts ist uns gewisser, als Ich und Welt. Kant und Schopenhauer zeigen, dass es keinen Beweis gibt, der uns die Existenz von Ich und Welt belegen könnte. Wir müssen so mit der unmittelbaren, vor jedem Beweis -a priori - gewissen Gewissheit vorlieb nehmen, dass die Welt eben nichts weiter ist als erkanntes Objekt und nie erkanntes, erkennendes Subjekt.

Dass die Welt mehr als Vorstellung ist, davon gehen wir von Geburt an aus. Meinem Ich entspricht ein Du, ein Ich-noch-einmal in anderer Gestalt. Diese Menschen sind nicht Schatten oder elektrische Automaten. Ich weiß es nicht von Beweisen, sondern es ist Teil des Selbstbewußeins, das auch das von Anderen ist. Das Baby empfängt in den taktilen Reizen nicht nur ein gutes Gefühl oder zu wenig davon, sondern auch die wohl tuende Gewissheit "Mutter". Es soll psychische Erkrankungen geben, die sich im Verlust eben dieses "Das Du ist ein Ich" zeigen.

Kann der Mensch mehr als 4 Kategorien gleichzeitig nicht betrachten? Gibt es eine Verführung zum symmetrischen Klassifizieren? Der vierfachen Wurzel vom zureichenden Grund in Bezug auf menschliche Erkenntnis scheint mir - ohne erkennbaren systematischen Bezug aus der Sache - eine vierfache Ausgestaltung, Orientierung des (moralischen) Fühlens gegenüber zu stehen.

Wie im Traum erscheint uns oft die Automatik des Handelns bei gegebenem äußerem Reiz. Viele, auch ich, lassen sich leicht dazu verleiten, aus vorhandenen Reizen auf ein notwendig folgendes, bestimmtes Handeln zu schließen. Sie überschätzen dabei die Möglichkeit, Stärke und Gestalt der Irritierbarkeit des Charakters einschätzen zu können, dessen Beschaffenheit und Zustand ja den dem Reiz gleich wichtigen zweiten Teil des Motivs ausmachen, das die Handlung zeugt.

Vier unterschiedliche Formen kann der Charakter bei der Begegnung mit Reizen für den Willen annehmen. Sie ähneln einander und werden daher bei der Auslegung von menschlichem Handeln oft verwechselt. Von daher erklärt sich mancher Unterschied in der Beurteilung von Motiv und Charakter. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, die Unterschiede der Willenserscheinung fest zu halten, sie nicht miteinander zu verquicken oder gar aufeinander zu beziehen. Licht und Wärme verhalten sich als elektro-magnetische Wellen, können Körper dazu anregen, jeweils auch die andere Erscheinung zu zeigen, nicht aber selbst sich in die andere Form verwandeln. Von den vier Erscheinungsformen des Charakters: Egoismus, Liebe, Mitfühlen und Freundschaft können alle gleichzeitig in einer Handlung sichtbar werden, sie bleiben jedoch unvermischbar voneinander getrennt.

Egoismus

ist die Orientierung des Willens, die auf Erhaltung und Entfaltung des Selbst zielt. Anderes und andere Personen werden in die Rechnung als Mittel oder Störung einbezogen, für dieses Fühlen ist alles außerhalb des Selbst ohne Reiz. Der Egoismus geht über Leichen, sofern Angst oder Lust nicht anderes Handeln empfehlen.

