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Samstag, 29. September 2012

Remind


An einem Tag im Jahr 1919 fährt der Dichter Ryonosuke Akutagawa im Zug nach Tokyo. Der Anblick eines grob gestrickten Bauernmädchens, das sich ausgerechnet ihm gegenüber hinsetzt, die Zeitungsartikel mit langweiligen Berichten des Wichtigen. Alles erscheint unsäglich, ver-drießlich, gemein und langweilig.

Bis aufgrund einer unerwarteten Handlung des Mädchens, die ich hier nicht wiedergebe, sich plötzlich ein Schein von Freude und Wunder in der Welt der ausgelaugten Aufmerksamkeit ausbreitet.

Ich grüße Dich über fast hundert Jahre hinweg. Man raucht nicht mehr in der Bahn. Sie ist schnell und unzuverlässig geworden. Und die armen Bauernmädchen mit dem Sixpack brüllen Dich an, wenn Du etwas zu lange hinübersiehst.

Aber als ich in der Zwerchgasse ausgelaugt von meiner Arbeit dem Alzeyer begegne, erscheint auch mir das Leben wie ein ausgelaugter Herbsttag. Im Vorübergehen versuche ich, seine Gesichtszüge zu entziffern. Es ist ein Buch von vergilbten Blättern, voll von verschmierten Lettern. Mich nimmt er wohl ebenso als rasch sich verlierende Erinnerungsspur in seiner Ziellosigkeit wahr.

Wer wird sich an Dich erinnern, wenn wir die Reden der Scham und der Erinnerung halten? Ein Mädchen sagt, sie werden doch nicht alle umbringen! Und Schwester und Freundin sinken ihr weinend in die Arme.

Ein Dichter sieht Gottes Tränen. Der aber sagt: ich weine nicht!

Vergiß, daß Du ein Dichter bist, und sieh dem Luftmenschen von Alzey in die erschöpften Augen.

Wir singen das Lied Donna Donna, welcher Refrain ursprünglich auf Adonai ging.

29.09.12 Klaus Wachowski