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Freitag, 22. September 2017

Zum Tagebuch 3 Max Frischs

Ein vom Missionswahn erfüllter Evangelikaler drückt mir einen Zettel in die Hand. Ich sollte mich nicht von Gott anwenden, sonst... Ja, was geschehe sonst? Ich würde ihm von Angesicht zu Angesicht begegnen! Aha und na-ja.

Woher will er wissen, daß mir das nicht schon begegnet ist und ich mich gerade deshalb abwende? Woher will er wissen, daß ich mich abgewendet habe? Bin nicht ich gerade dabei, mit Gott über die Ideologie des evangelikalen Fanatismus zu reden? Sie verderben einem die Lust an Glauben. Gesindel, das die Herrschaft erschleichen will, um Menschen nach seiner Vorstellung nieder zu halten. Die würden ihren hoch gepriesenen Jesus verbrennen, wenn sie die Macht dazu hätten. Wo er Nächstenliebe predigte, erfüllt Haß auf die Ungläubigen ihre Mission der Glaubensreklame. Inzwischen versteckt er sich, wenn sie sich aus ihren Tempeln in seine Kirchen verirren.

Max Frisch schreibt an seinem dritten Tagebuch. Seine Haltung gefällt mir. Wieviel älter als die seither verstorbenen Freunde ist er? Und die Toten können die neuen Erfahrungen nicht teilen, was ein Problem sei.

Auch mir kam vor zwei, drei Jahren der Gedanke an diesen Verlust an Welt und an die Veränderung, die das Herausfallen der Freunde aus der realen Gegenwart in die Erinnerung bewirkte. Aber ich stehe davor wie vor einer abstrakten Zeichnung.

Richard, mein Lehrer in Dingen des Fragens. Kannst Du mich noch lehren, wo mich Zeit und Schmerz hinter einen Vorhang aus Traum geworfen haben? F, mir fehlen Deine Zweifel aus Erfahrungen, die Du nie durchleben durftest. H., ich kann mich an Deiner Festigkeit gegenüber der Macht nicht mehr aufrichten. X, in gemeinsamer Angst durfte auch ich mit Dir nach Hilfe und Trost suchen. Es ist problematisch in der Tat. Einsam vor einer mit dem Nichts aufwartenden Zukunft. Die Fragen finden keine Gegenfrage.

Ich habe noch lebende Freunde und Liebe. Aber manchmal vor dem Winter kommt mich ein Frösteln an. Ich schlage den Mantel der Erinnerung fester um mich.

22.10.2017

Mittwoch, 20. September 2017

Bluebird



Bluebird

Das ist Dir na ja: Dieser von Dichtern bezwitscherte Himmel somewhere over the rainbow ist wohl ein zu fein gemaltes Nichts.

Dein Himmel ist eine blaue Schale.

Du nimmst das Leben gern in die Hand. Im Festen liebst Du den Widerstand, im Plastischen spürst und formst Du die Form. Das Tier ist Dir Bruder und Schwester. Die Giraffe groß, die tötende Löwin bewegen sich als Freunde in Deinem Raum. Der Baum hebt seine Äste in deines Lebens Freude, Deine Finger kämmen im weichen Gras. Das Gewicht des Balkens fühlst Du als ein glückliches "Ich bin". - All dies ist!

Glücklich spürst Du die Wirklichkeit in der Kühle des Regens. Land bis zum Horizont. Der Glanz aus dem Weizenfeld erfüllt Dich mit Sehnsucht und Freude wie etwas von Liebe.

Wo andere beten, bist Du geborgen.

Ein Eichhörnchen springt vom Baum, rennt über den Rasen und springt wieder hoch.
Einen Regenbogen möchte ich über Dir ausspannen. Und irgendwo darüber den Vogel Bluebird zeigen.

Du drehst Dich auf den Rücken. Die Luft-matratze quietscht etwas Realität in meinen Versuch von Poesie. Dunkel schlägt eine kleine Welle auf. Du lächelst und hörst.