Adam Smith und Karl Marx gehören zu den Theoretikern, die dem Charakter außer dem Egoismus andere Motive des Handelns nicht zusprechen. Zu Mitleid, Liebe und Freundschaft fällt ihnen nicht viel mehr ein, als dass es sich um unbedeutende Gefühlsäußerungen handelt, die der Entwicklungsautomatik einer nach egoistischen Motiven unaufhaltsam voranschreitenden Welt im Weg stehen. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Und das Glück kommt über die vernünftige Einigung der Wölfe oder durch den Sieg der stärksten zustande. Bei Marx dadurch, dass die Fleischproduktion so groß ist, dass der Egoismus satt ist. Sie vernachlässigen bereits, dass der Egoismus keineswegs auf eine allgemeine Entwicklung ausgehen muss, sondern auch ganz vernünftig auf irgendeinen roten Knopf drücken kann, um etwa seine Ruhe zu haben. Selbstmord des japanischen Piloten eines Passagierflugzeugs. Und selbstverständlich will nicht jeder Egoist auf seinen Kühlschrank warten, bis alle einen bekommen haben. Schließlich ist neben friedlichem Konsum auch die Aufregung der Freiheit für manchen Egoismus von Interesse (DDR), daneben all das zwischen Kultur und Religion, Sex, Drugs Privatfernsehen & Rock´n Roll, das Gesetze, Diktatoren und Amokläufer auf den Plan ruft.

Liebe

Das Ego braucht Handlungsfreiheit, die Liebe Nähe. (Die Lust ist ein Trick der Natur, beide zu Fortsetzungszwecken unter eine Decke zu kriegen. Dabei hat sie vergessen, dass Lust auch ohne Liebe lustig reitet und diese auf Nähe, nicht auf sexuelle Form geht.)

Vom Anfang des Lebens bis zum Ende begleitet Dich Liebe oder die Sehnsucht danach. Sie gibt und nimmt ihm seinen Wert. Alle lieben, zu wenige werden geliebt, noch wenigere von denen, nach denen ihre Sehnsucht geht. So kommt mit der den Egoismus fesselnden Liebe, die Einsamkeit, ihr Leid. Mein Freund und Therapeut H: das ist meine Antwort auf die Frage, warum Einsamkeit weh tut.

Der Mönch sehnt sich nach der Liebe selbst und nennt sie Gott. Der Buddhist versucht mit dem Ich sowohl den Egoismus als auch die Liebe blöd zu meditieren. Es gibt bei irritierbarem oder grobem Nervensystem und Erfahrung mit zu enger Liebe Aversionen gegen sie, aber irgendwo ist immer auch eine schmerzende Sehnsucht oder Erinnerung nach - Liebe, Familie, Nähe.

Die Pubertät als eine Zeit der intensiven Selbstfindung, Wendung, kann als Entwicklung des Ego verkannt werden, wenn ihr Ziel außer Acht gelassen wird: die Ermöglichung erwachsener Liebe zu einer, einem Anderen durch Auszug, Flucht aus der Kindheit und ihrer Liebe. Kaum ein Lebensabschnitt weist weniger Kälte und Unbarmherzigkeit aus, aus befreitem Ego, aus der Rücksichtslosigkeit großer Liebe.

Mitfühlen

Mitleiden - aber auch, sich an Leiden Weiden, Bosheit- ist eine eigene Form der Erregung des Willens, die weder auf das Wohl des Ich noch auf die liebende Verschmelzung mit einem Du gerichtet ist. Der Mitleidende muss helfen, um zufrieden zu sein und hat insofern seinen Lohn dahin, weshalb die Frage des Egoismus: "Was hast Du davon?" nicht gerade von Urteilskraft spricht. Aber nicht eigenes Wohl sondern fremdes Weh ruft ihn zur Tat. Das Leid öffnet in diesem Fall den Schutzmantel des Selbstbewusstseins und veranlasst uns, aus einem uns fremden Willen heraus in seinem Interesse zu handeln. Neben Leid steckt aber auch Glück an. Begeisterung ist die Form dieser Äußerung von Mitfühlen.

Wie beim Egoismus und der Liebe können wir auch hier zwar beschreiben, worauf dieses Fühlen ausgeht. Was diese im Handeln sichtbare, im Fühlen deutlich unterschiedene Regung an sich ist außer Wille, können wir weder mit Sinnen noch mit der Vernunft erkennen. Die Neurobiologie hat nun den Ort des Mitfühlens in den Spiegelneuronen entdeckt. Ihre Aussagekraft wird überschätzt. Auch sie kann wie jede andere Wissenschaft das wie, wo und wann von Erscheinungen nachweisen. Das Was und das Daß zu bestaunen bleibt der Philosophie und der Religion. Ob das, was die Spiegelneuronen im Charakter auslöst Mitleid sein kann, ob jenes Mitfühlen nur eine phantasierte Erscheinung ist oder dem entspricht, was ich bei mir als Mitfühlen empfinde, das kann ich nur spekulieren. Ich und Du sind mir offensichtlich ohne weitere Erklärung a priori vorhanden.

