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Montag, 11. November 2013

Fünf verweht


Am Spielplatz treffen sich fünf. Einer aus Schlesien, einer aus dem Banat, einer aus Afghanistan, einer aus Ungarn und einer aus der Familie eines Schlesiers.
Man hat so Erinnerungen. Sie schneiden noch mit 80 Jahren in die Nacht. Der Vater, der zwei Tage und Nächte im Eiswasser stehen musste, der Hass in den Augen der Nachbarn, das Schreien der Mutter bei der Nachricht von der Ermordung des Vaters, die schwarzen Einsamkeiten des Waisen, der Jähzorn des Vertriebenen. Fünf Ikonen von schmutziger Welt, fünf von Leiderfahrung und Hass knirschende Spiegel unter den Gewichten der Welt.
Mach Dir mal keine Sorgen um Dein Aufenthaltsrecht! Es ist hart, aber wir sind sicher, auch Du wirst einen sicheren Platz bekommen.
Mein Kopf tut weh. Ich weiß nicht, was mit meiner Mutter ist. Ich darf nichts tun und muss auf Gnade warten. Habt denn Ihr Gnade erfahren?
Na ja, ich hab den Ausweis in den 80ern bekommen. Aber glaube nicht, dass die Einwohner begeistert waren, als wir arbeiten und sogar ein Haus bauen wollten. Dort waren wir die Deutschen, hier sind wir die Rumänen. Der Hass und der Neid sind immer dabei. Ich bin mürrisch, rede nicht viel und weiß immer noch nicht, wer Nachbar ist und wer nur neugierig über den Zaun blickt. Aber mit all meiner Unzufriedenheit und mit der der Nachbarschaft bin ich doch sicher. (Er versinkt ins Brüten über die Rotten auf dem Schulhof, die dann Polizisten wurden.)
Ich musste schon um meine Anerkennung kämpfen. Der Osten war noch zu und als früher Verfolgte waren wir in Ungarn ja gut behandelt worden. Als dann die Revolution kam, waren wir die Ersten, die für ihr gutes Leben bestraft werden sollten. Zum Glück musste ich nicht zurück. Jetzt achte ich darauf, dass meine Kinder wieder nach oben kommen. Danke nein für soziales Netz. (Denkt er an seine ermordeten Eltern oder an die dunkle Geheimnisse? )
Als ich dann vor 30 Jahren den Herzinfarkt hatte und die Alpträume einer Flucht in die Gräuel hochkochten, war da niemand, der mit mir reden wollte oder konnte. Bis heute kommt der schwarze Klumpen immer wieder hoch.
Kannst Du dann sehen, dass Dein Leid auch die Folge von Leid bei anderen war? Mein Vater war voll Wut auf seine Kinder, die sein Leid nicht sehen wollten, so lange er nicht von seiner Schuld gesprochen hatte.
Sie sind getrennt von den Menschen. Die Menschen erwarten normales sozialverträgliches Verhalten und etwas Dankbarkeit.
Ein Rabe ruft: "Bruder vom Fragezeichen der Allwissenheit. Wie kommt das Leid in die Welt?"
Der Klausner Brandstaetter spuckt seinen letzten Zahn aus. Ab morgen nur noch Flüssiges. Er löscht das Antoniusfeuer und geht zu Bett. Der Soulman aus dem Senegal so:"Du hast mir zugehört, als ich Dir das Armband verkaufen wollte. Die da starren in die Sehenswürdigkeiten, um mich nicht zu sehen und sehen weder das eine noch das andere." Er schenkt ihm das "Armband Yin und Yang für Double-Sex". Sein Bruder zieht den schwarzen Müllsack aus dem Gebüsch, holt die Kleider heraus, wäscht sie im Freiheitsbrunnen und trocknet sie anschließend auf der Abluftschacht der Tiefgarage. Morgen gehts weiter nach Norden.
Ein Polizeiauto fährt ein. Eine Nachbarschaftsbeschwerde. Mindestens zwei haben fühlbar Angst. Ein Asoz mit süßem Hund geht vorbei. In der Tasche Handzettel des Hasses. Man kennt das.
Wenn Ihr jetzt nicht Eure Spiegel zerschlagt, lernt Ihr nie den Menschen im Menschen kennen.
9 . 11 . 2013
Klaus Wachowski