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Montag, 31. Dezember 2012

Sonntag, 9. Dezember 2012

Schnee kehren



Aus dem schwarzen Abend fällt Schnee in meinen Garten. Ich räume die Wege und den Gehweg an der Straße. Ich bin stolz darauf, dass man über den Gehweg vor meinem Grundstück bequem und ohne Gefahr gehen kann.

Es taut und dann fällt erneut Schnee.

Meine Arbeit wird vom Schnee des Desinteresses ebenso zugedeckt wie die schlechte des Reimeschmieds. Sie ist für immer weg.

So vergehen wir. Noch liegen unsere Spuren offen vor den Augen der Passanten. Glaube nicht daran, dass einer stehen bleibt! Es taut. Und nach einer Generation sich Erinnernder fällt neuer Schnee.

Noch ist eine Spur von Richard in den Erinnerungen von Angehörigen und Freunden sichtbar. Die Gemeinschaft erkennt noch Reste von Spuren der Elefanten und der in das  Interesse getriebenen Rinderherden. Schon wird es wärmer. Und morgen wirst niemand mehr etwas von Deinen ge- und mißglückten Taten und Gedanken in und unter der Schneedecke erkennen können, auch in dem unwahrscheinlichen Fall, dass er sich für Dahingegangenes interessierte.

Insofern ist der Trost der Angehörigen, der Tote lebe schließlich in der Erinnerung fort, eine milde Täuschung. Es bleibt, selbst von den gewaltig in die Beachtung gepreßten, nichts. Denn die Beachtung wird bei eintretendem Tauwetter wieder eins mit der sichtbar werdenden Topographie des Gleichgültigen.

Wir wissen es und drücken unsere Fußstapfen tapfer in den Schnee.

Vielleicht sind wir aber auch nicht die Spur, sondern tanzende Schneeflocke. Welchen Abdruck hinterläßt Du in der Retina der Erinnerung dessen, der zufällig gerade jetzt am Fenster steht und Dich beim Einsinken in den Lichtstrahl seines Bewegungsmelders sieht?

Aber jetzt wollen wir die zweite Schopenhauersche Bewegung machen: Wird der Beobachter und Alles noch sein, wenn einst in unserer Erinnerung Nacht wird?

Was können Moral und Ehrgeiz raten? Denke an die Giftblasen aus den Sümpfen des Unmenschlichen, die weite Gegenden undenkbar machen, während das Wirken und Wollen der Opfer oft nur als allgemeiner Schmerz bleibt und - versinkt. Die Liebe aber ist das Größte in aller Vergänglichkeit, was mit und in uns verloren sein wird. Ein Kuß geht aus von einer Sehnsucht. Eine flüchtige Berührung macht die Seele brennen. Und die Welt verwandelt sich in Wert.

Jetzt! ist es schön und schrecklich, leben, blitzen wir auf. Jetzt! können wir danken und fluchen. Es schneit. Komm, wir müssen räumen.

09.12.12 


Dienstag, 4. Dezember 2012

Advent 2012

Trübsinnig in das Kerzenlicht starren. An die schweren grauen Wolken draußen denken. Es ist kalt von innen und außen. Getrieben durch die Herbsttage bleibt das Blatt schließlich in einen feuchten und kalten Loch hängen und verwest.

Ich wollte nichts als über das nachdenken, was da draußen geschieht. Aber das Leben treibt mich von Alltag zu Alltag.

Ich male einen schwarzen Wolkenhimmel dunkler. Darunter einen Streifen Blau und grün-braunen Boden. Der rote Rand überm Blau und die gelbe Sonne sind gelogene Hoffnung. Mit einem Regengrau links und einigen schwarzen Flecken taumelnder Raben lasse ich es gut sein.

Und noch eine Beerdigung im Nieselregen. Wer umarmt die Hinterbliebenen? Die Förmlichkeit des Höflichen ist schmerzfrei und taucht Dich tiefer in die Einsamkeit. Bei Aldi kauft und verkauft sich inzwischen die Gegenwart, als wäre nichts etwas wert.