Den Unterschied zum Egoismus können wir leicht erfühlen, den zur Liebe erfahren wir z. B. in den Fällen der Verliebtheit, wo Mitleiden Annäherung vielleicht zulässt, aber, für den Enttäuschten deutlich fühlbar, nicht will. Das Kriterium, das Liebe zur Beantwortung der Frage nach Erwiderung der Liebe anwendet, sofern noch Urteilskraft und Sensibilität übrig ist, ist Interesse: Sie fragt argwöhnisch: Hast Du denn überhaupt Lust mit (nämlich Interesse an) mir? Dramen beschreiben den Irrtum Liebender über das Motiv einer -nur- helfenden, nicht verliebten geliebten Person. Wie oft enttäuscht aber auch Begeisterung den Liebesbedürftigen, deren Interesse ja nur auf einen Zustand, nicht auf das Wesen einer geliebt sein wollenden Person gerichtet ist.

Ausflug: Liebe und Moral

Auch ich habe kein Darlehen für die Hungernden aufgenommen, sondern ein Haus gebaut. Auch sonst hätte ich mehr helfen können. Ein Verrat von 68 bestand für viele in der Abwendung vom Mitfühlen bei Rückzug in die Beziehung (ein anderer an der -politischen- Freiheit durch Hochzeit). Auch ich habe kaum noch Treuepunkte. Freude am Leiden, die Rückseite des Mitleides, fesselt tausende von Fernsehzuschauern etwa beim Vergnügen DSDS, das hauptsächlich darin besteht, Hoffnungen zerstört zu sehen. Selbstverständlich sollte eine auf Genuss an Entwertung gehende Sendung verboten werden. Auch Grausamkeit, diese dunkle Form des "Mit"gefühls, kann stärker sein als der Egoismus, der z. B. den Verbrecher empfiehlt, rechtzeitig vor der Entdeckung zu fliehn, statt sich weiter am Anblick von Leiden zu freuen.

Freundschaft,

Solidarität, sympathisches Interesse des frei geborenen Menschen am Menschen lernen wir wohl zuerst in der Begegnung mit Schwester und Bruder kennen, wo wir über das Familienband der Konkurrenz (wer ist Mutter oder Vater näher) hinaus gemeinsam handeln. Mit Liebe verwechselt ("wir sind alle eine große Familie") geht sie eben anders als jene nicht auf Nähe und Verschmelzung aus, sondern auf Raum lassende Gemeinschaft der Unterschiedenen, der im Wert gleichen, der Freien, die ebenso Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wollen.

Freundschaft ist das Modell der Republik, Familie wird gern als Modell des Feudalismus und Faschismus zitiert und in mafiosen Cliquen. Die Band der 70er Jahre war ein Symptom der diese Jahre prägenden Kraft Freundschaft, der Backslash ins Ego brachte den Starkult.

68 war die Zeit des Aufbruchs aus der Familie in die Solidarität. Sexualität, Befreiung des Ich, wollte gleich und herrschaftsfrei unter Gleichen genossen werden. Liebe war das Wort, aber nicht sie war gemeint, sondern einmal Caritas, Nächstenliebe oder Liebe zur Menschheit, Freundschaft mit allen als frei und gleich gedachten Menschen. Als Liebe dann real in ihrer sozusagen dreidimensionalen Form auftrat und als Todesengel der Freundschaft Paare und Familien aus der Bewegung der Solidarität weg zum persönlichen Glück zog, war das "Verrat der Spießer", also das Schlimmste, was sich denken ließ. Heute, aus der Beziehung wieder zu sich kommend, entdecken viele neben sich auch den Wert der Freundschaft wieder, erinnern sich sehnsüchtig an 68.