Unsere Welten berühren sich für einen Augenblick.
Dann atmet die Zeit aus in einen neuen.

Meine Wünsche begleiten Dich.

20.9.17                 Klaus Wachowski

Mittwoch, 6. September 2017

Das hohe Lied der Liebe und des Hasses

Von hoher Liebe
"...und kleine Hitlers, Heydrichs, Eichmamns gab es viele; Sie alle waren schlecht weggekommene, durchgefallene, verkrachte Existenzen, obdachlose, uneheliche, verkannte Genies, erfolglose Streber und Ehrgeizige, die die Chance bekamen großzutun, und Größe und Stärke mit Härte, Gewalt und Brutalität verwechselten.
Fritz Bauer "Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns" Kapitel XII, CEP europäische Verlagsanstalt"

Ein Evangelikaler, einst ein guter Freund, der in seiner Bekehrung schwere Probleme gelöst hat, schreibt auf die Frage, was denn Leben sei:

"Leben ist für mich Liebe und Musik. Und alles ist von Gott geschaffen."

Ich antworte: "ist das der, der gesagt hat: nicht Knecht habe ich Dich genannt, sondern Bruder? den treffe ich öfter mal."

X darauf: "Lüge nicht. Bekehre dich zu Jesus und tue Buße. Sonst hast du keine Chance. Noch eine Gotteslästerung und das Gespräch ist beendet. Ich bete für dich, ich mein's ernst, du Spötter."

Ich: "Klingt nach Hass. Du darfst Dir offensichtlich ein Bildnis von dem machen, was im Himmel ist. Erleuchtet zum Hass.
Ich bete schon selbst, wann, wie und ob ich es für richtig halte. Mein Jesus liebt übrigens die Menschen. Er braucht keinen Gott, um Menschen so richtig hassen zu dürfen."

X: "Ich lese nicht weiter. Sage mir nicht was ich darf und was nicht. Es war schön dich gekannt zu haben. Es gibt nur Himmel und Hölle. Wo willst du hin nach dem Tod? Ich vergebe dir und nun unterlasse es, mir zu schreiben. Ich weiß nicht was du meinst aber Gotteshaß dulde ich nicht auf meinem Telefon. Ich werde schon 'rauskriegen wie man das blockiert."

Was mich immer wieder traurig macht, ist, wenn Freunde, von denen ich glaubte, sie hätten ein den Menschen zugewandtes Fühlen, plötzlich in Haß geraten, wenn ich ein als Modell vermutetes Weltbild anremple, darüber stolpere oder angreife.

"Gotteshass", was auch immer es ist, ist plötzlich schlimmer als Hass auf Menschen, Abfall von der Menschen erlösenden Ideologie rechtfertigt Liquidierung. Auch die besondere Liebe zu Tieren und Familienwerten werden bei kritischen Einwürfen plötzlich zu Sakramenten des Hasses. Sind die von anderen Ideologen verfolgten Weltbilder der Gülenbewegung  und Falun Gong (Aufgeben von Eigensinn - Symbol:Hakenkreuz(?)) nicht eventuell auch von Hass gesegnet? Und der keiner Fliege etwas zu Leide tun könnende Buddhismus mordet in Birma aus Liebe zum Nichts.

Ich glaube, dass hier die nicht erfahrene, verlorene Liebe in einem Ersatzgefühl von überhöhter Zuwendung an ein die Wirklichkeit der prekären Natur des Lebens verabscheuendes Weltbild ersetzt wird. Diese Demut vor dem Größen*- oder Reinheitswahn ermöglicht gerade den Menschenhaß, den die Religion und auch das Weltbild selbst -ablehnen. Wie traurig, daß das wirkliche Leben so wenig Berührung und/oder auch Verlust ermöglicht, daß der Haß oft so viel wirksamer scheint als die unspektakuläre Liebe und Freundschaft einfachen Menschenlebens.

Während ich das schreibe, kocht ein Zuwanderer aus Bihar in Südindien Reis mit Zwiebel. Seine Familie wird er erst in 4 Monaten wieder sehen, um dann zu versuchen im Nichts nicht zu verhungern. Er stellt unter unsäglichen Bedingungen unsere Kleidung her.

