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Donnerstag, 29. September 2011

Odessa - nur kurz


Odessa




-aus dem Fenster des Hotels Passage

Am Strand, wo Lust und Lust auf Lust einander beobachten, ist nicht Meer. Ist Sonne eine Animation. Es gehören dazu: Lautsprecher, Motorboot, riesige, aufgeblasene Plastikflaschen.

Ein schlafender Sicherheitsmann in der Synagoge. Wir wollen da nicht stören.

Beziehungswahn:

Dass wir Edgardo Cozarzinskis Buch, "Das Mädchen von Odessa" mit nach Odessa genommen ist ja nicht verwunderlich. Aber als ich, weil empfohlen, "halt" Philipp Roth "Exit Ghost" lese, fällt mir gleich zu Anfang auf, dass der Vater einer der Romanfiguren aus Odessa, Moldovanka stammt. Moldovanka heißt das Viertel, in dem heute Armenier handeln.

Im Park

Die Tauben laufen. Die Menschen laufen. Kinder fahren Kinderauto. Luftballons und Sonnenbäume, Monument und Schattenstreifen. Ein süßer Kwaß, ein bitterer Kaffee. Die Bank drückt in die Schulter. Ein Schlaf voll Vogel- und voll Kinderstimmen. Die Begleitmusik kommt vom Autokorso.

Muskelprotzen, Pumps und Waden. Prächtige und volle Formate. Die Alten schauen verwundert in ihre Vergangenheit.

Ist es ein Traum? Morgen vielleicht wirst Du es wissen. Eine Plastiktüte, in der eine Hundeschnauze schnüffelt. Stolz der Nation Odessa, Marseille, Napoli. In schwitzender Lust, in hungernder Ästhetik.

Die Ehrentafel des reichen Odessa für seine Bürgermeister im Museum der Stadt endet 1911.- Vor genau hundert Jahren also brach der Versuch der bürgerlichen Revolution, das  stolze Experiment Selbstverwaltung ab.

In einem Buch über Eichmann lese ich, dass Vera Eichmann in Argentinien landet, als Eva Peron stirbt. Im Juni 1951. Vor 60 Jahren, in meinem Geburtsjahr. Auch die heilige Eva hat also Massenmörder geschützt. 

Als wir eine alte Frau in Deutsch nach dem Weg zur Gedenkstätte fragen, wendet sie sich ab.  Einem Armenier, der uns helfen will, erklärt sie den Weg.

Der jetzt wohl auch alte Philipp Roth kehrt aus der Abgeschiedenheit zurück nach New York und echauffiert sich über den Massengebrauch von Handys. Ein unaufhörliches Geschwätz, das den Äther erfüllt. Im Osten, Moldawien, Ukraine sind mehr Handys pro Person aktiv als in D. Mir kommt es so vor, als könne Kommunikation selbst auf diesem Weg ein Grundgefühl von Unsicherheit ersetzen. Es ist nicht nur das Sprechen von Monologen. Auch das Zuhören gehört dazu, der Wechsel von Sprechen und Hören. Parlament, ist nicht das eher Progress von Sicherheit durch gegenseitige Versicherung als die Sicherung von Macht durch eine stumme oder monologisierende, talkende Gewalt?

Beobachte den unsicheren, ein Cafe´ betretenden Fremden? Ihm fällt eben jetzt ein, dass er zu Hause anrufen wollte. Er greift zum Handy, wie der Cowboy sich beim Betreten des Saloons auf seinen Revolver stützt oder, wo ihm der abgenommen wurde, wenigstens die Daumen im Gürtel einhakt.

Als der Bus die Grenze zwischen der Ukraine und der Republik Moldau erreicht, erklingt ein polyphones Konzert von Klingeltönen der Telefongesellschaften. Die Stimmen der von Grenzängsten geplagten Reisenden lösen sich in satellitengesteuerten Gesprächen des Heimwehs im Zwischenraum von Sehnsucht und Sorge.

Akte Odessa. Organisation der SS im Ausland. Auch hier haben sie gewütet. Auch die Ukraine hat noch keine Reue gezeigt.

Ukraine: Während der ganzen Zeit fällt mir der Name Klitschko nicht ein. Später, als er seine Meisterschaft gegen einen polnischen Boxer verteidigt, bekommt der Kampf für mich eine weitere Dimension. Ob die Fußballmeisterschaft etwas deutsch/französisches zwischen den beiden Nationen entstehen läßt?

