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Freitag, 2. Dezember 2011

Weihnachtsmärchen 2010



ich schrieb es für Helge Prase. 

Er veröffentlichte es und - starb am  23.12.2010


Im Himmel tief und fern liegt noch ein Rest Blau und Rot. Schon ist das Glitzern der großen und nahen Sterne zu erkennen. Die Mondsichel strahlt ihr Licht in die Eistropfen an den Zweigen.

Die Bäume erstarren in der Kälte zu Stein, die Steine knacken im Frost. Erbärmlich frieren die Tiere. Die Liebe verkriecht sich in Höhlen und Hütten. Die Nächstenliebe klopft an die Tür: Mach Dein Herz auf!

Die alte Weihnachtsgeschichte mit neuen Flüchtlingen fährt in einem tarnfarbenen Bus vorbei ins Abschiebelager. Fern in den Meeren ersticken die Schreie der Verunglückten. Stille steht über dem Brausen der See, über dem Bullern des Busses. Mövenschreie vom Land, das Sirren von gleitenden Flügeln im Wald. Hoffnungslosigkeit vermischt sich mit Hoffnung. Und Hoffnung schlingt sich um Hoffnung.

Meide das Dorf im Land von Tierfreundschaft und Menschenhass! Sie setzen Wölfe und Bären in den Wäldern aus und Killerwale in Ozeanen. Die drei Weisen aus dem Weihnachtsland geben Aktien aus auf den Stern von Bethlehem. Und ein im Ehrgeiz brennender Haß baut an der Bombe.

Gibt es in den Licht- und Duftlabyrinthen der Weihnachtsmärkte noch Herzen, die nicht vom Haben in die Verhärtung gehetzt werden, gibt es im Marktgeschrei der Heil- und Friedens-Bringer einen barmherzigen Seufzer?

Ja!

Da schickt eine Mutter ihr Kind vor, dem Obdachlosen einen halben Euro abzugeben, dort werfen entzückte Erwachsene Silberstücke in den Kasten eines für seinen Reitunterricht fidelnden Mädchens, ja sogar die Aids-Hilfe bekommt ein paar verschämte Euros.  Und siehst Du nicht die beiden jung verliebt Vergnügten spöttisch auf den Strom hoffnungsvollen Egos lächeln und einander heimlich berühren, öffentlich küssen?

Deine Hoffnung ging darauf zuzugehören. Jetzt bist Du alt. Deine Erinnerungen sinken ins Vergessen ein. Von all dem hast Du nicht viel bekommen. Die Nachbarn gehen immer noch fremd an Dir vorbei. Deinen Freund hat seine irre Familie ermordet. Deine eigene Familie schämt sich für den schwulen Verwandten.

Nein, natürlich hast Du nicht vor, Dich in diesem Wald zu töten und in die tote Ewigkeit zurückzukehren. Du möchtest nur der glitzernden Stille lauschen, wie Ihr es in den seltenen Augenblicken berührter Freundschaft erlebtet. Dafür, dass die Welt Dir das ermöglichte, wirst Du dankbar bleiben, so lange die Erinnerung noch nicht ganz aufgelöst ist.

Und danach wirst Du unter dem spöttischen Lächeln der Christen einen Kinderglühwein bestellen. Der polnische Verkäufer -oder ist es ein Ukrainer?- hält Dein Geld nicht für schlechter als das ihre.

Aus den Gärten blinkt der Protz in LED. Was es wohl in diesem Jahr für Feuerwerke geben wird? Aus dem  Wald klingt ein Schuß. Der Jäger schießt dem Wolf die Beute weg. Oder beendet ein Täter sein Werk?

Du wolltest nur für einen Moment Ewigkeit trinken. Aber vom Glück gepeitscht jagen Welt und Mensch durch deren Fluten.

Ich wollte Dir ein Märchen schreiben. Aber die Weihnachtsbeleuchtung aus den Hoffnungen des Ich zerbrach den Zauber des Wortes. Ich wünsche Dir einen anderen Tag, eine stillere Nacht. Im Zimmer Deines Teppichs.

Freitag, 25. November 2011

Rückkehr










Durch die Gassen, durch die Zäune, vorbei am Chapter brutal.
Es gibt beißende Kälte und einen südosteuropäischen Automarkierer.
Es gibt Müdigkeit vom Morgen nach der Niederlage.

Und immer noch verliere ich mich.

Es sind wohl Spuren in den Fluten des Willens vom Anfang her,
ein ehrgeiziger Namenszug von Design auf dem Ärmel eines Anzugs,
ein Lachen aus Pfefferminzbonbons.

Tränen der Wut sind zu Nahrungsergänzungsmitteln erstarrt.
Ein Dichtungsring der Schlamperei grüßt in die Depression.

Aber schau, das schöne Licht zur Weihnacht.
Als gäbe es für Dich ein Du.
Schließe die Augen in ein warmes Dunkel.

Am Eßtisch schneidet Dein Glück japanisches Papier zu Sternen.
Das Leben schneit Erinnerungen in die Freude.

24.11.11

Sonntag, 20. November 2011

Betrachte dieses Herz



Ich habe die CD "enfants d´hiver" von Jane Birkin gekauft und mußte die Teilnahme am Treffen der Jean-Paul-Gesellschaft absagen. Ich höre tausend Vögel des neuen Frühlings singen und denke an die Blumenwiesen Jean Pauls. Ich höre die Stimme der Jane Birkin. 

Ich kann zu wenig Französisch, um ihre Texte zu verstehen. Aber ich verstehe gut Einsamkeit und Sehnsucht. Und Dir geht es nicht anders.

Lass mich dieses Herz betrachten im Spiegel einer Wiese von Krokus gelb und blau! Lasse es sprechen vom Glück der Berührung und vom Himmelsflug der Gedanken. Lasse es aber auch nachspüren dem Schmerz des Verlusts. 

Dunkle Wiese des Krokus. Ein Regen fällt in die blitzenden Stimmen der Vögel, in die schwarze Erde, in die Sehnsucht der Blüte. Die Wolke reißt auf und ein Sonnenstrahl taucht die Welt in die von Liebe und Lust erfüllte Stimme der Jane Birkin. Du kannst die Lieder der Vögel wieder hören hinter den Liedern der Vögel. Erinnerung! Du hast ausreichend davon.

