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Montag, 26. Mai 2008

Drückendes Idyll

Vom Tod her springt ein scharfer Schatten.
Ein Alter flickt an seiner Liebe.

Er stellt ihr einen Tee hin, er staubt die Bilder ab. Er reist mit ihr in verschlafene Landschaften. Er versucht zu sprechen.

Lange Jahre sind sie zusammen. Lange Jahre haben sie am Haus gebaut, die Kinder durch Grobes und Schönes begleitet. Dann waren sie plötzlich allein und spürten an ihrer Einsamkeit, wie wenig Liebe noch da war. Das einander Vertrauen, Verzeihen. Aber auch das einander aus dem Weg gehen.

Sie helfen, sind freigiebig, jeder an einer anderen Ecke der Gemeinschaft. Er stürzt sich ins gesellschaftliche Leben, sie zieht sich in esoterische Kreise zurück. Der Tod wirft einen scharfen Schatten aus der Erinnerung.

Er holt eine Nadel hervor und sticht mit ihr durch ein dickes Leder. Sie hält das Werkstück. Aus einem fernen Ort, grün und schattig, malachitener Verführung Dom, bohrt sich ein Schmerz, brennt sich tiefer ein.

Sie nähen und bleiben einander fern von Abgrund zu Abgrund. Komm, las uns einen Wein trinken! Vergessen gegen die Welt. Er träumt vom Vergessen des Orgasmus, leidet an Sehnsucht und Verzweiflung. Sie betet in unzählige Himmel der Leere, ein: Wo bist Du, mein Gott?! Noch einen Schluck gegen das Schweigen. Aber Reden verletzt. So, nimm eine neue Nadel, den Mund, die blutende Wunde zu schließen.

Sie webt an ihrer Liebe. Duldet Berührung. Horcht dem Laut hinter seinen wilden Worten, brüllenden Wünschen nach. Es war einmal. Sie schlafen am Leid des anderen.

Ich aber gieße meinen Garten, und rieche den Duft unserer Liebe, der Freiheit, die wir uns lassen, nehmen, ersehnen.

Und meine Worte fliegen wie einander kreuzende, schwarz-glänzende Schwalben auf einen fernen langen Schatten zu. Ah, Ihr Menschen, nehmt Eure Nadeln und Fäden zur Hand. So groß ist der Riss in der Liebe!

26.05.2008 Klaus Wachowski

Dienstag, 13. Mai 2008

Wer denkt noch an Dich?


Ich will die Welt jetzt einmal mit Deinen Augen betrachten.

In meinem Alter hast Du noch einmal das Böse im Menschen erblickt. Ermordete und Gefolterte, Srebrenitza. Und das Heucheln kalter Verwalter. Die von Kreisgrenze zu Kreisgrenze weiter geschobenen Flüchtlinge.

Wie sollte es Dir möglich sein, dem Wort zu vertrauen? Du hast geholfen und gekämpft.

Den Menschen konntest Du trauen, denn sie zeigten sich auch als Nicht-Täter. Es half die Stimme des Johann Sebastian Bach, es half die weise Unvernunft einer Katze.

Die Kalten haben in der Zwischenzeit wieder neue Sprachregeln gelernt, sind auf angepasste Art in geblieben, unbarmherzig, wie allgemeiner Wille und unveränderliche Gang der Mode es verlangen.

War es im Anfang, ist es A und O? Du nimmst das Wort und fragst es: "Was sagst Du?" Es verliert sich in Buchstaben und diese im Tanz des Rabbi mit der Thora. Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Du sagst: "ln die Gewissheit des Nicht-Wissen-Könnens". Und die Katze schnurrt Zustimmung.

Du nimmst den Sonnenschein zwischen Daumen und Zeigefinger und zerreibst ihn mit Oregano in einen Deiner erfrischenden Salate.

Lass mich zurückblicken.