Parteien haben etwas von Solidarität in sich. Soweit sie aber dem Ziel nach Erfolg brauchen, kommen sie oft in den Zwang, zu organisieren, auszusortieren, zu werten und entwerten. Egoistische Tricks der Herrschaft, familiäre Sehnsüchte für eingeschwemmte Einsamkeiten (Heimatsülz), Beschränkung der Freundschaft auf gemeinsame Interessen, ergeben dann ein widerwärtiges Schauspiel. Die Erholung tritt ein bei Wiedereinführung der Gleichwertigkeit und der Achtung auch den anders Meinenden gegenüber. Partei wird dann nicht nur für Egoisten sondern auch für freie Bürger wieder interessant. Misserfolg der PDS, Untergang der Grünen: Unterordnung zwar nicht unter Menschen aber unter Ziele- statt diese miteinander abzusprechen-, damit eben doch auch Unterordnung unter Führer.

So ist neben der auf Wert der Person gegründeten Republik wohl die Selbsthilfegruppe das moderne Anzeichen von Wirklichkeit der Freundschaft des Menschen gegen den Menschen, die so oft missbraucht wird, um unter Ausblendung des Menschen höhere Zwecke (Ideologien usw) durch Mord und Massenmord zu befördern.

Freundschaft ist eine Errungenschaft der neuen, durch die Person geprägten Welt. Die Vorwelt der Familien- und Clanbezogenen Zeiten des Mittelalters und grässlicherer Völkerwanderung kannte nicht Individuum, Dialog, Freundschaft. Zeugnisse von Freundschaft ragen wie Monolithe aus den Wüsten von Sitte, Monolog, Beschränkung des Horizonts auf Heimat.

Woher habe ich die Gewissheit von der Gleichwertigkeit der Anderen? Es ist eines der nicht erklärbaren Wunder, dieses angeborene Vertrauen in den Menschen, das sich hält, wo es nicht von Menschen vernichtet wird.

Nach dieser Untersuchung können wir die Motive Egoismus, Liebe, Mitgefühl und Freundschaft vielleicht voneinander unterscheiden. Erkennen können wir sie weiterhin weder in den Handlungen noch in den Worten der Menschen. Sie können sich irren, sie können sich verstellen.

Darum wird nicht das Motiv, sondern die Tat bestraft oder gerühmt.

Oft werden Freundschaft oder Solidarität dem ebenfalls sympathisch fühlen machenden Mitleid verwechselt. Freundschaft braucht nicht Leid. Was Freunde verbindet, ist das einander als Person erkennen. Sympathie: dies ist Eine/r wie ich. Je geringer die Vorstellungskraft, um so kleiner und geschlossener der Freundeskreis. Mit Fortschreiten der Sensibilität der Menschheit haben daher Toleranz und Sympathie, wirkliche Solidarität gute Chancen zur Verwirklichung eines goldenen Zeitalters. Aber Vernunft hilft auch dem Egoismus, geschicktere Möglichkeiten der Allein-, dem Familiensinn der Liebe, solche der Clanherrschaft zu finden.

*

Die vier Erscheinungsformen des Charakters setzen eines Voraus: Das Fühlen, dass da ein Du ist, das mir irgendwie, insbesondere nach den Formen des Fühlens gleicht. Es gibt allerdings neben einem pathologischen Mangel auch ein weiteres Handeln, dem anzusehen ist, dass ihm dieses Bewusstsein fehlt: die Unbarmherzigkeit von Weltanschauungen. Die im Sandkasten zu Recht gezimmerte Ideologie kennt den Menschen nicht als Subjekt. Er ist ihr Gegenstand der Planung und unterdrückt bei ihren Anhängern alles, was auf eine Berücksichtigung des Subjekt-Charakters eines Du hinführen könnte.

Religion wiederum gesteht sogar der Welt insgesamt oder einer in ihr oder vor ihr wirkenden Kraft Subjekt-Charakter zu. Sie nennt es das Unbekannte, Jahve, Gott. Sie weiß, dass man davon nicht wissen kann und beschränkt sich so auf den Glauben, dass " das Ding an sich" etwas ist, das mir insofern verwandt ist, als es fühlt. Wie ich ihm gleich bin, so ist es gleich auch mir.