Da ist ein Hauch aus dem Norden. Es riecht nach Meer. Die Haare werden zerzaust auf dem vollen Schopf eines Kindes. Die Tulpe auf dem Tisch des Cafe´ leuchtet in der Erinnerung einer Freude beim Hereinstürmen der Rasselbande, in der Erinnerung meiner Freude bei Deinem Eintritt in meine Sehnsucht. Ich denke :“Berührung“.

Ein Schnee!- Ach, sagt die Stimme, geh! 
Die Bäume rollen ihre ersten Knospen aus. 
Die Herren und Damen vom up and down kaufen Dessous der neuen Kollektion. 
Rosa Frühling 2009.

Mittwoch, 9. November 2011

9. November 2011



Das Gedenken versickert in den Konvoluten der Geschichtsschreibung. Bald werden auch die
Kinder von Opfern und Tätern verstorben und vergessen sein.

Was wird aus den Schwüren und Beschwörungen?

Aber die Lust an Grausamkeit wird sich den Namen der Bestien borgen. Und sie wird lachen bei
ihren Taten. Oder sie wird eine Komödie der Seriosität spielen.

Was wird aus den Menschen, wenn nicht  das, was war? Für unsere Nachkommen wollen wir doch,
dass das Leben endlich hält, was sein erster Atemzug versprach. Für die Nachkommen aller.

Ich denke an die Opfer. Auf dem Mahnmal stehen ihre Namen. Wo ist die Warnungstafel mit den
Namen der Täter? Die Gleichgültigen gießen über die Erschütterung der Betroffenen eine klebrige Verzeihung aus.

Der Talkshow-Therapeut dringt in Dich: "Verzeihen erlöst". Alice Miller rät Dir, auf solche Backfischerkenntnisse nicht einzugehen: Auch für Jesus gibt es kein Verzeihen ohne vorherige Reue des Täters. Und er fragt zuvor die Opfer.

"Da gibt es doch noch Buddha", meint der Weltsanfte, dem der Schmerz noch nichts getan hat.

Was weiß der Ich, der das Nichts für das Ich will, vom Du? Von der Welt außerhalb des inneren Käfigs? Was weiß der Lotus vom schwarzen Block und vom Grinsen unter dem Stahlhelm und Verlassenheit unter Menschen?

Schwer ist es zu sehen, was die Gleichgültigen nicht sehen wollten.

Das Mißtrauen, der Zweifel am guten Ende kommt zum 9. November. Wie hieß noch das Fest der Hoffnung?

Was braucht es Wiedergeburt, die Wiederholung der Gleichgültigkeit?
Was hilft gegen all dies Verlieren von Hoffnung?

Wohl das Vertrauen in Liebe, Glaube, Hoffnung.
In Leben und neue, -nicht wiederholte-, Geburt.

KW

Sonntag, 30. Oktober 2011

Ein Abschied

Rast auf der Fahrt zwischen Liebe und Liebe

Wie seltsam,
Wie einsam,
Ein Abschied,
Ein allein werden.



Morgen sehen wir uns wieder. Und doch ist da eine Trauer. So unbegreiflich weh.

Dies ist das Leben. Es zittert, es redet und lacht. Sonne im Laub des Herbstes. Liebe liegt über der Szene, aber auch der Schatten des Abschieds in Liebe.

Was soll ich sagen, hier auf dem Stuhl des Beobachters? Ich sehe doch nur das Hübsche, ich höre doch nur klingenden Klang.

Ich trete ein in den Dom eines Museums. Hinter dem Altar eines Narziß blinzelt Gott mir zu. Und die Sehnsucht der Familienkarawanen von Kunstnomaden bettet meine Wehmut in einen Choral der Umarmung.

Liebe, Schmerz und Trost der Leidenden. Wir singen. Wir lieben. Und weinend lacht mit uns Gott.

30.10.11 Klaus Wachowski

Donnerstag, 29. September 2011

Odessa - nur kurz


Odessa




-aus dem Fenster des Hotels Passage

Am Strand, wo Lust und Lust auf Lust einander beobachten, ist nicht Meer. Ist Sonne eine Animation. Es gehören dazu: Lautsprecher, Motorboot, riesige, aufgeblasene Plastikflaschen.

Ein schlafender Sicherheitsmann in der Synagoge. Wir wollen da nicht stören.

Beziehungswahn:

Dass wir Edgardo Cozarzinskis Buch, "Das Mädchen von Odessa" mit nach Odessa genommen ist ja nicht verwunderlich. Aber als ich, weil empfohlen, "halt" Philipp Roth "Exit Ghost" lese, fällt mir gleich zu Anfang auf, dass der Vater einer der Romanfiguren aus Odessa, Moldovanka stammt. Moldovanka heißt das Viertel, in dem heute Armenier handeln.

Im Park

Die Tauben laufen. Die Menschen laufen. Kinder fahren Kinderauto. Luftballons und Sonnenbäume, Monument und Schattenstreifen. Ein süßer Kwaß, ein bitterer Kaffee. Die Bank drückt in die Schulter. Ein Schlaf voll Vogel- und voll Kinderstimmen. Die Begleitmusik kommt vom Autokorso.

Muskelprotzen, Pumps und Waden. Prächtige und volle Formate. Die Alten schauen verwundert in ihre Vergangenheit.

Ist es ein Traum? Morgen vielleicht wirst Du es wissen. Eine Plastiktüte, in der eine Hundeschnauze schnüffelt. Stolz der Nation Odessa, Marseille, Napoli. In schwitzender Lust, in hungernder Ästhetik.

Die Ehrentafel des reichen Odessa für seine Bürgermeister im Museum der Stadt endet 1911.- Vor genau hundert Jahren also brach der Versuch der bürgerlichen Revolution, das  stolze Experiment Selbstverwaltung ab.

In einem Buch über Eichmann lese ich, dass Vera Eichmann in Argentinien landet, als Eva Peron stirbt. Im Juni 1951. Vor 60 Jahren, in meinem Geburtsjahr. Auch die heilige Eva hat also Massenmörder geschützt. 

Als wir eine alte Frau in Deutsch nach dem Weg zur Gedenkstätte fragen, wendet sie sich ab.  Einem Armenier, der uns helfen will, erklärt sie den Weg.