Auch daraus läßt sich guter Haß pressen. Zuerst das Weltbild einer reinen Menschheit, dann die hassenswerten Feindtypen herausfiltern und unbarmherzig handeln. Je nachdem wäre das dann wirksam als RAF-Liebe zu den unterdrückten Völkern, hinduistischer oder moslemischer Religionsnazismus, Sippenehre einer Streetgang ppp. Die Möglichkeiten der Verfolgung sind so vielfältig wie die Objekte möglicher Verehrung. Identifikation mit der Übermacht zur Vernichtung des Menschen und der Menschlichkeit.

Der kleine Spießer mit seinen egoistischen Wünschen und Beschränkungen auf das Ich und seinen Kreis von Freundschaft, Nachbarschaft und Familie. Klatsch und Tratsch, Shoppen und Chillen, Maloche und Relax, er und sie sind es, auf die es ankommt. Was auch immer er/sie selbst an Ideologie, unterwürfig-größenwahnsinnigen Glauben, Ideologie der Vernichtung mit sich herumträgt. Für sie und ihn gilt Artikel I von der unveräußerlichen Würde des Menschen. Er ist -besser oder schlechter egal- mein Nächster!

Und so sehr ich ihn für Ego und Wurstigkeit schimpfe, er ist der, für den dieser Bruder Gott Nächstenliebe erbittet, und die -ohne groß nachzudenken- auch fühlt, wer Mensch geblieben ist.
Und alle Reinheit, Größe, Ideal, Gott, die ich glauben soll, überlasse bitte mir! Ich werde sie glauben, wo sie den Nächsten zuerst glaubt.
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*make me great again

Freitag, 1. September 2017

Im Park


Ein großer Brummer, beiger Leib, weite bräunlich transparente Flügel. Sieh mit mir, wie er heran zischt, kurz in der Luft steht und dann in das trockene braune Laub stürzt. Ein anderer tut es ihm nach.

Saftiges Grün auf der zum Teich hinab liegenden Wiese. Wenige Blumen, gelb und rotbraun.

Ein Pärchen mit Decke geht vorbei, verzieht sich hinter die Büsche hinten links. Lektor prüft Literatin in katholischem Land.

Ich liebe die würzige Luft des Spätsommers, die in die würzige Luft des September zieht. Es wird Licht und Duft. Ein junger Ehemann geht nach rechts vorbei.

Der Wind hält den Teich frei von Algen. Eine einzelne Ente schwimmt schläfrig die Insel "Entenfang" an.

Er: Auch ich bin einsam.
Sie: Aber unsere Sehnsüchte gehen nach verschiedenen Horizontalen.
Einsamkeit und Sehnsucht lehnen sich aneinander.
Der Teich antwortet mit einem plötzlichen Schlag aus opaker Tiefe.

Am jenseitigen Ufer steht hellrotbraun ein Reh. Still wie geschnitzt in einen gläsernen Moment Ewigkeit.

Ein weißer Hirsch wurde hier einst ermordet. Fürsten hielten prachtvoll Hof und Jagd, Vergnügen von Hatz und Töten. Den Hirschstecher hätten auch sie bestialisch gefunden. Heute setzen sie Wölfe aus.

Das Reh bemerkt uns und huscht weg. Ist auch das eine Antwort auf Sehnsucht? Sieh das Grün in hundert Schatten und Lichtern, den Raum zwischen Baum und Teich!

Ein Kohlweißling taumelt vorbei. Ein zweiter, dritter. Ein hoher Schrei schießt in die Luft, zwischen das Rascheln herab fallender Blätter, das Knacken trockener Zweige, in die Stille dazwischen.

Zwei große Reiher stürzen aus der Luft herab,  zischen ganz tief über der Wasseroberfläche. Und sind davon.

Die Geschichte neigt sich von einem kühlenden Wind befächelt, dem Ende zu.