"Nur kein Pathos!" ruft die Gruppe 47 uns aus den 50er Jahren zu und glaubt, dadurch frei vom Nazi-Tonfall zu sein. Ohne Pathos aber killte die SS. Celan wird still gemieden.

Nachrichten. Ist die Gründung eines Staates Palästina ein Glücksfall oder ein Unglück? Angriffe sind nun Kriegshandlungen. Ob das einen Frieden aus dem Geist der Realpolitik ermöglicht? Die Jubler sind mir so verdächtig wie die Aufbrausenden. Es ist schon besser, keine Möglichkeit der Apartheid mehr nutzen zu können. Aber auch sehr schwer, von Staaten des Fanatismus umgeben zu sein wie Polen 1939. Schwebt nun der dritte Weltkrieg über uns,Ihr Jubler und Hasser?

Ein langjähriger Korrespondent aus Nigeria schreibt über die Nation der vierzig Nationen und des Öls. Den Mythos von den Stammeskriegen löst er auf: Ein Nationalstaat bildet sich in den Geburtswehen der Königsdramen Shakespeares, der Borgia-Intrigen, der siebenjährigen Kriege und der Samurai-Schlächtereien Japans. Die Stämme kämpfen nicht mehr um die Herrschaft über die anderen, sondern um ihren geschützen Platz in der Nation. Eine Republik zu bilden und zu halten, wo noch Eliten die die Macht unter einander aufteilen und nicht allgemeine Interessen sie steuern, ist schwierig. Ganz besonders, wo das politische Bild sich an Staaten orientiert, die durch dieses Tal schon durchgegangen sind und sich inzwischen gegen etwas ganz anderes, den Machtverlust des Bürgers an seinen Vertreter, wehren.

Auch in Nigeria bereits Watergate-Tendenzen beim Versuch, eine Republik zu verhindern: das Militär enthauptet zuerst die allgemeine Verwaltung, dann die Polizei, schließlich löst es die Parteien auf. Was helfen Gesetze, wo ihre Beamten entlassen sind. Was ist ein Staat ohne Beamte seiner Verfassung?
Wie gut, auch einmal Gedanken der Klarheit vorzufinden.

Yasukichi berichtet aus seiner Begegnung mit zwei ausländischen Lehrerkollegen. Der Engländer weiß nichts von Shakespeare, der Amerikaner rechnet Stevenson zu den Yankees. Von Strindberg haben sie wohl überhaupt keine Ahnung. Ein Mann des Interesses in der Wüste Ego. Mir gefällt er. Dieser Japaner des Umbruchs nach dem ersten Weltkrieg hat mehr Abendland, via Menschheit in sich, als das Meiste, was mir aus den Feuilletons der Wichtigkeiten entgegenspricht. Eigener Weg bei Sehnsucht aus der Welt. Das zeichnete auch den Lehrer Richard Weber aus, meinen verstorbenen Freund. Spuren eines Englischlehrers in der Winternacht:

"Dem Fuhrwerk, auf dem der Sarg stand, folgte ein weiterer Wagen durch das düstere, winterliche Viertel zum Krematorium. In dem leicht angeschmutzten hinteren Wagen saßen Jukichi und sein Cousin, ein Student. Ihn machte das Schaukeln nervös. Er sagte kaum ein Wort, denn er hatte sich in ein Buch vertieft. Es war eine englische Übersetzung der Erinnerungen Liebknechts." (Genkakus Bergklause von Ryonosuke Akutagawa Januar  1927)

Die Kerze leuchtet warm in den Sonntag. Ein Lichtschein auf meiner Malerei. Die Raben fliegen auf in die düsteren Wolken. Ihr Schrei ruft zum Aushalten. Die Flügel im Wellenschlag. Ein Rest Himmel wirft helle Streifen auf das Land. Man hört das Gurren der Tauben von Klagenfurt.

Ein Klub von alten Kopfnickern trifft sich zu einer Weihnachtsfeier. Feinschnecker, Genießer stillen Privilegs. Schlemmer und Wichtigkeiten. Das Kind läßt sich flach auf den Boden fallen.