Klaus Wachowski 04.05.2008

Mittwoch, 2. April 2008

Bayreuther Größen 2008

Richard Wagner,
Haus Wahnwitz

Eine Gruppe afrikanischer Pfarrer vor dem Haus des Rassisten.

Die Anlage so zwanghaft gemodelt. In meiner Kindheit gab es Baukästen mit Säulchen und Fenstergewändern von ähnlichem Muster. Beklemmung der Vernunft, musikalisches Einweichen der Seele.
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Die Stadt Hof ist aus der Jean-Paul-Gesellschaft ausgetreten...
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Ich fotographiere den Glockenton einer Katholischen Kirche in Bayreuth. Die erste Frühlingssonne plastiziert das verbliebene Barock in einem milden Gelb. Jean Paul voll krass unter Wissenden. Er muß sich auf das Katzenbänkchen in der in der Villa Wahnwitz begeben, um etwas von Jean Paul zu hören. Das akademische Zergliedern seiner religiösen Nervenfasern erstaunt und amüsiert ihn. Was hat er sich nicht alles gedacht! Und recht betrachtet scheint ihm ein wahrer Kern in des Pudels Ernst zu stecken.

Aber bei der Braunbierrunde muß er sich doch Gräßliches anhören. Einer quillt auf in "deutsch, deutsch" und markgräfler Allüren zu Pöbel Fussball in Bundesbahnhöfen. Die Luft sirrt von Hartz IV und Wagnerianischen Sauerkrautexplosionen.

Wer sehnt sich da nach Elite? Der Drang nach oben, in einer Republik durchaus belebender Gärungsprozess, bekommt durch den Hass nach unten etwas panisch wagnerianisches. Die lähmende Funktion des Musikalischen erhält offenbar in Bayreuth selbst Einfluss auf die Liebhaber einer geistigen Potenz. Die Anhänger Jean Pauls wagen vor der Allüre kein Wort gegen das Vermessen der Vorzüglichkeit, gegen der Versuch mit Lohengrinsen den Einschlupf in die erste Klasse zu finden.

Jetzt durch Bayreuth gehen und Wagner vergessen. Der Philosoph Engstirner soll hier auch etwas Ich hinterlassen haben. Jean Paul aber sitzt mir im Kolping-Hotel gegenüber und schreibt gepfefferte Ananasstücke über die neue Schicht Hinaufgelangter. Einige Akademiker möchten sich eindrängeln, aber sie kommen nicht an das gesteigerte Bewusstsein von ökonomisierten Politikern, Journalisten, Kabarettisten und sogar Gewerkschaftern heran, die besonders offenen Zugang zur Talk-Show-Bühne erlangt haben und Dir vom Nebentisch aus zuflüstern, wie minderwertig doch der Mensch ist- von ihnen einmal abgesehen. Wagner hat sich auch ohne solche Umschweife an einen Fürstenbeutel gehängt. Jean Paul hasste diese ganze Clique von Festhügelscharwezlern. Hier hebt er ein wenig die Tischdecke, um zu sehen, wie sehr sie sich vor- und untereinander winden und nicht gerade ein stolzes Abbild des Menschen geben.
*
Wie schön ,zu lesen, dass der Mensch wert und gleich ist durch das liebende Herz. Sie kräuseln die Lippen:“Idyll“. Jean Paul spitzt die seinen und -pfeift darauf.
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Lukas 46: Hütet Euch vor den Schriftgelehrten, die es lieben in langen Gewändern einherzugehen und lassen sich gerne grüßen auf dem Markt... Sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Sie werden ein umso härteres Urteil empfangen.