Wünschen wir ihr und ihm noch ein weit sich öffnendes Leben, beginnend in einem schrecklich bitteren Kaffeetrinken unter Wahlplakaten.

Klaus Wachowski                  Hessen, 30.8.17

Montag, 28. August 2017

Hinweis auf einen neuen Text

Ich habe mir einen neuen Dada-Text gegönnt. Hier eine Vorschau auf den Text im Blog Spielwiese pp:

Durchbrechen wir den Sturm der Zeit! Die Zeiten sind vorbei, wo die Ritterfräulein ihren Freiern Aufgaben stellten.

(Erbsünde nicht verwerfen und Eugen Drewermann richtig verstehen.)

Überzeugung erlaubt uns eine einfache Umgangsweise: Du weißt, was gut und böse ist. Du bist frei, kannst entscheiden, was du tust. Fahre Deinen Seniorenbenz vegan! Mit dem monumentalen Blowup-Prinzip bespielt man so komplette Aktfotos der Kategorie Supermodel. Selbst Androgyne zelebrierten schon suggestive Dekolletees. Eine win-win-Situation auch für Trumpiden.

Eine Barfüsserin ging einst durch die Strümpfe der literarischen Freundschaft. Seit den Zeiten des verlegerischen Nepotismus hatte sich eine schreckliche Demokratisierung und Verwässerung unter den Wurzeln ausgebreitet. Überall quatschte und schwankte die Erde unter den Buchpreisen. Tonkünstler hielten Installationen für poetische Momente. Bielefeld warf zischende Neonwerbung eines Erotikmarkts in die Sammelböxe. Selbst hartgesottene Großagenten ließen alle Hoffnung fahren. Wieder einmal ein alter Familienbesitz, der in die Hände eines Neureichen gefallen war. Wohin gehst Du, Paderborn?

Donnerstag, 3. August 2017

Stecken und Stab

Nun stehst Du da
wie Stecken, Stab
und bist wie eh und je
geknickt, gebrochen.

Man glaubt an Dich,
Du lachst,
machst mit die Show,
und kommt die Angst gekrochen,
lügst Du die Sonne in den Schnee.

So war und ist Dein Leben
sinkend wie Stecken und Stab,
irgendwie daneben.

Geht's auch hinab:
vorher ist besser
als nach dem Grab.