Sonntag, 18. November 2012

Ernst-Reuter



Ernst Reuter, der auf Straßenschildern vergessene Bürgermeister Berlins, war in jungen Jahren Funktionär der Republik der Wolgadeutschen.

Der Rußland-Deutsche Heinrich Miller geht die Straße lang. Die Füße sind kaputt, daher an zwei Krücken.

Ja der Stalin wollte uns alle weg machen, weil der Hitler den Krieg mit ihm angefangen hat. Belogen. Ham uns alle belogen. Nach zwei Monaten, wenn der Krieg vorbei sei, sollten die Deutschen wieder zurück an die Wolga.

Der Junge drückt auf den Knopf und stellt sich vor, wie die Rakete in einem Hotel Tel Avivs explodiert und die ganzen westlichen Teufel in einem Feuerball verbrennt. "Verdammt", zu früh abgedrückt. Der Soldat hat das Baby getroffen.

"Trud-Armee? Ja!", er lacht: bei Semipalatinsk oder wo musste mein Vater Bäume fällen. Die müssten bis zu den Knöcheln im Wasser stehn. Nach einem halben Jahr war er lahm und musste heim. Im Frühling musste er nochmal zwei Jahre raus. Der Stalin und der mit dem Bart, der Kalinin, die ganzen Herrn. Die haben uns gehasst. Im Meer wollten sie uns ertränken. Da sind Tausende, Knochen schwimmen da unten im Meer. Die Jekaterina hat uns auch belogen. Zu den Tartaren hat sie die Deutschen geschickt, die ham sich lustig gemacht und die Männer und Frauen mit ihren Pferden tot geschleift.

Menschen sterben in Israel, Menschen sterben in Gaza. Wer ist schuld?

Wird eines fernen Tages, einer fernen Straße ein Alter von Hartz IV Dir den Spiegel vorhalten können: "Bei der Stadt, beim Kreis hab ich gehört: Geh doch zurück!" Die Araber/Juden haben meine Familie umgebracht. Alle haben zugeguckt, wie das Land ausgelöscht worden ist: Ihr, die Amis, Russen, Chinesen.

Ein Sonntagsspazierer mit Hund geht vorbei. Was haben denn die mit dem Russen?

Was weiß ich, woher wir kommen. Die Voreltern meiner Voreltern? Ihr wißts doch auch nicht. Sechzig Jahre hab ich gearbeitet, Im Stahlwerk, die Stampfmaschine hat man fünf Kilometer gehört, der Boden hat gezittert, das Öl hat gezischt und Flammen geworfen. Das war nicht schlimm, aber der Rauch, der Dampf.

Dann hat der Kohl uns geholt und die Hälfte von meiner Rente. - Macht mit der Krücke ein Zeichen für X auf den Boden. Die ersten, die gekommen sind, haben noch alles gekriegt. Wir waren im letzten Wagen vom Zug. Für uns gabs - nix. Lacht. Ich könnt ein Buch schreiben.

*

Ich sitze im Café` und möchte schreiben. Aber in Israel wird getötet. Der iranische Fanatiker spielt mit der Atombombe und das Leben der Welt hängt an dem seidenen Faden der Vernunft, der den Mächten der Welt uno-egal ist. Sie haben andere Sorgen.

Ich könnte ein Buch schreiben, sagt der verachtete Mensch. Er kann es nicht. Ich kann es nicht. Angeblich ist die neue Jugend der Welt besser. Waren nicht wir die enthusiastischste Jugend der Welt? Da ist wenig Hoffnung. Aber sie ist größer als Null, so lange noch ein Sonntagsspazierer sich fragt: was wollen die nur mit dem Russen?

18.11.12

Er liest Weihnachten im Kaufhaus

Auf Knopfdruck ein Projektil abfeuern: Figur einfach in die Box stecken und schon ist Batman mit Rüstung und Waffe ausgestattet.

Die Antifa hat schon teilweise Recht: in jedem von uns steckt von Kind auf ein Nazi. Insbesondere, wenn wir Ordnung lieben.

