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Donnerstag, 3. August 2017

Stecken und Stab

Nun stehst Du da
wie Stecken, Stab
und bist wie eh und je
geknickt, gebrochen.

Man glaubt an Dich,
Du lachst,
machst mit die Show,
und kommt die Angst gekrochen,
lügst Du die Sonne in den Schnee.

So war und ist Dein Leben
sinkend wie Stecken und Stab,
irgendwie daneben.

Geht's auch hinab:
vorher ist besser
als nach dem Grab.

1.8.17

Dienstag, 25. Juli 2017

Ein Text aus grauer Vorzeit



1989 schrieb ich meinen Freunden über vorschnelle Gnade gegenüber Völkermördern einen scharf überlegten scharfen Aufsatz.
Eine neue Generation macht sich daran, die Herrschaft über die ethischen Grundsätze nach ihrem Vorstellungen richtig zu definieren. Es läuft ordentlich Ego ein.
Ich versuche statt Teilnahme an neuen alten Debatten jetzt einmal meinem jungen Text gegenüber den Standpunkt des Alters einzunehmen. Das Ergebnis ist bei etwas mehr Sicherheit der Kenntnis mehr Unsicherheit im Urteilen durch Erleben. Auch dazu ist den Opfern die Möglichkeit genommen.
*
Reinheit und Rache sind für gewöhnlich die Rechtfertigungen für Unrecht, Grausamkeit und Unmenschlichkeit. So tief ist das Geheimnis von Erfolgen wie "Spiel mir das Lied vom Tod" oder "Rambo" und "Dirty Harry" eigentlich nicht und ich wundere mich, wie ich glauben konnte, in Clint Eastwood einen Menschenfreund vor mir zu haben.
Das Recht versucht in der Regel demgegenüber der Person gerecht zu werden, auch der Person, die durch eine Tat eine Strafe erwirkt hat.
Ich versuchte der Person des Opfers gerecht zu werden. Wo Täter Angehörige und Nachbarn sich in weitläufigen christlichen Erörterungen der göttlichen Gnade ergingen, den Opfern und ihren Angehörigen damit das einzig verbliebene Recht aus der Hand nahmen, versuchte ich gerecht zu bleiben und es zurückzugeben.
Der Massenmörder X aus Japan, der grausame Schlächtereien in China und dem übrigen Asien anordnete, war die Waffe aus der Hand zu winden, mit der er sich aus der Verantwortung stehlen wollte. Und soweit ein Opfer noch fähig war, dem Impuls der Rache zu widerstehen, war der Täter doch nach dem vollen Inhalt des Gesetzes zu strafen!
*
Inzwischen stehe ich meinem Text, meiner Gnadenlosigkeit von damals mit bedenklichem Kopfwackeln gegenüber.
Der Täter von damals ist heute ein Anderer. Man beurteilt ja nicht nur die Tat, sondern auch die ausführende und nun ihrer Macht beraubte Persönlichkeit des Täters. Vielleicht ist sogar der äußerst seltene Fall eingetreten, daß zur Angst noch Reue hinzu tritt.
Aber: Das Opfer von damals ist tot und hat keine Gelegenheit dem Veränderten unverändert oder selbst verändert gegenüber zu treten. Und selbst in den seltenen Fällen des Überlebens fordert das Bleibende, der Schmerz, nach Rücknahme des Triumphs, der in der Tat als Genuß, Vorteil, Gewinn den Täter lockte.
Der Du urteilst: das Urteil steht Dir so wenig zu wie die Verzeihung.
Deine Aufgabe bleibt, dem Opfer zu seinem Recht auf Rücknahme des Triumphs zu verhelfen. Die Grenzen für Rache und Bedürfnis nach einer vom Bösen reinen Welt haben die Recht setzenden Bürger hoffentlich schon lange vorher in Zeiten des Friedens richtig gesetzt. Aber ich befürchte, solange die Unmenschlichkeit immer wieder einmal zur Herrschaft drängt, wird für kühles Abwägen nicht ausreichend Zeit und Raum bleiben.
Bis dahin sollte man den einen Umstand nicht vergessen, daß das Recht nur einem die Gnadenentscheidung einräumt: dem Betroffenen. Vielleicht noch dem direkt Hinterbliebenen. Dem nicht Betroffenen steht es nicht zu, die Tat in einer übergriffigen Gnadenentscheidung zu wiederholen und den Schmerz um die glotzende Gleichgültigkeit zu erhöhen. Selbst der gnädigste unter den Religionsstiftern, Jesus Christus, konnte dem keine übermenschliche Erlösung in der Barmherzigkeit versprechen, der nicht Reue zeigte.