Der Rhein macht eine Biegung. Das Kind träumt ein Blatt von Grün, einen Strom und eine Sonne. Da ist der Friede von drei älteren Frauen, da ist Vertrauen. Da entfalten sich die Falter von Träumen unter den sanften Berührungen guter Wünsche von Himmel und Glück, im fernen Land Kindheit.

Das ist mit mindestens eben solcher Gewissheit Wahrheit wie das Gähnen einer wichtigen Präsentation.

Eine Wiese blüht an der Böschung, in dicken weißen Blumen. Es ist warm. Es ist Lust. Zwei Enten mit plötzlich explodierendem Flügelschlag. Plötzlich mitten im Kaff, mitten aus der Unterführung vier schwarze Jungs, im Hip-Hop. Ein paar eingeborene Jungs lallen gestört, sind aber mit giggelnden Girlies beschäftigt. Es wird nichts geschehen. Hier, Mama, Dein six-pack. Prost Muttertag! Das Wunder Mensch vorhersehbar grausam und cool, vorhersehbar erschüttert. Sagst Du ein Ja, dann ist es auch eines zur Unmenschlichkeit. "Nein!" Sagst Du: "Mein Ja nimmt in Kauf, sagt nicht: "Nur zu!"" -

Ich zeige Dir Max Frisch vor 36 Jahren in New York. Watergate, der Angriff auf die Republik aus dem Machtzentrum heraus. Schwarze Zeichen. Ein 50jähriger blickt zurück in ein Leben der Ungewissheit. Er hat Dir sicher gefallen in seiner nachgrübelnden Einsamkeit.

Immer haschen wir vergebens nach dem Sonnenstrahl. Er schenkt sich jeden Tag und unverhofft. Wie sehr kämpft der Beobachter in Max Frisch doch darum, Teil zu sein!

Liebe, oder vielmehr das Gefühl, geliebt zu sein, ist nicht ein selbstverständlicher Teil von Beziehung. Wir haschen nach Sonnenstrahlen.- Bedauernswert. Beneidenswert aber nach dem Eintritt des Unerwarteten. Max Frisch schildert das Gefühl von befreiter Einsamkeit unausweichlich und klar. Am Rand des Frühstückstellers sind ein sind ein paar Kräutlein als Deko angeordnet. Das Leben ist mehr als Gegenstand der Betrachtung, Liebe kein Schnitzel.

Ein 50jähriger singt einen traurigen Chris Rea. Die Freiheit des Alters zu reisen und zu fallen. Sieh den Bruder, die Schwester obdachlos. Was willst Du sie in Deine Unterkünfte des einsamen Glücks locken? Hast Du auch ausreichend Liebe von der guten Sorte parat?

Mein Gitarrist: von der Freiheit hast Du inzwischen die Süße und das Bittere geschmeckt. Wage noch einmal, bei der alten Liebe anzuklopfen. Kannst Du Dich nicht erinnern? Vor 10, 20, 30 Jahren, es war doch immer ein Anderes, was sich da öffnete, was Dich da auf andere Weise nach Licht und Schatten haschen machte. Aber es war da so ein seltsames Deko-Kräutlein am Tellerrand...

12.05.08 Klaus Wachowski

Sonntag, 4. Mai 2008

Ego, Liebe, Mitfühlen, Freundschaft

Ego, Liebe, Mitfühlen, Freundschaft

"Demnach gibt es, den vier Gestalten des Satzes vom Grunde gemäß, eine vierfache Notwendigkeit:

Die logische, nach dem Satz vom Erkenntnisgrunde, .. Die physische, nach dem Gesetz der Kausalität,…

Die mathematische,..

Die moralische…

Arthur Schopenhauer

Ein kleiner Essay zur Gefühlsverwirrung

für Arthur Schopenhauer

Ob die Liebe zur Wahrheit uns klüger macht? Das Gegenteil ist der Fall: sobald wir die Philosophie betreten, beginnt der Boden zu wanken, flattert unser Wissen in tausend Bedenklichkeiten davon, denen unsere Fragen tölpelhaft und erfolglos nachspringen. Unbelehrbar werfen wir neue Netze aus.