Anders rum: Figur einfach in die Box stecken und schon ist Super-Ali mit Sprengstoff-Gürtel und Iran-Rocket gerüstet.

Oder: Monster-Power in Deiner Hand:
Der Core als wichtigstes Element im Monsuno-Spiel. Diese Kapsel verfügt über eine schnelle Dreh-Action und enthält verborgen in ihrem Inneren ein mächtiges Monster. Treffen zwei Cores bei der Dreh-Action aufeinander, brechen die Monster daraus hervor.

Der wilde Core ist die stärkste Waffe im Monsuno-Kampf. Aktiviere den Wilde Core per Knopfdruck und beobachte, wie dieser sich durch den Einschlag des Cores aktiviert.

Mit Hilfe des original Monsuno-Launchers können die Cores durch einen einfachen Handgriff zum Drehen gebracht werden. Rooaaar!!!

Nicht übel antwortet der Nachbar:
Mit dem Air Ace Zoopa 300 3-Kanal Helicopter für hundert Euro Nachbars Garten ausspionieren und eigene Duftmarken platzieren. Mit dem "drone 400 Quadrocopter" sich ultraheiße Rennen in Wohnzimmern liefern.

Aber schütze Dein Revier mit dem Air Hogs Battle-Tracker oder dem Hover-Assault. Auch der Mega Masters Robo Blaster, ein extrem gelenkiger Kampfroboter mit Raketenwerfer ist hilfreich mit coolen Spylights. Freut Euch, Ideologen, Liquidatoren der reinen Lehren: der Weihnachtsbaum erstrahlt.

Und wofür das Alles?

Mit dem Lilifee-Friseurspiel hast Du die wichtigsten Utensilien immer dabei. Der Staubsauger hat kindgerechte Funktionen mit zweistufiger Saugkraft-Regelung.

Ken kommt vom Wilde-Core-Vergnügen. Er wird zum Dating-Fun-Ken. Er wechselt seine Kleidung -und Frisur- im Handumdrehen und ist so immer perfekt gestylt. Mal feiner Anzug, mal  Edel-Kaftan. Zusammenklappbar für das Glamour-Spiel unterwegs. Bitte nicht öffnen!-

„Belogen“, sagt ein Rußland-Deutscher in der Ernst-Reuter-Straße.



Freitag, 2. November 2012

Zeemann wer war das noch?

Dorothea Zeemann schreibt über den vielleicht zum Faschismus bekehrten Nazi Doderer "Jungfrau und Reptil". Suhrkamp veröffentlicht 1982. Sie hatte eine sexuelle Beziehung zu dem Berlusconi-Galan und breitet so ihre Gedanken über ein Leben der Anschmiegung an den Ruhm einer Art von Holzmichel aus. Eine elend lange Beschreibung. Es fiel einiges an Beziehung ab. Ja, sie wurde PEN-Vorsitzende.

Aber was hat sie gesagt? Was hat sie denn nur gesagt?

02.11.12

Donnerstag, 1. November 2012

Verkannte Literatur



Selbst nicht gerühmt lese ich von dem verkannten Literaten Gogolin. Hochgeschwemmt und ausgelaugt. Er habe es besonders mit der Wahrheit.

Allerheiligen. Was soll ich sagen?

Die Wahrheit wird in vielen Oberflächen gespiegelt. Es gibt grottenschlechte Spiegel. Aber auch sehr viele gute. Und auch gute Spiegel werden wieder weggestellt, wenn es Mode oder Laune verlangen. Nahmen sie nicht selbst einmal anderen den Platz?

Wir spiegelnden Oberflächen müssen darauf achten, nicht beleidigt zu sein, wenn man uns wegstellt oder gar nicht erst hervorholt. Wenn wir uns nicht oder nicht mehr in einem grottenschlechten Spiegel wiedergespiegelt sehen müssen, weil wir mit vielen anderen auf das Weg-Geräumt-Werden warten.

Vielleicht können wir dann endlich – sein. Und weiterhin tun, was wir taten: spiegeln und nicht spiegeln.

