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Freitag, 26. Februar 2016

Ich und Du

Die Baumkrone wackelt leicht. Zwischen den Ästen und Zweigen ist etwas schattenhaft eine Gestalt auszumachen.

I: "Hallo, schön Dich zu sehn!"
D: "Hmm. Ach ja, ganz gut. Und Dir?"
I: "Immer so weiter. Kann die Erinnerungen nicht mehr so recht auseinander halten. Aber so ein Frühlingsleuchten macht warm da drinnen. Man interessiert sich wieder für Menschen, wenn die Natur aufblüht."

Pause

I: "Du rauchst?"
D: "Ich vermische mein Leben mit dem Leben."

Es scheint tatsächlich, als löste sich ein Schatten in feinere Schattierungen der sich färbenden Natur ein.

I: "Ich bin überrascht. Ich dachte, Du wolltest lieber ein Tier sein."
D: "Ein Vogel? Dem fehlt es an Boden. Ein Hund? Ist dem Boden zu nah. Hier kann ich mich zwar nur hin und her und nicht fort bewegen. Aber ich bin weit genug von Euch entfernt, kann Ich bleiben, verwurzelt über alle Wurzeln mit Allem."
I: "Wir rauchen inzwischen auch immer mal ein Zigarillo."
D: "Ja. Einziehen und Ausatmen. Das Bittere, das dem Leben Geschmack gibt und der Vernunft Lust auf Selbstdenken macht."

Eine leichte Brise kommt auf.

I: "Du hast ja jetzt Erfahrung. Was bedeutet Dir das Leben?"
D: "Nichts anderes! Es ist doch viel schöner im Leben zu leben als im staubigen Archiv der Erinnerungen. Hier ist Wechsel der Wolken. Dort sintert alles zu farbigem Stein. Könnten wir uns begegnen? Du als Teetrinker weißt, dass auch das grünste Blatt nach viermal brühen schal schmeckt."

Ja wirklich: So ein afrikanisches oder japanisches Geisterspinnen gefällt mir besser als ein Selbstbetrug von romantischem Gesamtkunstwerk aus dem verblassenden Fotopapier des Weißt-Du-noch. Mit Dir bin ich zwar uneinig bezüglich Gott aber einig gegen Esokuspokus.

I: "War schön, Dich mal wieder zu sehn. Mach's gut!"
D: "Hmm. Schick' A und B doch 'ne SMS, wo sie mich im Augenblick treffen können!"

Das Quietschen der Schaukeln, das Lachen und Brüllen der Kinder, das Rufen der Frauen wird lauter. Hunde kläffen Joggern hinterher. Ein in sich geschlossenes Pärchen schüttelt synchron den Kopf. Smartphones senden Signale kryptischer Sehnsucht in weit entfernte schwarze Löcher, über deren Sinn sich dort in tausenden von Jahren rosa Aliens den Kopf zerbrechen werden. Der Ischias zwickt. Ich muss Dir zugestehen: Es ist eine Lust zu leben.

Alzey, 26.2.2016

Mittwoch, 17. Februar 2016

Glücks - Fasten


Eine graue Zeit zwischen Fastnacht und Ostern. Die Kerzen haben ihren Glanz verloren, die Sylvester - Kracher sind verschossen, das Blöken der Fastnacht verstummt. Sonne, blauer Himmel, Blattgrün, Blüten, Duft: wer glaubt an so etwas!? Die Meisen wechseln ihren Gesang zwischen hoffnungsfrohen Melodien und stumpfem Computer-Clicken. Zum Glück wirft der Discounter weiter seine Angebote aus. Ich halte mein Interesse durch ein Zwiegespräch mit Henning Mankells Gedanken im Treibsand in Gang.

Das Glück aber kommt, wie sein Gegenteil, aus den Gesichtern der Menschen.
Als ich noch beschäftigt war gab es Zufriedenheit aus Erfolgen der Arbeit. Ich stand im Dienst der Republik und die Gesetze waren zu einem beachtlichen Teil noch nicht Knecht der Betriebswirtschaft. Hier Dienst leisten zu können war Vorzug des Vertrauens, etwas zurück geben zu können erfreute im Gefühl wechselseitiger Unterstützung. Aber das Glück kam aus dem, was ich mir unter der Erleichterung der Menschen im Hintergrund vorstellte.