Der jetzt wohl auch alte Philipp Roth kehrt aus der Abgeschiedenheit zurück nach New York und echauffiert sich über den Massengebrauch von Handys. Ein unaufhörliches Geschwätz, das den Äther erfüllt. Im Osten, Moldawien, Ukraine sind mehr Handys pro Person aktiv als in D. Mir kommt es so vor, als könne Kommunikation selbst auf diesem Weg ein Grundgefühl von Unsicherheit ersetzen. Es ist nicht nur das Sprechen von Monologen. Auch das Zuhören gehört dazu, der Wechsel von Sprechen und Hören. Parlament, ist nicht das eher Progress von Sicherheit durch gegenseitige Versicherung als die Sicherung von Macht durch eine stumme oder monologisierende, talkende Gewalt?

Beobachte den unsicheren, ein Cafe´ betretenden Fremden? Ihm fällt eben jetzt ein, dass er zu Hause anrufen wollte. Er greift zum Handy, wie der Cowboy sich beim Betreten des Saloons auf seinen Revolver stützt oder, wo ihm der abgenommen wurde, wenigstens die Daumen im Gürtel einhakt.

Als der Bus die Grenze zwischen der Ukraine und der Republik Moldau erreicht, erklingt ein polyphones Konzert von Klingeltönen der Telefongesellschaften. Die Stimmen der von Grenzängsten geplagten Reisenden lösen sich in satellitengesteuerten Gesprächen des Heimwehs im Zwischenraum von Sehnsucht und Sorge.

Akte Odessa. Organisation der SS im Ausland. Auch hier haben sie gewütet. Auch die Ukraine hat noch keine Reue gezeigt.

Ukraine: Während der ganzen Zeit fällt mir der Name Klitschko nicht ein. Später, als er seine Meisterschaft gegen einen polnischen Boxer verteidigt, bekommt der Kampf für mich eine weitere Dimension. Ob die Fußballmeisterschaft etwas deutsch/französisches zwischen den beiden Nationen entstehen läßt?

Als wir fahren blühen die Linden. Wir kommen in einem freien Land an. Du bemerkst es an den mürrischen Gesichtern.

Schmutzige und verspätete Züge und üble Gesellen, die die Herrschaft über die Atmosphäre haben. Ukrainer würden sich schämen.

Man liest das Buch vom Glück und die schönsten Volkslieder - der Einsamkeit.

Wie fremd die Heimat nach der Heimkehr ist.



28.09.11

Tölz Escape



Sehr geehrter Herr Wachowski,
Wahren Genuss erkennt man an der bleibenden Erinnerung. 

Dank für Erkenntnis, Hapag Lloyd!


Aus Leidenschaft die Seele baumeln lassen, die Zeit vom Land lassen, Freiheit genießen, verzaubert werden, den Horizont berühren, an Muscheln horchen, den Rand der Welt entdecken, Geheimnis sprechen, nie gekannte fremde Kulturen studieren. Wie schön!

Ich fahre ins Tölz hinab. Von halber Höhe blicke ich auf den See, lasse ich das Papierflugzeug in ukrainische Erinnerung fliegen. 

Wie viel Menschen doch zur gleichen Zeit und am gleichen Ort die Seele baumeln lassen können. Das gibt Knoten! Verzaubert werde ich da gerade nicht. Es fühlt sich eher an wie den Rand der Welt entdecken. 

Ob es hier je den Raum Einsamkeit gab für einen Blick in die Schönheit? Ein hängen gebliebenes Tuch Nebel löst sich in den Bäumen. Die Berge recken sich zum Wolken fischen, die Wiesen inhalieren Thau. 

In all dem Genießer-Gewimmel gehen zwei Männer. Der eine hat eine Mauer gegen das Schicksal errichtet. Der andere möchte ihn dazu überreden, ein Tor hineinzubauen. Der Hund wedelt Vertrauen bildende Maßnahmen. Eine Bö hat das verletzliche Blau des Himmels frei geweht. Es senkt sich in unruhige Seelen, die das Baumeln nicht lernen wollen. Eine Frauenstimme zaubert Frieden zwischen Vater und Sohn.

Da ist ein Tisch und ein Gespräch. Menschen können einander erkennen. Was für ein Leben!, denkt das Alter. Was für ein Leben würde die Jugend gern schreien? 

Die Lady vom Jazz singt: This is not love. In einer Trauer, aus der die Hoffnung klingt.
Escape to life mit Klaus und Erika Mann. Und mich lass den wahren Genuss genießen in der Erkenntnis bleibender Erinnerung. Meine Gedanken horchen an der Muschel fremder Kulturen, verfangen sich, lösen sich im alpenländischen Kleingeist, frisch im-portiert aus der Berliner Schnauze.
Schau, da baumelt eine Seele...
06.12.08 Klaus Wachowski

Sonntag, 11. September 2011

Verputzen



Ich gehe an einem renovierten Fachwerkhaus vorbei. Ein Brocken Verputz fällt ab und zerbröselt. Kleben wir nicht so an unserer Welt, bis wir auf das Pflaster fallen und wieder in den Fließsand zurückkehren?

Ein Mann im braunen Ethnopullover einer vergessenen Periode der 68er geht vor mir. Die rötlich-blonden Haare stehen struppig zusammen in einem platt getretenen Büschel. Sie glänzen in natürlichem Fett. Das Gesicht verschwindet hinter dem sich in einen Bart fortschwingenden Gestrüpp.

Das erinnert mich an den verstorbenen Freund aus alter Zeit namens Fuzzy.

Was wisst Ihr von den phantastischen Perspektiven dieser Zeit der Freundschaft? Wenn Ihr dabei wart: was habt Ihr dagegen eingetauscht?

Fuzzy mit den flinken Äuglein ging noch eine ganze Weile mit langen Haaren durch das Kaff, als wir längst schon nach akzeptablen, etwas frech angepassten, Frisuren suchten. Wer lachte nicht über ihn, den schwatzhaften Trinker, der mit unaufhörlichem Augenzwinkern nach Zustimmung suchte? Wer blickte sich nicht lieber nach Wichtigkeiten der Gemeinschaft um, sich mit höflich gesenkten Augen innerlich zu bücken?

Er wurde vom Trinker zum Säufer, die Frau ließ sich von dem immer hässlicher und abgeschabter werdenden Schwätzer scheiden, der vom Stammtisch immer üblerer Kneipen nicht mehr wegzukriegen war. In einem Nebel von Bildschlagzeilen, anarchistischen Ausbrüchen und Nazismus landete er schließlich unter einer verschmutzten Pritsche von Krankheit, die ihn rasch in einen besoffenen Tod drückte.

Wo waren wir? The brotherhood of man...

