Translate

Montag, 20. September 2010

Der Lichtblick


Aus dem ewigen Regen des herbstlichen Galizien treten wir ein in das Gymnasium Brody. Hier hat also Joseph Roth sein Abi gemacht. Die Schule sah sich aufgrund seines Ruhms gezwungen, einen Raum als Museum zur Verfügung zu stellen. Die Schüler lernen hier inzwischen sogar Philosophie statt stramm gezogenen Marxismus.
Na ja, ganz schön. Das Gebäude ist so etwa 1900. Das Innere erinnert an das des Altbaus meines Gymmies etwa 1970. Was berührt so angenehm an Erinnerung? Es war doch wahrhaft nicht schön außerhalb der Clique: autoritäres Regeln, Drohen mit Noten und Verweisen bei jeder freien Regung. Elitäres Bildungsgehabe von saturierten Langweilern, außerhalb ihres  Besserwissens bore-dumm. Coach-potatoes und gestresste Diven des Kurbetriebs Kultur. Wir aber wollten wissen und - leben.
Auch auf ukrainisch läßt sich von oben heftig zischen, wie eine Mitreisende erzählt: Vorhin hat eine -jetzt lächelnde- Dame einen der brav und blau angezügelten Schüler zusammengestaucht.
Die Wände in dezenten Tönen des ruhmreichen Habsburg, Polen, Rumänien, der ruhmreichen  Sovjetzeit oder der noch nicht ganz so ruhmreichen Revolution gehalten, strahlen vornehme Pflegeleichtheit aus. Die Klingel schellt: die alte Schulklingel von der Volksschule Edenkoben, vom ollen Leipniz Neustadt, vom Pilsuzki-Mickiewitzki Wroclaw, Kaiser-Schmonzesmaturat Wien, Komsomolski-Technograd Moskau oder Aureliano-Maximus Bucuresti. Immer Erlösung vom Zwang und Drohung zu neuem Zwang. Die Starken und die Cliquen ergriffen die Macht im S hulhof, wir verzogen uns davor in eine arrogante Geste. Hier ist es nicht anders, nur dass noch ein paar Tutoren und Denunzianten machtlos herumstehen. Es soll wohl irgendwie edel und gentleman-like diszipliniert aussehen. Inzwischen denke ich: auch egal. Ob das Ego auf diese oder jene Weise Ernsthaftigkeit und Verantwortung spielt. So lange das andere Ego nicht auf den Trick hereinfällt.-
Wie stolz waren wir, dass es ihnen nicht gelungen war, unser Denken breit zu klopfen. Und nun stehe ich hier als Teilnehmer einer Bildungsreise...
Was ist Glück ?
Zuerst ist wohl das Staunen. Aber es muß noch warten: steif von Bildungsbereitschaft betrachten wir die Bilderreihe an der Wand: Brody einst und jetzt. Altes Rathaus, renoviertes Rathaus; alte Schule, neue Schule usw. Auf einer polnischen Ansichtskarte von ca. 1900 lese ich "herzliche Grüße von Irene Hirsch" (lieber keine herzlichen Briefe von Steinbach bekommen!). In Deutsch-Sütterlin. Ob sie mit dem Wohltäter Baron Hirsch verwandt war, der die Handelsschule gestiftet hatte? Ob sie in diesem Fall den Nazis entkommen konnte?
Was ist Brody jetzt gegen Brody einst? An der gegenüber liegenden Wand hängen von Schülern gemalte Bilder. Ein düsterer Jesus und ein wunderbar kitschiges Bugs Bunny.
Zuerst ist wohl das Staunen. Hinter unserem Rücken steigen Sektperlen von unterdrücktem Lachen auf. Aufgeregtes Flüstern von Mädchen und Jungen.
Als wir uns umdrehen, blicken wir in zwanzig aufgeregte und vor Schreck und Schüchternheit stumme Gesichter von Schülerinnen und Schülern. Auch wir wissen aus der Verlegenheit des Fremden nicht, was wir sagen sollen. Ein erstarrender Raum zwischen uns gebiert ein riesiges Fragezeichnen. Das Staunen und die Neugier werden stärker als die Gleichgültigkeit des Besserwissens und das Mißtrauen des Mißanthropen, zu dem das Zeitalter des Narziß den westlichen Supermarktsbewohner gemacht hat. Und in diese Seelen hier ist noch nicht die bittere Enttäuschung von Aussortierten eingeflossen.
Kurzum: das Wunder geschieht:
"Do you speak English?"
Die Herzen gehen auf und hundert goldene Fragen taumeln zwischen alten Wessies und den Kindern der Hoffnung.
Was machst Du? Wie lebst Du? In welcher Sprache sprecht Ihr?
Ach, es kommt ja gar nicht auf Antworten und Wissen an, sondern allein auf das Antworten und Fragen.- Aufmerksamkeit, wie unscheinbar erscheint das Wort im Alltag. Man fordert sie von uns. Aber wann haben wir sie zuletzt erfahren? Was Antworten!?- Wir wollen uns unsere durchsichtigen Phantasien doch gar nicht durch die grauen Vögel des Wissens und der Erfahrung zerstören lassen! Wir finden uns wieder in einem Taumel des unnützen, nur Sympathie, Fröhlichkeit und Freude blitzenden Gesprächs. Geht so der Anfang von Hoffnung? Auf Mensch und Welt.-
Du kannst es glauben: der so düster gemalte Jesus reißt die Wolken auf, schnippst mit den Fingern und Bugs Bunny springt mitten in unser Vertrauen.
Die Klingel schrillt: schnell, schnell zurück in die Klasse. Heute Nachmittag träumen glühende Seelen von San Francisco, Europa, Freiheit und Glück bei Freunden.
Husch, husch zurück in den Bus aus der Bildungsrepublik. Unter den schweren Wolken der Ernsthaftigkeit füllen sich unsere von Erfahrung steifen Herzen mit Lächeln. Der Mensch ist möglich.
Sie sagen Euch, was Ihr wissen und was Ihr vergessen sollt. Ich wünsche Dir: Sei und werde!

Zu Hause empfängt mich ein Fest mit einem flotten Song, der "never ends in Southern California". Es klingt schon lang nicht mehr besser als das „Alzer Lied", dargebracht von Weinmajestäten. Eine Erinnerung von Aufmerksamkeit in einer ukrainischen Schule schützt vor Verbitterung. Denn ein Teppich aus dem Land Ruanda, von Grauen geprägt wie das unsere, sagt unser liebstes Wort mit der Sehnsucht der Rose Ausländer: „Du“, das Zauberwort gegen Weltbilder. Ihr aufgeregten chassidischen Lichter der Freude: Sie war ganz nahe bei Euch geboren.

Klaus Wachowski         18.09.10