Nichts ist uns gewisser, als Ich und Welt. Kant und Schopenhauer zeigen, dass es keinen Beweis gibt, der uns die Existenz von Ich und Welt belegen könnte. Wir müssen so mit der unmittelbaren, vor jedem Beweis -a priori - gewissen Gewissheit vorlieb nehmen, dass die Welt eben nichts weiter ist als erkanntes Objekt und nie erkanntes, erkennendes Subjekt.

Dass die Welt mehr als Vorstellung ist, davon gehen wir von Geburt an aus. Meinem Ich entspricht ein Du, ein Ich-noch-einmal in anderer Gestalt. Diese Menschen sind nicht Schatten oder elektrische Automaten. Ich weiß es nicht von Beweisen, sondern es ist Teil des Selbstbewußeins, das auch das von Anderen ist. Das Baby empfängt in den taktilen Reizen nicht nur ein gutes Gefühl oder zu wenig davon, sondern auch die wohl tuende Gewissheit "Mutter". Es soll psychische Erkrankungen geben, die sich im Verlust eben dieses "Das Du ist ein Ich" zeigen.

Kann der Mensch mehr als 4 Kategorien gleichzeitig nicht betrachten? Gibt es eine Verführung zum symmetrischen Klassifizieren? Der vierfachen Wurzel vom zureichenden Grund in Bezug auf menschliche Erkenntnis scheint mir - ohne erkennbaren systematischen Bezug aus der Sache - eine vierfache Ausgestaltung, Orientierung des (moralischen) Fühlens gegenüber zu stehen.

Wie im Traum erscheint uns oft die Automatik des Handelns bei gegebenem äußerem Reiz. Viele, auch ich, lassen sich leicht dazu verleiten, aus vorhandenen Reizen auf ein notwendig folgendes, bestimmtes Handeln zu schließen. Sie überschätzen dabei die Möglichkeit, Stärke und Gestalt der Irritierbarkeit des Charakters einschätzen zu können, dessen Beschaffenheit und Zustand ja den dem Reiz gleich wichtigen zweiten Teil des Motivs ausmachen, das die Handlung zeugt.

Vier unterschiedliche Formen kann der Charakter bei der Begegnung mit Reizen für den Willen annehmen. Sie ähneln einander und werden daher bei der Auslegung von menschlichem Handeln oft verwechselt. Von daher erklärt sich mancher Unterschied in der Beurteilung von Motiv und Charakter. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, die Unterschiede der Willenserscheinung fest zu halten, sie nicht miteinander zu verquicken oder gar aufeinander zu beziehen. Licht und Wärme verhalten sich als elektro-magnetische Wellen, können Körper dazu anregen, jeweils auch die andere Erscheinung zu zeigen, nicht aber selbst sich in die andere Form verwandeln. Von den vier Erscheinungsformen des Charakters: Egoismus, Liebe, Mitfühlen und Freundschaft können alle gleichzeitig in einer Handlung sichtbar werden, sie bleiben jedoch unvermischbar voneinander getrennt.

Egoismus

ist die Orientierung des Willens, die auf Erhaltung und Entfaltung des Selbst zielt. Anderes und andere Personen werden in die Rechnung als Mittel oder Störung einbezogen, für dieses Fühlen ist alles außerhalb des Selbst ohne Reiz. Der Egoismus geht über Leichen, sofern Angst oder Lust nicht anderes Handeln empfehlen.