Das Problem war: er konnte unseren Höhenflügen nicht folgen. Wir verließen ihn aus Langeweile. Die Sache mit den intellektuellen Weltverbesserern: Die Menschenbrüder mögen sich doch bitte an das hohe Diskussionsniveau anpassen! Sonst erlischt der Elan rasch. Anderen ist das geringe Niveau ganz recht, wenn ihnen im Kampf um die Vorherrschaft in ihren Spielchen der -immer gut gemeinten - Menschenpark-Gestaltung etwas Führerschaft eingeräumt wird. Voll Ekel wendet sich der Rest der höheren Töchter und Söhne der Menschenbruderschaft ab von Politik und der Kulturmeisterschaft zu. Sorry, Fuzzy, über Deine so grob vorgetragene Sehnsucht nach Freiheit und gleichem Recht, über Deine rustikale Erwartung von Solidarität waren wir schon lange hinaus. Uns war peinlich, so direkt an unsere Versprechen erinnert zu werden. Wir wichen Dir aus, sahen Dich peinlich berührt im Sumpf des Alkohol und Nazismus versinken. Die Typen von Sekt und Schnittchen waren uns näher.

Der braune Pullover setzt sich auf die Stahlbank des Verschönerungsvereins. Er lächelt, soweit der Bart einen Schluss darauf zulässt, verträumt in die Herbstsonne. Ob er einen Blick in die Ewigkeit nimmt?

Ein paar verblödete Intellektuelle, die den Übergang von der totalen Stammeskontrolle zur Autonomie der Person nicht verkraftet haben, lenken ein Flugzeug in den Wolkenkratzer. Wenn es einen Gott gibt, krampft sich ihm jetzt das Herz zusammen. Der braune Pullover schüttelt den Kopf. Eine Menschenseele kann so etwas nicht verstehen.

Angeblich kämpfen sie ja einen Kampf aus der Ewigkeit gegen das Böse in der Zeit. Sie sollten einfach nur das erste Gebot der Ewigkeit achten und Gott nicht mit ihren primitiven Stammestabus zur Familienpolitik und Kleiderordnung belästigen. Faulenzer, die beleidigt sind, weil die Welt nicht wie eine rechtlose Mama an ihnen aufsieht. Sind sie so viel anders als die verzogenen masters of war? Sieh die Kriegsbeter vom Bible-Belt, denen Jesus kein Bruder ist, sondern ein König, was anders als ein Imperator?

Eine allzu bekannte Einsamkeit fließt plötzlich in ihn ein. All diese Familien, all diese ins Höhere strebenden verlorenen Hoffnungen. Worüber könnte er mit ihnen reden? Sie betrachten ihn als eine Art Verrückten auf Abruf. Noch ist er in der sanften Phase. Wann wird er wohl mit wutverzerrtem Gesicht auf ihr Wohlsein einspringen?

Zwischen von Moral gesteuerter Gehässigkeit und Swingerlaune heben sich Ebbe und Flut der Fußgängerzone. "Guten Tag, Herr X" (Name der bemerkenswerten Persönlichkeit des öffentlichen Kleinstadtlebens). Nach dem Small-Talk (man kennt einander ganz gut) "Eine ziemlich korrupte Type, dieser X." Hast Du den Kerl im braunen Pullover gesehn? Ja, das waren Zeiten!

Eine Gewitterwolke steigt hinter dem Gourmet-Ensemble auf. Man rückt näher zusammen. Super-Event. Ist ne Top-Location, das. Und was machen wir morgen?

Dann im Bett: Stimmt schon, da war auch einmal Liebe! Der Regen rauscht, das Wasser drückt sich durch die Fenster. Verflucht!-

Was wohl der Typ im braunen Pullover jetzt macht? Eine Wolke reißt auf und taucht die Gärten in Mondlicht. Das ist einer der möglichen Augenblicke, einen Blick in den schwarzen Spiegel Ewigkeit zu tun. Ich kann Dir nicht sagen, was Dich darin erwartet. Vielleicht hat der braune Pullover eine Ahnung davon.

11.09.11


Sonntag, 7. August 2011

Kirschgarten

*
-zu Tschechow, aufgeführt von der UdK Berlin- 2011-

Aus den Kirschblüten steigen die Motten des Gespenstes Erinnerung auf. Sie nippen von der Schönheit der von Einsamkeit und Liebe untüchtigen Ranewskaja. Der Tod liegt wie ein Schimmel über den Seelen.  

Sie fliehen in die Stadt, ins Kloster, in ein Amt, in die Fremde.
Rußland wartet auf die Katastrophe.

Was sind das für Existenzen: Gouvernanten, Stubenmädchen, Lakaien? Auch über ihnen liegt nicht das Morgenrot einer Revolution, sondern der Geruch von faulendem Fisch hinter dem Badehaus.

Trinken wir einen Kaffee, das Elixier der bitteren Süße einer vom Untergang bedrohten Elite! Rufen wir in verzweifelter Geste die klapprigen Hoffnungen aus dem Bücherregal der Revolte an! Schwadronieren wir aus den Blutsbüchern der Ideologie und aus dem Affenkäfig einer Monolog des Willens gewordenen Philosophie!





Und wer zahlt unsere Schulden?

Während der Lakai am Stubenmädchen grabscht, das der Buchhalter mit romantischen Flausen dazu bereit machte, während die Axt in den Stamm fährt, fallen die Blüten in den Schlamm, taumeln die Hoffnungen in die von Komplimenten triefende Berechnung des Ego.

Man tanzt, man reist, man klagt. Und Liebe und Egoismus werfen grobe Netze aus. Erfolglos.

"Was ist Wahrheit?" lacht die Grobheit, genannt Realität. Und der Vampir Depression saugt unfühlbar an der Leidenschaft. Zu weit scheint das Land für die schwachen Menschen.

Wären da nicht die Schauspieler, wie könnte man den Chor der im Meer der Verzweiflung ertrinkenden Leidenschaftslosigkeit ertragen? Sie machen aus Gespenstern der Hoffnung verzweifelt kämpfende Menschen, sie verwandeln das hohle Pathos in ein verzweifeltes, die Stimmen aus dem leeren Raum in Hoffnung und Angst von Dir und mir.



Wer wohl Recht hat: das Wort oder sein Ausdruck? Wer will es wissen? Unsere Zweige erzittern unter den Schlägen der Axt. Erschreckt fliehen die Vögel.