Ähnlich verhielt es sich in meiner Hauptbeschäftigung, der Schriftstellerei. Glücklich war ich, wenn ich in seltenen Fällen das Aufleuchten der Begeisterung in einem Gesicht oder einem Nebensatz des Gesprächs bemerkte. Hier habe ich keinen Erfolg, meine Bücher wurden nicht gekauft, meine Blogs nicht aufgerufen. Aber bis auf wenige Ausnahmen, wo das Hochgefühl der Produktion keine Bremse der Ruhmsucht zuließ, störte dieser Umstand wenig.
Das Glück kam und kommt aus den Gesichtern der Menschen. Der geliebten, der befreundeten aber auch aller anderen, es sei denn sie freuten sich am Schaden anderer.

Nach dem Fastnachtslacher versinken die Menschen in mürrisches Schweigen.

Es ist wohl wie mit den Bäumen: Außen Panzerhaut, innen unter Zuckerbergen ein Flämmchen Leben auf Wurzeln des Hoffens, wie die der Liebe, der Erinnerung an Glück, des Glaubens an all die Versprechungen von Märchen, Eltern, religiophilosophischem Kunst-Überbau pp. Und wie die Botschaft aus den Zellen des Körpers.

Viel Unbewusstes hält sich nun in inneren Träumen und entwickelt in schwellenden Knospen feine hellgrün schimmernde Blättchen. Eine gewaltige Sprengkraft gegen die vom Lesen ideologischer Hassbotschaften betonierten Gesichtsmasken des Winters sammelt sich. Sylvester war eine bloß wichtig tuende Geste, Fastnacht nur ein erstes Knacken. Noch springen die Kinder nicht wie vom Hafer gestochen durch unsere ordentlichen Vorstellungen.
Jetzt heißt es Warten, Fasten. Auf das große Glück verzichten, die Auferstehung des Lichts um das Wunder Ostern herum.

Im Frühling bekomme ich manchmal heftige Depressionen, wohl unter dem Stress der ausgeworfen Düfte und Partikel milliardenfach aufblühenden Lebens. Ich ersehne Frühling.

17.2.2016

Sonntag, 7. Februar 2016

Blitzartige Erkenntnisse des bekannten Besserwissers Dr. Smirc



„Bitte nicht in den Blitz blicken!
Vor dem Gewitter wird der Tag zur Nacht. Schon das müsste Dir zu denken geben. Es ist eben nicht der Tag, nur eine Episode des Schreckens. Es ist nicht die Existenz noch die Wahrheit über die Existenz. Und der nun hereinfahrende Blitz ist nicht die wahre Wirklichkeit über das Ewige, sei der darauf folgende Donner auch unerträglich laut.
Er zeigt den Raum erfüllt von grell leuchtenden Gegenständen und bizarren Schatten. Bizarr ist faszinierend. Aber Du kannst Gewitter nicht leben. Es hat seine schreckliche Schönheit und seine Wahrheit für das in die Zeit eingebrannte Bild dieses Augenblicks.
Du hast die andere Seite der Wahrheit erfahren. Nebel, Regen, unbarmherzige Sonne. Aber doch auch Frühling und alles und alles.-
Auch die Angst hat Gewalt. Selbst Gläubige beginnen zu beten. Erschauere, verstecke Dich. Wenn Du nicht getroffen wirst, wird das andere, weitere, wirkliche Leben zurückkehren. Und Du wirst es vergessen als einen Alptraum.
Aber schaue nicht in den Blitz! Du wirst erblinden und das Leben wird seine Farben verlieren.
Ich wurde getroffen und habe überlebt. Ich habe in den Blitz gesehen und ein schwarzer Schleier liegt über dem Grau und über den Farben des Lebens.
Ich kann und will diesen Blitz nicht vergessen. Aber ich will auch diesen Frühling als richtigen Frühling erleben. Mit den Farben und dem Grau dieses Frühlings und aller Frühlinge nach und vor dem Gewitter.“

Dr. Warnix, Psychologie und toll geschminkter Rüsseldorfer Dosenmontagszug, muss wieder einmal eigene Meinung vortragen:
"Doof bin ich nicht. Du redest vom Schmerz. Ist er nicht vielleicht die dunkle Seite des Spiegelbilds von der konzentrierten Freude, die Du eben verloren hast? Ich denke, Du kannst ihn auch auflösen in den Wassern der Trauer. Das gibt einen bitteren Tee. Ich wette: er heilt. "

Gott sagt:" Weiss nicht." und gibt ein grünes Ostern aus. Dr. Smirc hofft: ohne Gewitter.
5.2.2016