30.3.08 Klaus Wachowski

Freitag, 21. März 2008

Ein Looser


Tropfen fallen aus dem Dreieck meiner zusammengelegten Hände. Dahinter erscheint das Gesicht des Johnny Depp von Paderborn. Ein Schwarm weißer und schwarzer Falter fliegt von seinen Augenbogen auf. Sieh, die Intellektuellenbrille, zu der er ein feines Lächeln bereit hält. Angestrengt stützt er sich auf, als er von seinem Großstadtbesuch erzählt. Vier Tage hat er Urlaub bekommen. Das Geld reicht für Fahrkarte und Jugendherberge. Bald muss der Chef auf Mindestlohn umstellen und ihn vielleicht entlassen. Aber es ist ein guter Chef.

"Ich habe eine Bekannte besucht. Sie hatte aber nur Montag Zeit. -Hätte ihre Freizeit ja auch anpassen können." So geht er zwei Tage durch Frankfurt. Lang geht er die Gutleutestraße lang. Ein kleiner einsamer Junge von dreißig Jahren. Plötzlich bemerkt er Stiche im Herz. Es wird schon nichts sein.

Ich weiß nicht, was das für eine Trauer ist, die in seine Augen schießt, sie bis oben ausfüllt. Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Sein Bruder besucht ihn etwa ein Mal im Monat. Es gibt noch eine Tante, die Eltern haben einen Campingplatz. Von seinem Opa fallen ihm Frankfurter Kindersprüche ein. Bald wird er zur Arbeit zurückfahren.

Auch die Bekannte hat keine Zeit für mehr. Die Gutleutstraße ist verdammt lang, wenn Du kein Geld hast, wenn da kein Du ist. Ein Radfahrer rempelt ihn an und schimpft. Er versteht das nicht. Der Bürgersteig ist doch für Bürger da.

In star wars rettet er die Welt. Das Buch ist schwer zu lesen. Aber er hat noch 300 Seiten Abenteuer vor sich. Wer hört ihm zu? Auch in Blieskastell hat er eine Bekannte. Seine Trauer füllt sich mit Frankfurter Einsamkeiten.

Sein Lächeln ist nicht von der Sanftmut eines fundamentalistischen Mörders. Es sucht nicht nach Wegen der Herrschaft, nicht nach Möglichkeiten, Leid zuzufügen. Es kommt von den Quellen der Trauer. Es geht die lange, lange Gutleutstraße ab nach einem liebenden Wort, nach einer Berührung.

Morgen werden sie an der A 61 Bäume schneiden. Aber danach Rosen veredeln in den Gärten der Semiramis. Im süßen und bitteren Duft des Weißdorn. Schwarze und weiße Falter steigen von seinen Augenbögen auf. Sie naschen vom Weißdorn, bevor sie weiter in die Einsamkeit fliegen. Vorbei an einer stummen Kindheit, deren dürre Zweige einmal im Monat der Bruder vorbei bringt.

Wir achten ihn nicht unserer Aufmerksamkeit wert. Aber wie ist das, wenn wir das Lied Eleanor Rigby mitsummen? Oder, You know,: The streets of London.

21.3.03 Quan On

Freitag, 14. März 2008

Höhlen Idyll





Höhlen Idyll

Dunkelgrüner Nadelbaum ruft den Blick in eine fremde ferne Landschaft hinter Sturm heulenden oder Einsamkeit gleisenden Pässen. Schatten locken und drohen aus auf Felsen liegenden Waldrändern. Etwas großes bricht sich in ihnen die Bahn. Berauschender Duft, berauschendes Gold aus Ginsterflecken. Ein schwarzer Schatten hat Dich mit seinem Flügel gestreift.
Ob Du die Hütte noch vor den Nacht erreichst? Schon verfärbt sich das den Himmel aufreißende Wolkenglühn. Dort wartet das böse Kreischen aus Kindertagen. Du bist ihm nicht entkommen.

Klingende Schläge, hohe Schläge klingen lustig herüber: Der Steinmetz schlägt ein Loch in den Berg. Es ruft ein Menschenherz.