1.8.17

Dienstag, 25. Juli 2017

Ein Text aus grauer Vorzeit



1989 schrieb ich meinen Freunden über vorschnelle Gnade gegenüber Völkermördern einen scharf überlegten scharfen Aufsatz.
Eine neue Generation macht sich daran, die Herrschaft über die ethischen Grundsätze nach ihrem Vorstellungen richtig zu definieren. Es läuft ordentlich Ego ein.
Ich versuche statt Teilnahme an neuen alten Debatten jetzt einmal meinem jungen Text gegenüber den Standpunkt des Alters einzunehmen. Das Ergebnis ist bei etwas mehr Sicherheit der Kenntnis mehr Unsicherheit im Urteilen durch Erleben. Auch dazu ist den Opfern die Möglichkeit genommen.
*
Reinheit und Rache sind für gewöhnlich die Rechtfertigungen für Unrecht, Grausamkeit und Unmenschlichkeit. So tief ist das Geheimnis von Erfolgen wie "Spiel mir das Lied vom Tod" oder "Rambo" und "Dirty Harry" eigentlich nicht und ich wundere mich, wie ich glauben konnte, in Clint Eastwood einen Menschenfreund vor mir zu haben.
Das Recht versucht in der Regel demgegenüber der Person gerecht zu werden, auch der Person, die durch eine Tat eine Strafe erwirkt hat.
Ich versuchte der Person des Opfers gerecht zu werden. Wo Täter Angehörige und Nachbarn sich in weitläufigen christlichen Erörterungen der göttlichen Gnade ergingen, den Opfern und ihren Angehörigen damit das einzig verbliebene Recht aus der Hand nahmen, versuchte ich gerecht zu bleiben und es zurückzugeben.
Der Massenmörder X aus Japan, der grausame Schlächtereien in China und dem übrigen Asien anordnete, war die Waffe aus der Hand zu winden, mit der er sich aus der Verantwortung stehlen wollte. Und soweit ein Opfer noch fähig war, dem Impuls der Rache zu widerstehen, war der Täter doch nach dem vollen Inhalt des Gesetzes zu strafen!
*
Inzwischen stehe ich meinem Text, meiner Gnadenlosigkeit von damals mit bedenklichem Kopfwackeln gegenüber.
Der Täter von damals ist heute ein Anderer. Man beurteilt ja nicht nur die Tat, sondern auch die ausführende und nun ihrer Macht beraubte Persönlichkeit des Täters. Vielleicht ist sogar der äußerst seltene Fall eingetreten, daß zur Angst noch Reue hinzu tritt.
Aber: Das Opfer von damals ist tot und hat keine Gelegenheit dem Veränderten unverändert oder selbst verändert gegenüber zu treten. Und selbst in den seltenen Fällen des Überlebens fordert das Bleibende, der Schmerz, nach Rücknahme des Triumphs, der in der Tat als Genuß, Vorteil, Gewinn den Täter lockte.
Der Du urteilst: das Urteil steht Dir so wenig zu wie die Verzeihung.
Deine Aufgabe bleibt, dem Opfer zu seinem Recht auf Rücknahme des Triumphs zu verhelfen. Die Grenzen für Rache und Bedürfnis nach einer vom Bösen reinen Welt haben die Recht setzenden Bürger hoffentlich schon lange vorher in Zeiten des Friedens richtig gesetzt. Aber ich befürchte, solange die Unmenschlichkeit immer wieder einmal zur Herrschaft drängt, wird für kühles Abwägen nicht ausreichend Zeit und Raum bleiben.
Bis dahin sollte man den einen Umstand nicht vergessen, daß das Recht nur einem die Gnadenentscheidung einräumt: dem Betroffenen. Vielleicht noch dem direkt Hinterbliebenen. Dem nicht Betroffenen steht es nicht zu, die Tat in einer übergriffigen Gnadenentscheidung zu wiederholen und den Schmerz um die glotzende Gleichgültigkeit zu erhöhen. Selbst der gnädigste unter den Religionsstiftern, Jesus Christus, konnte dem keine übermenschliche Erlösung in der Barmherzigkeit versprechen, der nicht Reue zeigte.

Insofern kann ich von meinem 89er Text nicht abrücken. Wohl von dem Tonfall, in dem ich heute etwas viel von ideologischer Reinheit vernehme.