Adam Smith und Karl Marx gehören zu den Theoretikern, die dem Charakter außer dem Egoismus andere Motive des Handelns nicht zusprechen. Zu Mitleid, Liebe und Freundschaft fällt ihnen nicht viel mehr ein, als dass es sich um unbedeutende Gefühlsäußerungen handelt, die der Entwicklungsautomatik einer nach egoistischen Motiven unaufhaltsam voranschreitenden Welt im Weg stehen. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Und das Glück kommt über die vernünftige Einigung der Wölfe oder durch den Sieg der stärksten zustande. Bei Marx dadurch, dass die Fleischproduktion so groß ist, dass der Egoismus satt ist. Sie vernachlässigen bereits, dass der Egoismus keineswegs auf eine allgemeine Entwicklung ausgehen muss, sondern auch ganz vernünftig auf irgendeinen roten Knopf drücken kann, um etwa seine Ruhe zu haben. Selbstmord des japanischen Piloten eines Passagierflugzeugs. Und selbstverständlich will nicht jeder Egoist auf seinen Kühlschrank warten, bis alle einen bekommen haben. Schließlich ist neben friedlichem Konsum auch die Aufregung der Freiheit für manchen Egoismus von Interesse (DDR), daneben all das zwischen Kultur und Religion, Sex, Drugs Privatfernsehen & Rock´n Roll, das Gesetze, Diktatoren und Amokläufer auf den Plan ruft.

Liebe

Das Ego braucht Handlungsfreiheit, die Liebe Nähe. (Die Lust ist ein Trick der Natur, beide zu Fortsetzungszwecken unter eine Decke zu kriegen. Dabei hat sie vergessen, dass Lust auch ohne Liebe lustig reitet und diese auf Nähe, nicht auf sexuelle Form geht.)

Vom Anfang des Lebens bis zum Ende begleitet Dich Liebe oder die Sehnsucht danach. Sie gibt und nimmt ihm seinen Wert. Alle lieben, zu wenige werden geliebt, noch wenigere von denen, nach denen ihre Sehnsucht geht. So kommt mit der den Egoismus fesselnden Liebe, die Einsamkeit, ihr Leid. Mein Freund und Therapeut H: das ist meine Antwort auf die Frage, warum Einsamkeit weh tut.

Der Mönch sehnt sich nach der Liebe selbst und nennt sie Gott. Der Buddhist versucht mit dem Ich sowohl den Egoismus als auch die Liebe blöd zu meditieren. Es gibt bei irritierbarem oder grobem Nervensystem und Erfahrung mit zu enger Liebe Aversionen gegen sie, aber irgendwo ist immer auch eine schmerzende Sehnsucht oder Erinnerung nach - Liebe, Familie, Nähe.

Die Pubertät als eine Zeit der intensiven Selbstfindung, Wendung, kann als Entwicklung des Ego verkannt werden, wenn ihr Ziel außer Acht gelassen wird: die Ermöglichung erwachsener Liebe zu einer, einem Anderen durch Auszug, Flucht aus der Kindheit und ihrer Liebe. Kaum ein Lebensabschnitt weist weniger Kälte und Unbarmherzigkeit aus, aus befreitem Ego, aus der Rücksichtslosigkeit großer Liebe.

Mitfühlen

Mitleiden - aber auch, sich an Leiden Weiden, Bosheit- ist eine eigene Form der Erregung des Willens, die weder auf das Wohl des Ich noch auf die liebende Verschmelzung mit einem Du gerichtet ist. Der Mitleidende muss helfen, um zufrieden zu sein und hat insofern seinen Lohn dahin, weshalb die Frage des Egoismus: "Was hast Du davon?" nicht gerade von Urteilskraft spricht. Aber nicht eigenes Wohl sondern fremdes Weh ruft ihn zur Tat. Das Leid öffnet in diesem Fall den Schutzmantel des Selbstbewusstseins und veranlasst uns, aus einem uns fremden Willen heraus in seinem Interesse zu handeln. Neben Leid steckt aber auch Glück an. Begeisterung ist die Form dieser Äußerung von Mitfühlen.