Für ehrliche Spiegel das schwierigste ist, vom Spiegel wieder zur Person zu werden, mit dem Ich und Du wieder zu beginnen.

Eine Literaturmaschine, die einst an der Börse brokte, hat sich des ebenso einst wie sie berühmten Mannes in der Zeitschrift volltext angenommen. Die Folge ihres vom Willen diktierten Lobs ist ein Zweifel.

Klaus Wachowski 01.11.2012

Sonntag, 28. Oktober 2012

Breivik verstehen mit Neulich

Ein Andreas Maier mit eigentlich guten Anlagen zu kritischem Denken muß die Zeitung Volltext mit einer Kolumne Eigenes bedienen. Das Schweigen des Publikums hat ihn immer weiter hinaus ins Böhse-Buben-Schreiben getrieben. Kann man mit einem Pubertierenden kein vernünftiges Gespräch führen, warum sollte es mit einem Ewigjungen möglich sein. Ein Rauchbier auf die Literatur.

Breivik verstehen mit Neulich. Ein bißchen provozieren, ein bißchen Gemeinschaft antipathieren. Gibt es da noch eine echte Hemmung gegen den Faschismus?

Jetzt ists raus: Poetry-Slam ist so eine Art Sprechgesang. Dacht ich schon längere Zeit. Deshalb habe ich mich schon einige Zeit nicht beteiligt. Plötzlich bekommt man Aufmerksamkeit, plötzlich sehnt man sich zurück zur sogenannten Heimat der Maier. In der man die Häuser und die Menschen beschreiben kann - ohne etwas von ihnen zu fühlen. Denn deshalb ist man weg in die Aufmerksamkeit.

Aber die Aufmerksamkeit ist keine Mama, kleiner Narziß. Und die Aufmerksamkeit macht große Augen beim Sprechgesang der dummen Sprüche. Wie erst bei so einem Breivik, der noch ein Brutales drauf setzt.

Die Einsamkeit des Dichters ist das Einzige, was den Narzißten wirklich erschreckt. Wirkliche Tränen. Abgeguckt hat er sich die verächtliche Geste. Des Edlen gegen das Volk, des Spießers gegen den Weichling, des Nietzsche gegen die Ohnmacht und der vielen mehr. Aber er spürt ja nicht, was der verächtlichen Geste einen Grund geben mag: den Schnitt der Trauer in das vergeblich ein Du suchendes Ich.

Es ist ein Spaß, das Leiden zu provozieren. Ein Spiel mit Schadenfreude und Ichgedöns für den einen Augenblick Leben, der aus der Ewigkeit einen Augenblick Licht bekam.

Warum soll man für diesen Augenblick nicht mal den Loden anziehen, sich öffentlich an die hoden greifen? Hallo Welt, schau: ein Lodenmantel; schau: ein Bier!

Ja, mein Spießer. Du zeigst Deinen intellektuellen Kumpels mal so recht, was die Gemütlichkeit gegen die Unsicherheit auf dem Kalbsknödel hat. Aber ich weiß doch: es gibt Dich. Was meinst Du? Alles ist Nichts oder Wetterau? Meinst Du nicht, in dieser kurzen Zeit wäre vielleicht auch ein Du etwas wert, zu finden? 

Auch ich bin morgen tot. Das Du habe ich ersehnt.

28.10.2012

Sonntag, 21. Oktober 2012

Jetzt Donaueschingen



Ein Bißchen muß schon sein.

Dieses Gelb möchte ich Dir aufbewahren. Etwas Orange ist eingemischt. Das etwas flache Blau des Himmels verstärkt das Leuchten. Die im Schatten stehenden Blätter sind dunkelrot.

Vielleicht schaffen es die Worte besser als ein Fotohandy.

Soeben fallen zwei schon gerollte Blätter zu Boden. Wer redet da von "Tod"? Bei solchem Wetter findet Tod nicht statt. Da sinkt es sich leicht in die Ewigkeit. Ich sehe Dich dort, so fern und mitten im Leben. Und hier flammenden Herbst.