Wie tröstlich, wenn die Verlorene ein Fest gibt oder dem Landstreicher ein Goldstück. Wie tröstlich ist auch der Sprung des Stubenmädchens in die Arme des Grobschlächtigen.- Musik!

Was auch immer wir leben: hört und seht: wir leben!-

Bravo der Truppe Storr/Rudenska von der UdK Berlin 2011.


07.08.11
Klaus Wachowski



Dienstag, 5. Juli 2011

Lindenbaum

Lindenbaum
Über dem Lindenbaum Sonne.
Aus dem Lindenbaum Schatten und Duft.
Gelb und schwarz sind die Streifen der Bienen,
sie sterben in Duft und Ekstase.
Am Leib eines Regenwurms sammeln sich glitzernde Schnecken. Wasser und dünne Fäden Blut fließen aus den Bartzotten des Fisch kauenden Hirsches. Sie essen - Leben?
Den Alten, der nicht mehr essen wollte, fahren sie rasch aus der G 3. Im schwarzen Rollator, voll mit Gedächtnisverlusten verbrennt sein Testament in einem letzten Entschluss.
Einer sagt:" So hoch steht das Unkraut!" und meint meinen Garten. Siehst Du mich denn schon aus der Ewigkeit Fenster?
In Deinem Herzschlag schwirren die Schreie des Baby´s. Ein master of wellness lacht von der Schaukel des Sex. Auf dem Altstadtpflaster wälzt sich ein Campari trinkender Shaolin. "Kong Teppiche!", ruft die Reklame von Sale. Rheinhessen klatscht Beifall dem Speck des Kung Fu.
Am Ufer des Sommers plätschern Gespräche, belebt sich die Wiese mit Blüten. Mit Regenbögen schießen Erinnerungen leuchtende Löcher in Depressionen. Entzündete Knochen brennen vor Schmerz.
Auf dem Weg nach Golgatha liegt verloren ein Schnuller. Der Tag versinkt in die See der Unendlichkeit.
Sie haben ihn geschoren und ihm einen Latz umgebunden.. Noch gestern jagte er den Lehrling hinaus aus dem Büro. Nun lächelt er, wenn ihm X den Hut vom Kopf haut.
"I-A", sagt der Esel Wellness Die Königin aber zieht eine Schleppe von weiß in der Einsamkeit Weiße.
Nun müde schließt die Verwirrung die Augen. Gib ihr einen Schnuller aus Zeit, so lange noch ein Morgen aus der Ewigkeit tropft.
03.07.11 Klaus Wachowski

Sonntag, 19. Juni 2011

Traum unter Wolken

Was ist der Traum unter Wolken, die sich gegen das Blau auftürmen, aus dem Grün der Wiese?
Die Sense saust durch den Hundekot. Der städtische Arbeiter flucht und fährt davon. Zögernd kehrt die Stille zurück.
Ein Bündel Sonnenstrahlen huscht über die grünen Ähren und verwandelt die Rinde des Apfelbaums in eine Erscheinung des Wunders Natur. Schatten und Licht der Jahreszeiten liefen daran herab. Der Regen ließ sie erschauern, Hitze und Frost gruben sich in Rissen ein. Heerstrassen von Ameisenvölkern in scharfem Biß.
Worte von Liebe und Wut der Menschen, Seufzen der Lust, des Schmerzes, gesammelt im Weh der Geburt und des Sterbens des Tiere: es wehte vorbei und nichts erinnert daran.
Die Wolke schüttet einen kalten Schatten und einen kalten Schauer in die Sehnsucht. Die Blätter zittern wie die Flügel der Schmetterlinge. Die Erinnerungen bekommen Falten wie Schrumpfköpfe. Es schimmelt und staubt.
Welches Märchen rettet Dich in ein anderes Zimmer des Lebens?
Wer liebt Aschenputtel, wo der Prinz sich nicht an die Diät hält und in der Öffentlichkeit uriniert? Wo Schneewittchen in Evas Apfel beißt? Die Lust erstickt in den Fettmassen der Wellness.
Über Hänsel und Gretel leuchtet ein silberner Mond. Über dem Mann, der seine Frau verlor, ruft eine dunklere Stimme ein "Wann?".
Ein Bild aus der Kindheit taucht auf, voll von Grashalmen, Käfern und leuchtenden Sonnenblumen. Das Licht und vielleicht auch die Schmerzensschreie der Zahnpatienten haben die Farben des Kitschmalers in ein wehmütiges Blau getaucht. Was träumt das Kind mitten in seiner Angst?
Der Horizont verspricht eine tröstende Aufnahme an einer Tafel des Friedens. Ein blauer Nebel aus Hoffnung und Angst beschränkt die Sicht. Du bist allein unter Fremden dem Ruf aus der Welt der Unbarmherzigkeit nach "dem Nächsten, bitte" ausgeliefert. "Nicht sclimm", sagen die Ängstlichen auf den knarrenden Stühlen mit schiefem Mund. "Hoffnung", ruft es bettelnd aus den Halmen.
Wie sind die Träume unter Wolken gegen das Blau aus dem Grün einer Wiese? Sehnsucht mit einem Rand von zart aufgetragener Erwartung an Freude, die in den Blättern zittert.
19.06.2011             Klaus Wachowski

Dienstag, 14. Juni 2011

Uhr


 -Fallt, Regentropfen, in meine Regenwelt! –

E möchte einmal aus einem schönen Garten in die Ewigkeit. Bauer H lädt einen Anhänger voll Mutterboden ab. Sie hatte nie Kinder und entscheidet sich nun für ein Märchen.

K steigt aus der Überlastung aus in eine Depression. Der Friede des heiligen Psycho nimmt die Angst zu versagen von ihr.

Laß mich gehen!-

Aber Du hast dieses Grab vergessen. Auch die Katze Streichelmich wartet. Und die Kirschen sind auch noch nicht schwarz. Sieh, Deine Rosen, wie prachtvoll! –

Wer soll Deine Erinnerungen hüten? Die guten davon! – Und willst Du nicht selbst Deine Lebens- und Putzmittel im Supermarkt auswählen? Mit viel Zeit?