"Was ist so schäbig an der schäbigsten Entschuldigung der Reuelosen, daß auch Ihr nicht anders gehandelt hättet? Nicht Ihr seid, sondern sie waren Täter, Bejubler und Profiteure von Tätern. Wo sie nicht bereuen, wo Opfer eine eventuelle Reue nicht annehmen können, weil sie den der Toten zu respektieren haben, ist Entschuldigung Ausrede, Bestätigung des Verbrechens. Außerdem aber der schamlose Versuch, die nicht schuldig gewordenen durch Anbiederung auf ihre Seite zu ziehen, schuldig zu machen der Entscheidung anstelle der Opfer. Niemand als sie hat das letzte Recht der Gnadenentscheidung. Wer ihnen dieses zu nehmen versucht, bestätigt den Triumph der Tat über das Gewissen, jene letzte Barriere gegen die Unmenschlichkeit.
Wir sind nicht so, wie sie uns unterschieben wollten. Und ob wir je so handeln werden und gar so ohne jede Reue, das muß sich erst zeigen! Dazu werden wir es eben nicht auf sich beruhen lassen und unser Wollen, unsere Taten an ihren Taten prüfen. Sonst wären wir, wie sie uns haben wollen: wie sie.
"Ärzte im Dritten Reich" von Robert Lifton: Dort gab es alle Sorten Charaktere, aber auch zwischen dem "moralischen" Täter und dem Verräter (den es ebenso als Ausnahme gab wie jenen) den alles entscheidenden Unterschied der Tat, welcher der Täter sich entziehen kann, sei er danach auch Opfer. Dieses ist ihr aber selbst dann, wenn es sich zum Verrat entschließt, noch unterworfen. Nur wer nicht sehen will, kann sich seiner selbst sicher sein - die Täter sind es bis heute. Ob wir selbst Täter sein können oder gar einmal werden, wissen wir nicht. Wohl aber, daß wir es nicht sein wollen. Ganz anders als jene, welche eben Täter sein wollten, was sie durch den Mangel jeder Reue beweisen.
Ich habe mit manchem zu tun, durch den ein höherer Wille durchrutscht wie durch einen SS- Automaten, von dem er ins pöbelhafte gedreht wird, wie durch einen Gauleiter oder brutalisiert wie durch einen SA- Stiefel. Man darf seine Aufmerksamkeit daher nicht nur auf das Gewollte beschränken. Auch der Ausführende kann gefährlich sein.
Das Leben bleibt eine missliche Sache, die mit Nachdenken nicht zu ändern, nur zu begreifen ist. Und so finden wie die Egoisten auch die Gerechten und die es sein wollen stets den gleichen Ärger: nicht zur Ruhe kommen zu können. Was bleibt, als dies anzunehmen und den Pessimismus nicht abzuweisen, um von den Widerwärtigkeiten des Lebens nicht allzusehr verletzt zu werden."
*
Wer richtet hat auch das Problem des Henkers. Die Schwierigkeit, dadurch dem Täter nahe zu kommen. Reinheit und Rache haben damit kein Problem.

Aber das letzte Wort bleibt dem und der von der Tat getroffenen.

Klaus Wachowski 1.1.89 -nachgesehen 7/2017

Dienstag, 18. Juli 2017

Gießen

Ich gieße
meine Gleichgültigkeit hinab. 

Die Asche Alltag setzte sich in die Risse.

Ihn, den die Sehnsucht haßte,
der Schmerz ruft ihn zur Linderung. 

Aber er lagerte sich auch
in die Wunde unserer Liebe. 

Ich gieße Wasser der Zeit,
Wasser der Erinnerung.



Sinke, Staub von Sternen
in die Asche des Alltags.

18.7.2017

Dienstag, 11. Juli 2017

Srebrenica

Srebrenica

Wie viele Orte von Massenmorden hatte auch Srebrenica einmal eine andere Berühmtheit. Auf den Militärkarten des Donauraums des Türkenlouis, die gerade in Karlsruhe ausgestellt werden, kann ich den Ort nicht finden. Auch dort wütete schon herrschaftlich verbrämte Grausamkeit. Säte Haß. Und auch diese Zeit wird ihren über Gräbern Erdbeerduft bedichtenden Handke gehabt haben.

Ein Bild ist zu betrachten: in buntem Barock ist da ein brutaler Kerl zu sehen, der einen Alten niederreitet. Der Türkenlouis bricht in das Zelt des Großwesirs ein. Edle Gesinnung zeigt ihren Kern.

Ich denke an den verstorbenen Gymnasiallehrer und Schriftsteller Richard Weber, der mit Hilfskonvois in die vom Krieg zerstörten Gebiete reiste. Ich denke an die vom Krieg zerstörten Seelen, die im Haß erweichten Gehirne, an die, an deren Leid sich ein stets ungenügendes Gedenken treu zu halten sucht.

Der serbische Bürgermeister von Srebrenica zieht es vor, sich nicht zu beteiligen. Er wird sein Ehrenmal etwas abseits vom Memorial bekommen und eine unwissende Nachkommenschaft wird sich fragen, was es hier denn für Ehren geben konnte.

Lasst uns nicht stumpf werden wie die begeisterten Betrachter eines Kriegsschinkens, den belustigten Leser eines Handke, einen primitiven Egomeister der Stadt. Richard, nimm mich mit zur Stätte! Hilf mir, nicht schwach zu werden im Glauben an die Menschen.

Schweigen bereite den Raum!