Wie beim Egoismus und der Liebe können wir auch hier zwar beschreiben, worauf dieses Fühlen ausgeht. Was diese im Handeln sichtbare, im Fühlen deutlich unterschiedene Regung an sich ist außer Wille, können wir weder mit Sinnen noch mit der Vernunft erkennen. Die Neurobiologie hat nun den Ort des Mitfühlens in den Spiegelneuronen entdeckt. Ihre Aussagekraft wird überschätzt. Auch sie kann wie jede andere Wissenschaft das wie, wo und wann von Erscheinungen nachweisen. Das Was und das Daß zu bestaunen bleibt der Philosophie und der Religion. Ob das, was die Spiegelneuronen im Charakter auslöst Mitleid sein kann, ob jenes Mitfühlen nur eine phantasierte Erscheinung ist oder dem entspricht, was ich bei mir als Mitfühlen empfinde, das kann ich nur spekulieren. Ich und Du sind mir offensichtlich ohne weitere Erklärung a priori vorhanden.

Den Unterschied zum Egoismus können wir leicht erfühlen, den zur Liebe erfahren wir z. B. in den Fällen der Verliebtheit, wo Mitleiden Annäherung vielleicht zulässt, aber, für den Enttäuschten deutlich fühlbar, nicht will. Das Kriterium, das Liebe zur Beantwortung der Frage nach Erwiderung der Liebe anwendet, sofern noch Urteilskraft und Sensibilität übrig ist, ist Interesse: Sie fragt argwöhnisch: Hast Du denn überhaupt Lust mit (nämlich Interesse an) mir? Dramen beschreiben den Irrtum Liebender über das Motiv einer -nur- helfenden, nicht verliebten geliebten Person. Wie oft enttäuscht aber auch Begeisterung den Liebesbedürftigen, deren Interesse ja nur auf einen Zustand, nicht auf das Wesen einer geliebt sein wollenden Person gerichtet ist.

Ausflug: Liebe und Moral

Auch ich habe kein Darlehen für die Hungernden aufgenommen, sondern ein Haus gebaut. Auch sonst hätte ich mehr helfen können. Ein Verrat von 68 bestand für viele in der Abwendung vom Mitfühlen bei Rückzug in die Beziehung (ein anderer an der -politischen- Freiheit durch Hochzeit). Auch ich habe kaum noch Treuepunkte. Freude am Leiden, die Rückseite des Mitleides, fesselt tausende von Fernsehzuschauern etwa beim Vergnügen DSDS, das hauptsächlich darin besteht, Hoffnungen zerstört zu sehen. Selbstverständlich sollte eine auf Genuss an Entwertung gehende Sendung verboten werden. Auch Grausamkeit, diese dunkle Form des "Mit"gefühls, kann stärker sein als der Egoismus, der z. B. den Verbrecher empfiehlt, rechtzeitig vor der Entdeckung zu fliehn, statt sich weiter am Anblick von Leiden zu freuen.

Freundschaft,

Solidarität, sympathisches Interesse des frei geborenen Menschen am Menschen lernen wir wohl zuerst in der Begegnung mit Schwester und Bruder kennen, wo wir über das Familienband der Konkurrenz (wer ist Mutter oder Vater näher) hinaus gemeinsam handeln. Mit Liebe verwechselt ("wir sind alle eine große Familie") geht sie eben anders als jene nicht auf Nähe und Verschmelzung aus, sondern auf Raum lassende Gemeinschaft der Unterschiedenen, der im Wert gleichen, der Freien, die ebenso Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wollen.

Freundschaft ist das Modell der Republik, Familie wird gern als Modell des Feudalismus und Faschismus zitiert und in mafiosen Cliquen. Die Band der 70er Jahre war ein Symptom der diese Jahre prägenden Kraft Freundschaft, der Backslash ins Ego brachte den Starkult.