Als wir fahren blühen die Linden. Wir kommen in einem freien Land an. Du bemerkst es an den mürrischen Gesichtern.

Schmutzige und verspätete Züge und üble Gesellen, die die Herrschaft über die Atmosphäre haben. Ukrainer würden sich schämen.

Man liest das Buch vom Glück und die schönsten Volkslieder - der Einsamkeit.

Wie fremd die Heimat nach der Heimkehr ist.



28.09.11

Tölz Escape



Sehr geehrter Herr Wachowski,
Wahren Genuss erkennt man an der bleibenden Erinnerung. 

Dank für Erkenntnis, Hapag Lloyd!


Aus Leidenschaft die Seele baumeln lassen, die Zeit vom Land lassen, Freiheit genießen, verzaubert werden, den Horizont berühren, an Muscheln horchen, den Rand der Welt entdecken, Geheimnis sprechen, nie gekannte fremde Kulturen studieren. Wie schön!

Ich fahre ins Tölz hinab. Von halber Höhe blicke ich auf den See, lasse ich das Papierflugzeug in ukrainische Erinnerung fliegen. 

Wie viel Menschen doch zur gleichen Zeit und am gleichen Ort die Seele baumeln lassen können. Das gibt Knoten! Verzaubert werde ich da gerade nicht. Es fühlt sich eher an wie den Rand der Welt entdecken. 

Ob es hier je den Raum Einsamkeit gab für einen Blick in die Schönheit? Ein hängen gebliebenes Tuch Nebel löst sich in den Bäumen. Die Berge recken sich zum Wolken fischen, die Wiesen inhalieren Thau. 

In all dem Genießer-Gewimmel gehen zwei Männer. Der eine hat eine Mauer gegen das Schicksal errichtet. Der andere möchte ihn dazu überreden, ein Tor hineinzubauen. Der Hund wedelt Vertrauen bildende Maßnahmen. Eine Bö hat das verletzliche Blau des Himmels frei geweht. Es senkt sich in unruhige Seelen, die das Baumeln nicht lernen wollen. Eine Frauenstimme zaubert Frieden zwischen Vater und Sohn.

Da ist ein Tisch und ein Gespräch. Menschen können einander erkennen. Was für ein Leben!, denkt das Alter. Was für ein Leben würde die Jugend gern schreien? 

Die Lady vom Jazz singt: This is not love. In einer Trauer, aus der die Hoffnung klingt.
Escape to life mit Klaus und Erika Mann. Und mich lass den wahren Genuss genießen in der Erkenntnis bleibender Erinnerung. Meine Gedanken horchen an der Muschel fremder Kulturen, verfangen sich, lösen sich im alpenländischen Kleingeist, frisch im-portiert aus der Berliner Schnauze.
Schau, da baumelt eine Seele...
06.12.08 Klaus Wachowski

Sonntag, 11. September 2011

Verputzen



Ich gehe an einem renovierten Fachwerkhaus vorbei. Ein Brocken Verputz fällt ab und zerbröselt. Kleben wir nicht so an unserer Welt, bis wir auf das Pflaster fallen und wieder in den Fließsand zurückkehren?

Ein Mann im braunen Ethnopullover einer vergessenen Periode der 68er geht vor mir. Die rötlich-blonden Haare stehen struppig zusammen in einem platt getretenen Büschel. Sie glänzen in natürlichem Fett. Das Gesicht verschwindet hinter dem sich in einen Bart fortschwingenden Gestrüpp.

Das erinnert mich an den verstorbenen Freund aus alter Zeit namens Fuzzy.

Was wisst Ihr von den phantastischen Perspektiven dieser Zeit der Freundschaft? Wenn Ihr dabei wart: was habt Ihr dagegen eingetauscht?

Fuzzy mit den flinken Äuglein ging noch eine ganze Weile mit langen Haaren durch das Kaff, als wir längst schon nach akzeptablen, etwas frech angepassten, Frisuren suchten. Wer lachte nicht über ihn, den schwatzhaften Trinker, der mit unaufhörlichem Augenzwinkern nach Zustimmung suchte? Wer blickte sich nicht lieber nach Wichtigkeiten der Gemeinschaft um, sich mit höflich gesenkten Augen innerlich zu bücken?