Insofern kann ich von meinem 89er Text nicht abrücken. Wohl von dem Tonfall, in dem ich heute etwas viel von ideologischer Reinheit vernehme.

"Was ist so schäbig an der schäbigsten Entschuldigung der Reuelosen, daß auch Ihr nicht anders gehandelt hättet? Nicht Ihr seid, sondern sie waren Täter, Bejubler und Profiteure von Tätern. Wo sie nicht bereuen, wo Opfer eine eventuelle Reue nicht annehmen können, weil sie den der Toten zu respektieren haben, ist Entschuldigung Ausrede, Bestätigung des Verbrechens. Außerdem aber der schamlose Versuch, die nicht schuldig gewordenen durch Anbiederung auf ihre Seite zu ziehen, schuldig zu machen der Entscheidung anstelle der Opfer. Niemand als sie hat das letzte Recht der Gnadenentscheidung. Wer ihnen dieses zu nehmen versucht, bestätigt den Triumph der Tat über das Gewissen, jene letzte Barriere gegen die Unmenschlichkeit.
Wir sind nicht so, wie sie uns unterschieben wollten. Und ob wir je so handeln werden und gar so ohne jede Reue, das muß sich erst zeigen! Dazu werden wir es eben nicht auf sich beruhen lassen und unser Wollen, unsere Taten an ihren Taten prüfen. Sonst wären wir, wie sie uns haben wollen: wie sie.
"Ärzte im Dritten Reich" von Robert Lifton: Dort gab es alle Sorten Charaktere, aber auch zwischen dem "moralischen" Täter und dem Verräter (den es ebenso als Ausnahme gab wie jenen) den alles entscheidenden Unterschied der Tat, welcher der Täter sich entziehen kann, sei er danach auch Opfer. Dieses ist ihr aber selbst dann, wenn es sich zum Verrat entschließt, noch unterworfen. Nur wer nicht sehen will, kann sich seiner selbst sicher sein - die Täter sind es bis heute. Ob wir selbst Täter sein können oder gar einmal werden, wissen wir nicht. Wohl aber, daß wir es nicht sein wollen. Ganz anders als jene, welche eben Täter sein wollten, was sie durch den Mangel jeder Reue beweisen.
Ich habe mit manchem zu tun, durch den ein höherer Wille durchrutscht wie durch einen SS- Automaten, von dem er ins pöbelhafte gedreht wird, wie durch einen Gauleiter oder brutalisiert wie durch einen SA- Stiefel. Man darf seine Aufmerksamkeit daher nicht nur auf das Gewollte beschränken. Auch der Ausführende kann gefährlich sein.
Das Leben bleibt eine missliche Sache, die mit Nachdenken nicht zu ändern, nur zu begreifen ist. Und so finden wie die Egoisten auch die Gerechten und die es sein wollen stets den gleichen Ärger: nicht zur Ruhe kommen zu können. Was bleibt, als dies anzunehmen und den Pessimismus nicht abzuweisen, um von den Widerwärtigkeiten des Lebens nicht allzusehr verletzt zu werden."
*
Wer richtet hat auch das Problem des Henkers. Die Schwierigkeit, dadurch dem Täter nahe zu kommen. Reinheit und Rache haben damit kein Problem.