       Aber irgendwann muß ich doch sterben! –
       Es ist Deine Entscheidung. –

Mir aber wäre lieb, wenn Du nicht aus dem Nichts in ein Ungewiß springst, sondern von einer Welt Abschied nähmst, die Du als einen Garten geliebt hast. –

13.06.2011 Klaus Wachowski

Sonntag, 12. Juni 2011

Staubkorn

*


Wie leer sind doch die Begriffe "Ewigkeit", "Staubkorn", "Liebe", "Tod". Wie schwer wiegt die Anschauung, wenn es Dich trifft.


Die Vögel singen unter einem tieferen Himmel.
Die Täter erscheinen unwirklicher.
Der Mensch wird Nachbar.
Freundschaft findet ihren Grund,
Liebe ihr Glück und den damit aufgewogenen Schmerz.


Wie viel Schmerz, wie viel Glück doch in ein Staubkorn geht.


Genug von Schatten!- Noch tanzen wir im Sonnenstrahl.


Und dann!?-
In Schatten und Licht.


12.06.11
Klaus Wachowski

Dienstag, 24. Mai 2011

Vögel in verklingendem Tag


Vögel in verklingendem Tag
Als riefen sie entlang der Felsenküste,
als flöge ein Schatten in ein erleuchtetes Herz,
als regnete es in einen Pfauengarten Jauchzen von Kindern,
So sehe ich das Abendlicht im Laub der Bäume ,
so höre ich der Amseln Liebesruf,
so klingt in mir ein verklingender Tag.
Klaus Wachowski  24.05.11

Sonntag, 1. Mai 2011

Gleichheit 1. Mai 2011

Von der Gleichwertigkeit der Person zur gleichen Entlohnung. Wer will das noch? Das denke ich vom Standpunkt eines nach Oben GelangTen aus.

Und bin überrascht von der Begeisterung der alevitischen Familien zum 1. Mai. Hier gibt es ja Hoffnung! Hier geht es noch um gerechte Teilhabe.

Wie war da  damals? Wie war das vor dem Abstieg vom gleichen Lohn zum gerechten und vom gerechten Lohn zur Leistungszulage, zur Spaltung der Beschäftigten in Privilegierte und Underdogs? Das Bewusstsein ging doch auf eine gleichmäßige Eroberung  eines größeren Teils am gesellschaftlichen Wohlstand.

Mit der Liebe und dem Familienglück setzte sich der Smith-Marx'sche Egoismus und Familienegoismus gegen das christlich-anarchistische Solidaritätsgefühl durch. Die Partei wurde vom Organisationsinstrument von Ideen zur Beförderungseinrichtung von Funktionären und zur Versorgungsanstalt von Freundes- und endlich Familien-Clans. Wir ließen es uns nicht immer ungern gefallen. Kamen doch auch wir weiter.

So stehen wir wieder am Beginn der 60er Jahre mit dem Bewusstsein privilegierter falscher 50er. Noch wartet die Jugend geduldig bis besoffen an den all-inclusive Party-Stränden. Es ist eine Frage der Zeit, bis sie unsere schönen Einkaufspassagen, unsere schläfrigen Kultur- und Gedenkparks, unsere gähnenden Gedangenarchitekturen einreißen.

Auch wir haben den gerechten Staat nicht mehr ernsthaft gewollt. Es geht eher um Polizeischutz für Privilegien. Der 1. Mai ist uns eine Bußpredigt. Was werden sie damit machen?

Musik quillt auf. Begeisterung bei den alevitischen Genossen. Hoffentlich kein Lied auf Väterchen Stalin! Es klingt begeistert. Wie etwas von Freiheit, Gleichheit und Solidarität, von frei Geborenen.

Klaus Wachowski 01.05.11

Sonntag, 17. April 2011

Raum Lächeln

Auch Lächeln ist ein Raum.
Auch der Nachttopf ist Issa.

Es entsteht in dem Augenblick, in dem das Kind sich von der Brust löst. Gestärkt von der Liebe tritt der freie Erdenbürger in das Licht und lächelt. Es öffnet sich eine Welt namens Vertrauen. Es kommt von Berührung, , es berührt. Und Ihr blüht auf. Gleichzeitig, als wärt Ihr durch eine Wurzel verbunden.

Es hat etwas Impressionistisches. Es färbt im Sommer Wiese und Lichtung. Es füllt den Winter mit dem Versprechen eines Kerzenlichts. Und am Grab gibt es den Trost einer Umarmung.

Deshalb ist selbst das höfliche Lächeln das Offenhalten einer Tür in einen Raum. Er hisst Gemeinschaft. Und unter Freien: Gleichheit.

Ein Lächeln biegt um die Ecke und entzündet in Dir ein Lächeln. Und Erinnerung an Liebe und Freundschaft.