Er wurde vom Trinker zum Säufer, die Frau ließ sich von dem immer hässlicher und abgeschabter werdenden Schwätzer scheiden, der vom Stammtisch immer üblerer Kneipen nicht mehr wegzukriegen war. In einem Nebel von Bildschlagzeilen, anarchistischen Ausbrüchen und Nazismus landete er schließlich unter einer verschmutzten Pritsche von Krankheit, die ihn rasch in einen besoffenen Tod drückte.

Wo waren wir? The brotherhood of man...

Das Problem war: er konnte unseren Höhenflügen nicht folgen. Wir verließen ihn aus Langeweile. Die Sache mit den intellektuellen Weltverbesserern: Die Menschenbrüder mögen sich doch bitte an das hohe Diskussionsniveau anpassen! Sonst erlischt der Elan rasch. Anderen ist das geringe Niveau ganz recht, wenn ihnen im Kampf um die Vorherrschaft in ihren Spielchen der -immer gut gemeinten - Menschenpark-Gestaltung etwas Führerschaft eingeräumt wird. Voll Ekel wendet sich der Rest der höheren Töchter und Söhne der Menschenbruderschaft ab von Politik und der Kulturmeisterschaft zu. Sorry, Fuzzy, über Deine so grob vorgetragene Sehnsucht nach Freiheit und gleichem Recht, über Deine rustikale Erwartung von Solidarität waren wir schon lange hinaus. Uns war peinlich, so direkt an unsere Versprechen erinnert zu werden. Wir wichen Dir aus, sahen Dich peinlich berührt im Sumpf des Alkohol und Nazismus versinken. Die Typen von Sekt und Schnittchen waren uns näher.

Der braune Pullover setzt sich auf die Stahlbank des Verschönerungsvereins. Er lächelt, soweit der Bart einen Schluss darauf zulässt, verträumt in die Herbstsonne. Ob er einen Blick in die Ewigkeit nimmt?

Ein paar verblödete Intellektuelle, die den Übergang von der totalen Stammeskontrolle zur Autonomie der Person nicht verkraftet haben, lenken ein Flugzeug in den Wolkenkratzer. Wenn es einen Gott gibt, krampft sich ihm jetzt das Herz zusammen. Der braune Pullover schüttelt den Kopf. Eine Menschenseele kann so etwas nicht verstehen.

Angeblich kämpfen sie ja einen Kampf aus der Ewigkeit gegen das Böse in der Zeit. Sie sollten einfach nur das erste Gebot der Ewigkeit achten und Gott nicht mit ihren primitiven Stammestabus zur Familienpolitik und Kleiderordnung belästigen. Faulenzer, die beleidigt sind, weil die Welt nicht wie eine rechtlose Mama an ihnen aufsieht. Sind sie so viel anders als die verzogenen masters of war? Sieh die Kriegsbeter vom Bible-Belt, denen Jesus kein Bruder ist, sondern ein König, was anders als ein Imperator?

Eine allzu bekannte Einsamkeit fließt plötzlich in ihn ein. All diese Familien, all diese ins Höhere strebenden verlorenen Hoffnungen. Worüber könnte er mit ihnen reden? Sie betrachten ihn als eine Art Verrückten auf Abruf. Noch ist er in der sanften Phase. Wann wird er wohl mit wutverzerrtem Gesicht auf ihr Wohlsein einspringen?

Zwischen von Moral gesteuerter Gehässigkeit und Swingerlaune heben sich Ebbe und Flut der Fußgängerzone. "Guten Tag, Herr X" (Name der bemerkenswerten Persönlichkeit des öffentlichen Kleinstadtlebens). Nach dem Small-Talk (man kennt einander ganz gut) "Eine ziemlich korrupte Type, dieser X." Hast Du den Kerl im braunen Pullover gesehn? Ja, das waren Zeiten!

Eine Gewitterwolke steigt hinter dem Gourmet-Ensemble auf. Man rückt näher zusammen. Super-Event. Ist ne Top-Location, das. Und was machen wir morgen?

Dann im Bett: Stimmt schon, da war auch einmal Liebe! Der Regen rauscht, das Wasser drückt sich durch die Fenster. Verflucht!-

Was wohl der Typ im braunen Pullover jetzt macht? Eine Wolke reißt auf und taucht die Gärten in Mondlicht. Das ist einer der möglichen Augenblicke, einen Blick in den schwarzen Spiegel Ewigkeit zu tun. Ich kann Dir nicht sagen, was Dich darin erwartet. Vielleicht hat der braune Pullover eine Ahnung davon.

11.09.11