Aber das letzte Wort bleibt dem und der von der Tat getroffenen.

Klaus Wachowski 1.1.89 -nachgesehen 7/2017

Dienstag, 18. Juli 2017

Gießen

Ich gieße
meine Gleichgültigkeit hinab. 

Die Asche Alltag setzte sich in die Risse.

Ihn, den die Sehnsucht haßte,
der Schmerz ruft ihn zur Linderung. 

Aber er lagerte sich auch
in die Wunde unserer Liebe. 

Ich gieße Wasser der Zeit,
Wasser der Erinnerung.



Sinke, Staub von Sternen
in die Asche des Alltags.

18.7.2017

Dienstag, 11. Juli 2017

Srebrenica

Srebrenica

Wie viele Orte von Massenmorden hatte auch Srebrenica einmal eine andere Berühmtheit. Auf den Militärkarten des Donauraums des Türkenlouis, die gerade in Karlsruhe ausgestellt werden, kann ich den Ort nicht finden. Auch dort wütete schon herrschaftlich verbrämte Grausamkeit. Säte Haß. Und auch diese Zeit wird ihren über Gräbern Erdbeerduft bedichtenden Handke gehabt haben.

Ein Bild ist zu betrachten: in buntem Barock ist da ein brutaler Kerl zu sehen, der einen Alten niederreitet. Der Türkenlouis bricht in das Zelt des Großwesirs ein. Edle Gesinnung zeigt ihren Kern.

Ich denke an den verstorbenen Gymnasiallehrer und Schriftsteller Richard Weber, der mit Hilfskonvois in die vom Krieg zerstörten Gebiete reiste. Ich denke an die vom Krieg zerstörten Seelen, die im Haß erweichten Gehirne, an die, an deren Leid sich ein stets ungenügendes Gedenken treu zu halten sucht.

Der serbische Bürgermeister von Srebrenica zieht es vor, sich nicht zu beteiligen. Er wird sein Ehrenmal etwas abseits vom Memorial bekommen und eine unwissende Nachkommenschaft wird sich fragen, was es hier denn für Ehren geben konnte.

Lasst uns nicht stumpf werden wie die begeisterten Betrachter eines Kriegsschinkens, den belustigten Leser eines Handke, einen primitiven Egomeister der Stadt. Richard, nimm mich mit zur Stätte! Hilf mir, nicht schwach zu werden im Glauben an die Menschen.

Schweigen bereite den Raum!

11.7.17

Samstag, 8. Juli 2017

Vor dem Tor

Reden wir vom Alter.

Man weiß nun, was die jüngeren nicht hören wollen: daß man eben nichts weiß und auch nichts weiter mehr dazu lernen wird. Das Leben taugt nicht zur Schule. Es ist wohl einfach nur der Raum, in dem Du die Wunder der Existenz betrachten und erleben darfst, bzw. mußt.
Ob es sich lohnt?
Für welche kurze Zukunft willst Du das noch wissen?
Gott kann da auch nicht weiter helfen. Er läßt ja das ganze Firmament von Raum und Zeit offen (fruchtloser Versuch Einsteins und Russels, es zur Beugung zu bringen). So gehen wir und schauen, sofern es uns vergönnt ist, den Schmerzen und dem Verlust zu entgehen.
*
Vor dem Tor

Ich trete ein zu Dir, denn mit mir habe ich heute schlechte Erfahrungen gemacht.