Hinter mir ein Cluster Fernseh-Asoz von RTL. Der Wortführer, he Alda!, dem die Welt am Arsch vorbeigeht, trägt eine Jeans der Marke Kosmopolit. Eine der Frauen steckt es gerade einer Freundin-Zicke am Handy. Super, jetzt in die Ewigkeit zu trudeln. Was wäre das Leuchten im Gelb ohne den Schatten im Rot?

Es berührt das Dach eines alten VW. Die Diebstahlsicherung hupt.

*

Gott sagt: Ein Bißchen Spaß muß sein und schickt Vladimir zur Eröffnung der Donaueschinger Musiktage. Er kommt direkt vom Abschuss eines Kamtschatka-Bären und ist noch von einer Schar verehrender Medienkrähen umgeben.

Asamisamasa eröffnet mit einem Apfelstichel auf Laptop-Keyboard. Eine Pussy-Riot-Revival-Band singt die Kuban-kasachische Hymne: "Retter Rußlands, schwarze Birke Zarewitsch". Asamisamasa begleitet mit einem Stahlbesen auf sibirischen Eislöchern und einer leimgesinterten Bratsche aus Chikago. Ein Blatt trudelt in die Ewigkeit. Man hört ein leises Switchen der Bodyverstärkung und das Initial eines rheinhessischen Eselkreisch auf Schaumkartöffelchen. Zingg um zingg, ordentlich konnotiert in 10er Partituren der Sammlung Liou Lau (Kat.Nr. 12/10j-m). Der Komponist springt mit professionellem Hodengriff auf die Bühne. Er ruft aus: Süßes oder Saures. Man bemerkt Nervosität bei Rundfunksprecher und Sponsor.

Der Präsident hält eine Nobelpreis-Rede. Die Interpunktion des Ensembles Nadar oder Radar ist überraschend. Kontrapunktische Swungiaden lösen sich ab mit pathetischem Aufschlag aus der Kesselpauke. Es ist wie Temperatursturz in Päonien.

Man glaubt im Publikum ein Pfuinanzpferd zu sichten. Regengeräusch von Betablockern auf Internet-Sieben. Klingelingelig gelingender Szenenbeifall aus der Ukulele von Asamisimasa. "Wo bin ich?", fragt das Gefühl den Verstand. "Hör doch hin!", antwortet die Phantasie. Nur ein gewisser Wagner wähnt Wahn und vermißt etwas vom romantischen Farbenschlamm.

Die Rede setzt ein moll mitten ins Dur. Man hat sich zur Bestückung der Lego-Burgen mit Kanonen und Hellebarden vorgearbeitet. Schätze werden in Särgen versteckt. Befreundete Truppen unter Elklänern und Murkianern geworben. Der Metropolit von Moskau ruft eine Fatwa gegen die Käufer von Netzstrümpfen aus. Klatschendes Echo aus Ghom. Jetzt kommen aber die Profis: Nadar blendet das Piepsen afghanischer Drohnen ein. Die Geige ziept aus Rebajas der Winter- Kollektion. Im Publikum werden Hüte gelüpft. Angeleitetes Hüsteln zu den Kommata. Ein Spirrr, über 30 Sekunden gehalten, dann -hör ich recht?- ein Knack und Knäckäckäck; und ein phiuhhh sinkt unaufhaltsam in brausenden Schlußapplaus und erleichtertes Intendantenaufatmen nach Auftritt einer den Boden wischenden Musikerin.

Zugabe ruft es aus dem da capo eines Nietzsche: Siongg, drdrr, ponz, Arghhh.

Ein gewaltiges Dröhnen über den Flußmustern. Die Iljuschin steigt in das Gelb und Rot des Tags von Asamisamasa und Nadar. Schwirren der Stare nach Westen.

Und dieser Mann soll Salafisten in Syrien züchten? Ich als ein Künstler sage Ihnen: In was für einem Deutschland möchten Sie leben? Schöner, feuriger im Versprechen, als das Abendrot nun das Aufleuchten des Laubs vom Machandelbaum. Dingdingg-zwoschh.

Die Fusion ist beschlossen. It’s off.

21.10.12 Klaus Wachowski