11.7.17

Samstag, 8. Juli 2017

Vor dem Tor

Reden wir vom Alter.

Man weiß nun, was die jüngeren nicht hören wollen: daß man eben nichts weiß und auch nichts weiter mehr dazu lernen wird. Das Leben taugt nicht zur Schule. Es ist wohl einfach nur der Raum, in dem Du die Wunder der Existenz betrachten und erleben darfst, bzw. mußt.
Ob es sich lohnt?
Für welche kurze Zukunft willst Du das noch wissen?
Gott kann da auch nicht weiter helfen. Er läßt ja das ganze Firmament von Raum und Zeit offen (fruchtloser Versuch Einsteins und Russels, es zur Beugung zu bringen). So gehen wir und schauen, sofern es uns vergönnt ist, den Schmerzen und dem Verlust zu entgehen.
*
Vor dem Tor

Ich trete ein zu Dir, denn mit mir habe ich heute schlechte Erfahrungen gemacht.

Ich spüre das Wort in der Nähe. Ein Mann aus dem Osten spielt auf dem Akkordeon die Toccata von Bach!
Ja, er hat keine evangelischen oder katholischen Orgelpfeifen hinter sich, das Publikum hat besseres zu tun als im Hasten zu hören. Der Hund bekommt mehr in den Napf als er in die Hand. Aber dies ist Gottes Augenblick.
In einem Garten zwischen Riesenpappeln, Kartoffeln und Froschteich gräbt ein erfülltes Leben die Erde um. Es ist Frieden im Atmen des Windes vom Bach her. Schmetterlinge taumeln im Netz über den Johannisbeeren. Ein Maulwurf hat feinkrümelige Hügel aufgeworfen. Die Aufmerksamkeit bettet sich ins Grün.
Wie viele Jahre? Was ist seither geschehen? Wenige Erinnerungen an Schönes, Leichtes, an Glück und Hoffnung sind geblieben. Die anderen haben einen siegreichen aber auch verlustvollen Kampf gegen Trauma und Enttäuschung geführt. So leuchtet es in einer warmen Färbung aus den mächtigen Schatten.
Gurken, Zucchini, Mangold. Der Rasenmäher umfährt die hohen gelben Blüten.
Da war Kindheit. Ganz anders. Aber der Duft aus der Wiese trägt etwas von der würzigen Sehnsucht in sich. Wie weit erstreckte sie sich hinter den Wolken! Wie weich sprach ihr Weiß von wundersamen Landschaften, Lohn des Abenteuers, von einem fernen, seltsam freundlichen Du.
Was die DNA wohl damit meinte? Dieses bedeutungsvolle Zeigen auf irgendein Wunder! Sollte es der Evolution zu einem noch feingliedrigeren, noch verschrobeneren Affen helfen? Oder war es Ausdruck einer bereits ausgemendelten Hirnautomatik, genannt Phantasie?
Aha! Wer schaut da wieder mal um die Ecke? Dr. Smirc aus dem Cafe' Psycho. Er sucht einmal mehr nach seinen Stimmen. Es ist einsam ohne ihre Bewertungen, Anweisungen und sonstigen Narrheiten. Dr. Warnix, Psychagog und Bioxell, ruft in den Garten hinein: "Hej Jacko, ich hab sie!" Man hört es hecheln. Sie tunken ihre feuchten Schnauzen ins Gehirn und saugen Deine Seele aus.
Das wollen wir lieber verscheuchen. Smirc schnappt sich die Leinen und geht mit Dr. Warnix Richtung Klapse davon.
Du bist wieder allein in Deinem Idyll Grün.
In einem Garten wundergrün
Einsamkeit und Stille blühn.
Sonne, Regen, Wolken ziehn,
Blau steht über Grau.

Ferner Donner über den Baumkronen. Um das Dunkelrot der Blüte summen kleine Fliegen. Die Erde färbt sich im Wasserguß. Ein Buntvogel hüpft in der Hecke nach Schmetterlingen.