Ich spüre das Wort in der Nähe. Ein Mann aus dem Osten spielt auf dem Akkordeon die Toccata von Bach!
Ja, er hat keine evangelischen oder katholischen Orgelpfeifen hinter sich, das Publikum hat besseres zu tun als im Hasten zu hören. Der Hund bekommt mehr in den Napf als er in die Hand. Aber dies ist Gottes Augenblick.
In einem Garten zwischen Riesenpappeln, Kartoffeln und Froschteich gräbt ein erfülltes Leben die Erde um. Es ist Frieden im Atmen des Windes vom Bach her. Schmetterlinge taumeln im Netz über den Johannisbeeren. Ein Maulwurf hat feinkrümelige Hügel aufgeworfen. Die Aufmerksamkeit bettet sich ins Grün.
Wie viele Jahre? Was ist seither geschehen? Wenige Erinnerungen an Schönes, Leichtes, an Glück und Hoffnung sind geblieben. Die anderen haben einen siegreichen aber auch verlustvollen Kampf gegen Trauma und Enttäuschung geführt. So leuchtet es in einer warmen Färbung aus den mächtigen Schatten.
Gurken, Zucchini, Mangold. Der Rasenmäher umfährt die hohen gelben Blüten.
Da war Kindheit. Ganz anders. Aber der Duft aus der Wiese trägt etwas von der würzigen Sehnsucht in sich. Wie weit erstreckte sie sich hinter den Wolken! Wie weich sprach ihr Weiß von wundersamen Landschaften, Lohn des Abenteuers, von einem fernen, seltsam freundlichen Du.
Was die DNA wohl damit meinte? Dieses bedeutungsvolle Zeigen auf irgendein Wunder! Sollte es der Evolution zu einem noch feingliedrigeren, noch verschrobeneren Affen helfen? Oder war es Ausdruck einer bereits ausgemendelten Hirnautomatik, genannt Phantasie?
Aha! Wer schaut da wieder mal um die Ecke? Dr. Smirc aus dem Cafe' Psycho. Er sucht einmal mehr nach seinen Stimmen. Es ist einsam ohne ihre Bewertungen, Anweisungen und sonstigen Narrheiten. Dr. Warnix, Psychagog und Bioxell, ruft in den Garten hinein: "Hej Jacko, ich hab sie!" Man hört es hecheln. Sie tunken ihre feuchten Schnauzen ins Gehirn und saugen Deine Seele aus.
Das wollen wir lieber verscheuchen. Smirc schnappt sich die Leinen und geht mit Dr. Warnix Richtung Klapse davon.
Du bist wieder allein in Deinem Idyll Grün.
In einem Garten wundergrün
Einsamkeit und Stille blühn.
Sonne, Regen, Wolken ziehn,
Blau steht über Grau.

Ferner Donner über den Baumkronen. Um das Dunkelrot der Blüte summen kleine Fliegen. Die Erde färbt sich im Wasserguß. Ein Buntvogel hüpft in der Hecke nach Schmetterlingen.

Komm, setz Dich zu mir, von alten Zeiten zu sprechen. Als wir in diesem kleinen Fluß plötzlich die Zeit verloren hatten und in einem Traum vorantrieben. Die Bucht hieß Ende des Tages, Pforte, Erwartung. Und die Wellen trugen das Gepäck schweigender Liebe sanft an Land.

Natürlich tauchten wir auf wie sonst aus den Gezeiten froher Gespräche. Natürlich gruben wir das Leben wieder um für ein morgen. Doch schön war der Abend.

Unter dem sich entfernenden Donner breitet sich die Stille aus. Ich drücke die Zigarillo in die Erde und sage Tschüs. Ein Regen fällt ein.

Samstag, 3. Juni 2017

Die Bitte

"Halte mich!", sagt Virginia zum Leben,
"Ich sinke".
Und beschwert die Taschen mit Steinen.

Die Ouse umarmt sie auch von innen.

"Warum?", zwitschert der Frühlingsvogel.
"Warum?" fragt Mütterchen Eichhorn.

Wir sehen voll eisigem Schrecken das Bild,
und die Sehnsucht zieht unser Leben hinab.

*

Was beschwert unsere Taschen? Woher dieser Stein?
Du hast ihn nicht gebrochen noch herbeigezogen.
Und doch liegt er im Netz, das wir auswarfen, Menschen zu fangen.

"Wirf es zurück!", ruft der Vogel,
"Laß!", bittet Mutter Leben.

Ich bitte Dich: Atme!

3.6.17