30.3.2011        Klaus Wachowski

Sonntag, 10. April 2011

Barbie- Change


-Nach dem Barbietur im PISA-Gymnasium-
Ken riecht den Duft des Hyazinth und wird in die Frühlingswiesen seiner Kindheit gezogen. Ein Cherokee im Schloss der rosa Träume! Wie konnte das geschehn? Er muss ein Pony führen, während das letzte Einhorn hinterm Horizont sein Todeslied anstimmt!
Barbie ruft nach ihm, als sei er ihr Knecht. Eine Welt aus Plastikträumen.
Er legt den Anzug ab und geht in irgendeinem dunklen Outfit aus dem Tor. Dann steigt er den Hügel hinauf, wirft einen letzten Blick auf die Anwesen der guten Ordnung und der im Genuss verfaulten Liebe. Hier ist sein Leben im Nichts versunken. Den Rest möchte er für die Suche nach dem Sinn und für das Sterben verwenden. Was er sucht außer so irgendetwas von Rückkehr, kann er nicht sagen.
Der Duft des Hyazinth ist auch hier überall präsent. Wie beteten noch die seltsamen Baptisten? Etwas von "König Jesus" und "Herr Gott". Erzähle einem Indianer nichts von Herren und Königen! Das ist etwas für Feiglinge in blauer Uniform. Was meinst Du, Bruder Jesus?
Er gibt dem Pony einen Klaps und läßt es frei. Kaum zu glauben: es kehrt um in den Garten der keifenden B. 
Wie gerne hätte er sie mitgenommen, um ihr die schweigenden Schönheiten seiner Welt zu zeigen. Aber sie hat zu große Angst vor der Einsamkeit.
Macht verweht vor den rauschenden Farben der Täler. Liebe verliert sich in den Hoffnungen des Wegs. Und was soll werden, jetzt, wo Du alt bist?
Im Zimmer eines schmutzigen Gasthofs erwacht er vom Grölen der Getriebenen. Er sieht den Blutfleck an der Wand der Wellness-Baracke. Ob der Wirt wirklich ein Wirt ist? Weit hinter dem Mond hört er das Einhorn.
Als er am Morgen den Weg in den Wald einschlägt, überfällt ihn der Schmerz. Auf einem Stein im Quellbach kommt er wieder zu sich. Die Wellen zerbrechen das Bild seines alten Gesichts. Er sieht etwas wie den Kopf eine weißen Pferdes. Er fühlt das Schneiden eines Abschieds. Dann folgt er dem Bachlauf. Der in den Bäumen gefangene Wind flüstert eine uralten Schmerz.
Ein Rätsel liegt auf dem Weg. Als Ken darüber stolpert und einen ziemlich lächerlichen Anblick gibt, stellt es die Fragen Freiheit und Liebe.
Barbie schreckt auf. Wo ist ihr Begleiter? Sie hört den Ruf des Vogels Einsamkeit und steigt noch im Schlafanzug auf ihr Pony. Furchtsam durchstreift sie die Schluchten des Alters, das Pony strauchelt auf nebligen Pfaden. Erbarme Dich!
Am Abend kehrt sie mit einer von Verzweiflung dunklen Seele zurück. Hündchen Tanner begrüßt sie mit freudigem Bellen. Am Pool steht Ken mit Ihrem Lieblingshandtuch und einem Wellness-Wässerchen von Bio. Ein Duft nach Hyazinthen liegt über dem Rasen. Aus den Gärten Isfahans klingt der Ruf des Pfau herauf.
Und Du, der oder die da glaubt, alleine zu sein, weine! Sei stolz auf die Tränen der Freien.
Dann aber sieh. Vielleicht ist Deine Freude nicht zu wild, den Gesang des Einhorns zu hören. Mir klingt er wie ein Gedanke an Gott.
10.04.11 Klaus Wachowski

Sonntag, 13. März 2011

Trauring

Trauring
Ich fühle mich so Trauring, sagt das Herz. Der Verstand meint dagegen, es handle sich lediglich um den Beginn einer Erkältung.
Ein Schwarm von Tauben fliegt die Runden des vergangenen Herbstes nach. Unter sich Gärten voller Körner, Häuser im Mittagsschlaf von Senioren und zwei Wahlplakate gelb und rot.
Nimm etwas Grün unter Deine Schuhe, wenn Du jetzt gehst. Noch sind die Wege von Schlammpfützen bedeckt.  
Hier schauen Passanten noch misstrauisch auf den einsamen Spaziergänger. Aber schon hast Du das weite Feld erreicht, wo nur der Bussard und der Wind ihre hässlichen Stimmen hören lassen.
Einige Hundefreunde lassen ihren Menschenhass von der Leine. Aber eine Hasenfamilie lenkt sie ab.
Jetzt bist Du allein mit der Welt. Es ist nicht gewaltig: eine graue Schmiere über dem Himmel, deren Ton sich in alle Farben mischt, der Schlamm zu Deinen Füßen, eine Luft ohne Duft.
Lass die Zeit vergehn. Das Wort Gestern weht vorbei als ein Zigarettenrauch. Was war? Es ist wie ein Gefühl von Ukraine im Herbst. Aber ohne Menschen.
Es ist Frühling, aber noch nicht Frühling. Christ und Atheist warten auf Ostern. Die Sonne, die mit dem Tod der Nächstenliebe kommt. Goethe macht seinen Osterspaziergang des bürgerlichen Optimismus. Die Jugend wälzt sich in gestörter Lust, das Alter trägt in Räumen des Schweigens lästige Erinnerungen vor.
Aber da war ein Erdbeben in Japan. Wirkliche Tote, wirklicher Schmerz. Der kurdische Flüchtling spricht davon und der Aktionär von der zufälligen Staatsangehörigkeit. Auch Dir erscheint Deine weltenweite Langeweile doch etwas dick aufgetragen angesichts des wirklichen Schmerzes, der gern mit liebessatter Langeweile tauschen würde.
Ich höre die Stimmen der wirklichen Menschen in wirklichem Gespräch. Ich spüre Dankbarkeit. Ich kann wieder an die Sonne glauben, an die Auferstehung der Nächstenliebe.
*
Ich stelle den Tisch auf die Terrasse. Du räumst die Scherben der Fenster weg. Du aber verblutest im Wüstensand.
Die Sonne scheint Frühling über Deutschland, Japan, Libyen. Und die Vögel singen aus voller Kehle Liebe.
Ich stecke die Zweige des Apfelbaums in eine Vase. Du blickst in einen Himmel voll Rauch und kreischender Erde. Du spürst heiße Tränen auf Deinem Gesicht.
Die Blumen färben die Erde ein. Gras zieht sich grün in die langen Schatten. Erste Bienen sammeln ersten Nektar.
Die Ewigkeit spiegelt sich im Augenblick. Diese Woche will sie sich Strähnen legen lassen.
Berühre und lasse berühren: Was wären all die Glück und Grauen ohne ein Du?
13.03.11                 Klaus Wachowski

Mittwoch, 2. März 2011

Libysche Liebe

Der meteorologische Frühling öffnet die Tür. Draußen steht die arabische Freiheit. Ob er ihr Kopftuch gebrauchen könne? Sie werfen Sand in den Hochzeitsreis.
 
Sie gehen unter den blauen Himmel voll Duft und Vogelklang. Sie gehen in Krokus und Tulpen und trinken Luft.

 
Sieh, wie die Wolke so weiß sich schmückt mit rosigem Rand, sieh die mit Liebe geschminkten Lippen der Freiheit. 

 
Auch Freundschaft bricht auf in den Straßen der Hoffnung. Im Frühlingswind flattern die Drohungen der Herrschaft davon. Es ist ein geschenktes Wunder.

 
Wie willst Du Deine Republik verfassen, mein Bruder, meine Schwester vom Sonnenaufgang.

 
Die ersten Bienen summen im Stimmengewirr des Morgens. Der Tag legt seine schwere Hand auf Deine Schulter. Aber der Frühling streut Blüten. Der Nachbar kommt heraus, auf die Straße der Freiheit. Zwischen Euch geht das Vertrauen.   

 
Dies ist das Wunder Freiheit im Wunder Frühling. 

 
Schwalben auf den Stromleitungen. Sie fliegen hoch in meinen Erwartungen. Ihr heller Schrei ist wie ein Blitz aus der Sonne.