Komm, setz Dich zu mir, von alten Zeiten zu sprechen. Als wir in diesem kleinen Fluß plötzlich die Zeit verloren hatten und in einem Traum vorantrieben. Die Bucht hieß Ende des Tages, Pforte, Erwartung. Und die Wellen trugen das Gepäck schweigender Liebe sanft an Land.

Natürlich tauchten wir auf wie sonst aus den Gezeiten froher Gespräche. Natürlich gruben wir das Leben wieder um für ein morgen. Doch schön war der Abend.

Unter dem sich entfernenden Donner breitet sich die Stille aus. Ich drücke die Zigarillo in die Erde und sage Tschüs. Ein Regen fällt ein.

Samstag, 3. Juni 2017

Die Bitte

"Halte mich!", sagt Virginia zum Leben,
"Ich sinke".
Und beschwert die Taschen mit Steinen.

Die Ouse umarmt sie auch von innen.

"Warum?", zwitschert der Frühlingsvogel.
"Warum?" fragt Mütterchen Eichhorn.

Wir sehen voll eisigem Schrecken das Bild,
und die Sehnsucht zieht unser Leben hinab.

*

Was beschwert unsere Taschen? Woher dieser Stein?
Du hast ihn nicht gebrochen noch herbeigezogen.
Und doch liegt er im Netz, das wir auswarfen, Menschen zu fangen.

"Wirf es zurück!", ruft der Vogel,
"Laß!", bittet Mutter Leben.

Ich bitte Dich: Atme!

3.6.17

Freitag, 2. Juni 2017

Abschluß und Entlastung

Abschied 

Ich kam als Fremder in die Provinz, ich ging als Fremder.

Dr. Smirc rät, ich solle mir das Zischen der Heimattücke nicht zu Herzen nehmen, wichtiger sei, die Spuren vor den Heimatforschern zu verwischen. 

Dr. Warnix, Psychagog und Weihnachtsschmunzler, lacht: ich sei doch schon vergessen.

Gerne. 

Das Gemüt von der Backeskartoffel, die Freundesbande von Ehrgeiz und Macht, die hinterlüftete Fassade der Herrschaft. Sie haben sich längst wichtigeren Ereignissen zugewendet, deren Erleben die Erinnerung an mich überbügeln wird. Und die wenigen Freunde sind nicht Rheinhessenfreunde, sondern eben Freunde geblieben. Die Bilanz ist ausgeglichen.

Mancher wird noch denken: "Da gabs doch einmal den Wieheißternochmal. Aber: wie heißt er denn nun wirklich noch mal?" Nicht anders als ich es tat mit anderen.

Ich will nicht unfair bleiben und etwa im Zorn scheiden. Aber niemand sage: dieser komische und empfindliche Wachowski habe in irgendeiner Form etwas von den Cliquen der Provinzkultur, des politischen Ehrgeizes, von Backeskartoffelgemüt und Vorteilsrechnung profitiert oder profitieren wollen. Ich mag über den Einen oder Anderen bei falscher Gelegenheit vorschnell geurteilt oder gespottet haben. Seine Würde war mir stets wert.

Wem ich geholfen habe, der oder die gehe davon aus, daß ich es gerne getan habe oder daß es in Erfüllung von Nächstenliebe oder allgemeinem Gesetz geschah. Wer über mich lachte? Ich kann mir nicht vorstellen, daß es einen gab.

Ich verschiebe nun die Texte des Blogs "Flop Alzey" ins Archiv und lösche den Zugang.

Es wird sein wie nicht geschehen.

2.6.2017

Klaus Wachowski

Mittwoch, 17. Mai 2017

Lilie



Bläulich in einem kleinen Bach von Licht schimmernde Lilienblüte.
Eine Biene schwimmt herbei, pudert sich mit dem süßen Staub der Liebe, fliegt hinaus ins Blau.
Einer Schwalbe roter Mund schließt sich um einen mit Liebe gewürzten Bienenleib.
Glücklich, das Kind einer Schwalbe.

Ein Schatten.

Schatten und Licht sprudelnder Bach.

Klaus Wachowski 17.5.17