Gelbe Blüten wehen vor mir her, hinein in seine Höhle. Sie umschließt mich mit metallenen Skeletten. Die Migräne bestraft mich für Tage der Empfindlichkeit. Wer bist Du, der oder die mich rief? Es ist zweifellos eine Seele, die mich in ihren dunklen Fels lockte. Ich stürze mich in einen Schlaf, den Schmerzen zu entkommen.
Als ich aufwache, bin ich wieder frei. Tiefer in das unbekannte Vertrauen gehe ich. Dies muß der Tod sein. Vom Ende her das Licht zeigt wohl den Ort der Wiedergeburt an. Bleib stehen, Herz! Welchen Weg Du auch wählst, er führt in Leben, Lust und Leiden.
Ich kehre um. Als ich am Tor zur Einsamkeit wieder ins Licht trete, weht mich der Sturm fast von den Beinen. Die Wünsche des vorbei brausenden Lebens reißen die meinen mit sich. Ich taumle, stürze, taumle.
Was will ich dort bei dem im Mittagslicht gleißenden Gipfel? Ich habe Dich verloren.
Vom Osten ruft dünn die Stimme Erinnerung: "Kehr um!" Ich schließe die Augen, schaue tief in meine Verwirrungen hinein. Ich höre ein Lachen, sehe ein Gesicht. Die Augen öffnend finde ich den Weg zurück in eine wenig grandiose, liebevolle Landschaft. Der Kompost kann umgesetzt, das Silikon muß erneuert werden. Vor dem Einschlafen fühle ich Dich und ich denke an eine dunkle Höhle.
14.03.08

Freitag, 7. März 2008

Öffnung

Lange hatte er in sein Herz gehört. Jetzt öffnete er sich wieder den Stimmen der Welt. Gelernt hatte er nichts. Aber hatte Vertrauen in die Verlässlichkeit von Aufmerksamkeit gewonnen und seine Gewissheit darüber befestigt, dass Gewissheit nicht erreicht werden kann.

Wie war das mit Schweigen?

Aufmerksamkeit, das war nicht das Sprechen verweigernde Schweigen. Vielmehr die Zeit des Aufnehmens und Prüfens. Dieser Ruf eines kleinen Singvogels öffnete einen Raum vom Horizont eines in die Welt läutenden Doms, voll von Hoffnung und Segen. Und noch etwas klang in diesem Lied: die Macht der Liebe, die diesem zerbrechlichen Wesen so viel Kraft einflößte, dass es seine Leben rettende Angst vor der Katze nicht achtete...

Dankbar nahm er diese Erfahrung auf.

Vieles hatte er erfahren, von mancher Erfahrung war er verschont worden. Wieder dunkelte es in das Blau des Himmels ein. Die Jugend strömte hinaus zum Supermarkt, die Angst vor der Liebe in Wodka zu ersäufen. Damals hatte er zum ersten Mal die Macht der Liebe kennen gelernt. Sie war stärker gewesen als alles, was er sich bis dahin als Selbstbewusstsein erworben hatte. Er war zwar schließlich nicht dazu bereit gewesen, bestimmte Überzeugungen aufzugeben, aber es war ja auch nicht von ihm verlangt worden. Aber aus dem Ende der Beziehung ging er mit einer noch lange brennenden Wunde hervor, die nicht durch weise Erkenntnis oder was man sich sonst so als Trost erdacht hat, geheilt wurde, sondern nur durch neue Liebe. Die Zwischenzeit war eine der Betäubung durch Aktivismus und der Linderung durch Freundschaft gewesen. Ohne letztere ein Todesschlaf.

Ja, es war nichts als die Liebe gewesen, was ihn aus dem Schweigen befreit und die Welt geöffnet hatte. Die Menschen, denen er in der Zeit des Verlusts nur über das unmittelbar wirkende Mitleid nahe gekommen war, wurden ihm in der Zeit der Liebe Ich-noch-einmal in anderer Gestalt, wie es Arthur Schopenhauer, der Misanthrop, so treffend sagt. Die Welt bekam wieder Knospen, Blätter, Sonne. Der Regen machte wieder traurig, der Alltag war durchwebt von Sehnsucht und Erfüllung. Leben war plötzlich belebt.