 
Ich lege eine Rose auf das Grab des Tapferen. Ich lege einen Lorbeer auf das Grab des Ängstlichen. Am Grab der Wehrlosen weine ich.

 
Wenn der Abend kommt, bedenken wir Gestern und Morgen. Und wenn Du zu Deiner Liebe gehst, weißt Du: an der Tür wacht die Freiheit.

01.03.11 Klaus Wachowski

Donnerstag, 17. Februar 2011

Helge Prase



Gott geht durch Karlsruhe. Er sucht den Gerechten Helge Prase, der nicht an ihn glaubte. Wieder Einer an den Tod verloren.

Die Sonne leuchtet den Frühling ein und die Vögel singen von der Leichtigkeit des Seins. Die Straßenbahn quietscht von neuer Lebens- und Einkaufslust.

Die Verlorenheit der obdachlosen Brüder ist nun wieder größer, sie selbst sind wieder zu Bettlern geworden. Nicht dass sie große Hoffnung in uns gesetzt hätten. Am Rand der Gesellschaft zeigt sich, wie dünn der Firnis der Achtung ist. Hier gewinnt der Begriff "Wertschätzung" an Heuchelei, hier scheitern Sprüche an Erfahrung.

Ich erinnere mich an seine leise Stimme, sein schütteres Haar über manchmal gelblichem Grind an die rötliche Haut. Ich erinnere mich an seine Menschenfreundlichkeit und an seinen Glauben an die Macht der Solidarität.

Die Eltern hatten ihn in ein Waldorf-Internat gesteckt. Er hatte in der Landwirtschaft gelernt und gearbeitet. Auch ein Examen als Altenpfleger habe er abgelegt. All das war nichts von dem, was ihn bewegte.

Er wollte die Erde auch für die ziellosen Wanderer einer abhanden gekommenen Republik machen: "Auch Du gehörst dazu." In der Schillerstraße 11 stellte er die redaktionellen Beiträge für die Karlsruher Straßenzeitung zusammen, gab die Exemplare an die Schicksalsgenossen zum Verkauf aus und rechnete mit ihnen ab.

Hier war Frieden, hier gab es Rat und Hilfe. Vor allem aber Aufmerksamkeit für Aufgegebene, die sonst mit bedrückendem Mitleid, mit Pharisäern und Regulatoren vorlieb nehmen müssen. Die Prügel des Vaters, die Hysterie der Mutter, die Interesselosigkeit dieser seltsam nach Glück strebenden Großen, die den Kleinen da umrennen, um die Ersten am Wühltisch zu sein. Diese Gottesdiener, deren Begeisterung von Gott Du teilen mußt, wenn Du gerne etwas von ihrem Tisch hättest, Vernünftige, deren Begeisterung für  weiß gestrichene Rauhfaser Dir ins Ohr geblasen wird, während sie Dir etwas in den Hut werfen.- Wer geht einfach ein Stück Gespräch mit Dir?

Zwei mal habe ich in den letzten Jahren mit ihnen Kaffee getrunken. Was war dort anders als hier? Die Hoffnung auf persönliches Glück ist nicht kleiner und das Vertrauen auf den Nächsten nicht größer als in der Mitte der sich als etwas Besseres fühlenden Gesellschaft. Du findest die miesen Sprüche der Sarrazin-Tische neben den besoffenen Hoffnungen der narzißtischen Projektemacher und dem halt einfach Weiterleben der Depression.

Da war Messie - alte Bücher bis unter die Decke-. Da war linke Hoffnung aus der Zeit der 68er und Wut aus Hartz lV. Da war unverhüllter Ausländer-Haß bei manchen Gästen, gegen den seine menschenfreundliche Haltung nichts aufzubieten wusste als eine beschwichtigende Geste.

Ich begleitete ihn in die Stadt. Es wäre doch einmal gut zu erfahren, was ein obdachloser Redakteur so auf dem Sozialamt hört!

Nun: "Er solle doch mal eine Alkohol-Kur machen."
"Warum? Ei, das sehe man ihm doch an!"

Und was meint der Verachtete zum  kulturellen Ereignis der letzten Ausstellung im ZKM? Hier schweigt der einst mit Eurythmie aus der Kultur Vertriebene. In seiner, ihrer, Zeitung haben Gedichte und Bilder ihren Ursprung in einer persönlich gefühlten Empörung, in einer wilden Hoffnung, die mit dem Rücken zur Enttäuschung steht. Der Abstand des Frustrierten zum Gelangweilten ist zu groß, wiewohl der Eine nur den Kopf drehen müßte, um in die Seele des Anderen zu sehen.

Ja, Solidarität: nicht mit dem Lumpenproletariat meinte wohl die Linke, die keinen gesteigerten Wert auf seine Kandidatur legte. So kommt ein Obdachloser zu den freien Wählern.

Wir gehen in eine Bäckerei mit Café- Tischen, wo junge Verkäuferinnen lächelnd und mit spitzen Fingern ein Brötchen in die Hand geben. Die schlimmste Zeit sei ja nicht der Winter. Da hätten die Leute schon Mitleid. Im Frühling, da hätten die Kunden in den Einkaufspassagen zu viel zu tun, um auf die Zeitungen anbietenden verlotterten Figuren an den Eingängen zu achten.

Was ist Leben? Schwer ist es ohne Liebe. Wer legt Wert auf Deine? Sie ist nur noch ein Wort in Weihnachts- Geschichten. Du aber wanderst in der Wüste Leben, sie zu finden.

Fußgängerzone: Da wo die Gleichgültigkeit ist, da gehts die Borderline entlang. In Morast von Mitleid und Verachtung versuchst Du, nicht auszurutschen. Wo die Liebe schwand, hilft Freundschaft unter Verlorenen. Lass uns gemeinsam einsam sein. Helge nimmt Dich mit in die Schillerstraße.

Er ist weg.

Gott sucht vergebens nach einem Exemplar Straßenzeitung. Ich sehe wie sich das Vertrauen des Bürgers in den Bürger auflöst. Das Ich der Welt zieht sich in eine Familie zurück oder geht wie der japanische Dichter Basho im Leben schon leblos durch fremde Welten.

Aber ich bleibe Optimist und glaube an die Macht der Solidarität, die Eure deutschen Depressionen in ägyptische Hoffnungen umgießen wird. Mit Helge.

16.02.11 Klaus Wachowski