Und damals fand er auch den Frieden, in das eigene, Herz hinab-, bzw. hineinzugehn. Lange hatte er sich dort herumgetrieben, war ruhiger geworden, als er bemerken musste, dass die Welt, das Leben das Wunder war, etwas darin, nicht irgend etwas dahinter oder darüber.

So öffnete er sich wieder der Welt. So fragte er wieder in die Regenbogen, Augenbogen des Frühlings. Manchmal hörte er das Läuten eines Psalms.

Sieh den vom Hass gekreuzigten, aber sieh auch die Geburt der Liebe.

07.03.08

Sonntag, 2. März 2008

Alice Miller - Wege des Lebens


Gelesen

Alice Miller Wege des Lebens

Sie steht mir sehr nah, weil sie in Fragen des sexuellen und des gewalttätigen Missbrauchs nicht von der Seite der Opfer weicht und von ihnen -ich glaube als Einzige- nicht schließlich doch Verständnis und Verzeihen für die Täter erbittet.

Zwei der vorgestellten Personen berühren mich besonders: zwei Jüdinnen, die sich nach Jahrzehnten begegnen und den Mut finden, über die Verfolgung als Teil einer Gemeinschaft hinaus zu erinnern und in die Kindheit zurückzusehen.

Auch ihre klare Haltung gegen Gurus, Führer und den neuen Aberglauben macht sie mir außerordentlich sympathisch. Die beiden Essays über Gurus und über die Entstehung von Hass berühren eigene Erfahrungen, bestätigen eigene Beobachtungen und daraus gezogene Schlüsse. Festigkeit in Beziehung zu einer von Freien getragenen Republik.

Eine freie, sensible und dem Kind freundliche Erziehung ist auch für mich eine Voraussetzung für eine haltbare Gestaltung der freien Republik. Wir machen Fehler und sollten sie erkennen und nicht leugnen. Zu diesen Fehlern gehören aber nicht nur die Grenzüberschreitungen Schläge und sexueller Missbrauch, sondern auch die (auch innere) Abwesenheit von Eltern, der man nicht so leicht entrinnt, und neben der Wut des Vaters die Enttäuschung der Mutter, die sich in ungerechten Grenzziehungen im ersten Fall und im Zwangskorsett narzisstischer Erwartungen im zweiten äußern. Auch aus solchem Grund erzeugt Lieblosigkeit Tyrannen, einsame Stars, die Frau, die den Herrscher zu Wahnsinnstaten bringt und verzweifelte Totschläger.

Die Mitleidlosigkeit gegenüber Menschen in fernen Regionen ist durch das Fernsehen nicht viel größer geworden. Den Wert des Menschen fühlt der Mensch doch am ehesten im persönlichen Umgang (Haßparteien werden dort gewählt, wo keine Fremden wohnen). Aber unsere Macht reicht über die Grenzen der persönlichen Sensibilisierbarkeit hinaus. Hier reicht heute der Egoismus der Menschlichkeit die Hand, wie in anderen Zeiten den Unmenschen. Deshalb kann auch eine liebende Erziehung allein nicht das Überleben der Menschheit angesichts der Verführbarkeit durch Weltbilder der "Reinheit" garantieren. Sie muss begleitet sein von menschlicher Haltung und Lehre, Religion und Philosophie. Zum Beispiel dem Nachdenken einer Alice Miller.

Montag, 25. Februar 2008

Anna Politkovskaja

Das Bestreben zur Sicherung der Nation verteidigend bekenne ich mich jedoch zuerst zur Geburt des Rechts aus der Person
Anna Politkovskaja
Im Schatten des Diktators,
im Licht der Freiheit
die Grausamkeit der Schlechten
und der Guten;
Anna Politkovskaja.
Den großen Notwendigkeiten
die Schreie der Gefolterten,
die Totenschädel,
das Blut
und die Tränen.
Die schwesterliche, brüderliche Solidarität
der frei und gleich geborenen.
Der Maschine Unbarmherzigkeit
und die Umarmung Gottes und der Menschen;
Anna Politkovskaja.
Die Wahrheit und das Wort.
Sie mordeten Dich,
Die Welt grüßt Dich.
21.02.08 Klaus Wachowski