68 war die Zeit des Aufbruchs aus der Familie in die Solidarität. Sexualität, Befreiung des Ich, wollte gleich und herrschaftsfrei unter Gleichen genossen werden. Liebe war das Wort, aber nicht sie war gemeint, sondern einmal Caritas, Nächstenliebe oder Liebe zur Menschheit, Freundschaft mit allen als frei und gleich gedachten Menschen. Als Liebe dann real in ihrer sozusagen dreidimensionalen Form auftrat und als Todesengel der Freundschaft Paare und Familien aus der Bewegung der Solidarität weg zum persönlichen Glück zog, war das "Verrat der Spießer", also das Schlimmste, was sich denken ließ. Heute, aus der Beziehung wieder zu sich kommend, entdecken viele neben sich auch den Wert der Freundschaft wieder, erinnern sich sehnsüchtig an 68.

Parteien haben etwas von Solidarität in sich. Soweit sie aber dem Ziel nach Erfolg brauchen, kommen sie oft in den Zwang, zu organisieren, auszusortieren, zu werten und entwerten. Egoistische Tricks der Herrschaft, familiäre Sehnsüchte für eingeschwemmte Einsamkeiten (Heimatsülz), Beschränkung der Freundschaft auf gemeinsame Interessen, ergeben dann ein widerwärtiges Schauspiel. Die Erholung tritt ein bei Wiedereinführung der Gleichwertigkeit und der Achtung auch den anders Meinenden gegenüber. Partei wird dann nicht nur für Egoisten sondern auch für freie Bürger wieder interessant. Misserfolg der PDS, Untergang der Grünen: Unterordnung zwar nicht unter Menschen aber unter Ziele- statt diese miteinander abzusprechen-, damit eben doch auch Unterordnung unter Führer.

So ist neben der auf Wert der Person gegründeten Republik wohl die Selbsthilfegruppe das moderne Anzeichen von Wirklichkeit der Freundschaft des Menschen gegen den Menschen, die so oft missbraucht wird, um unter Ausblendung des Menschen höhere Zwecke (Ideologien usw) durch Mord und Massenmord zu befördern.

Freundschaft ist eine Errungenschaft der neuen, durch die Person geprägten Welt. Die Vorwelt der Familien- und Clanbezogenen Zeiten des Mittelalters und grässlicherer Völkerwanderung kannte nicht Individuum, Dialog, Freundschaft. Zeugnisse von Freundschaft ragen wie Monolithe aus den Wüsten von Sitte, Monolog, Beschränkung des Horizonts auf Heimat.

Woher habe ich die Gewissheit von der Gleichwertigkeit der Anderen? Es ist eines der nicht erklärbaren Wunder, dieses angeborene Vertrauen in den Menschen, das sich hält, wo es nicht von Menschen vernichtet wird.

Nach dieser Untersuchung können wir die Motive Egoismus, Liebe, Mitgefühl und Freundschaft vielleicht voneinander unterscheiden. Erkennen können wir sie weiterhin weder in den Handlungen noch in den Worten der Menschen. Sie können sich irren, sie können sich verstellen.

Darum wird nicht das Motiv, sondern die Tat bestraft oder gerühmt.

Oft werden Freundschaft oder Solidarität dem ebenfalls sympathisch fühlen machenden Mitleid verwechselt. Freundschaft braucht nicht Leid. Was Freunde verbindet, ist das einander als Person erkennen. Sympathie: dies ist Eine/r wie ich. Je geringer die Vorstellungskraft, um so kleiner und geschlossener der Freundeskreis. Mit Fortschreiten der Sensibilität der Menschheit haben daher Toleranz und Sympathie, wirkliche Solidarität gute Chancen zur Verwirklichung eines goldenen Zeitalters. Aber Vernunft hilft auch dem Egoismus, geschicktere Möglichkeiten der Allein-, dem Familiensinn der Liebe, solche der Clanherrschaft zu finden.

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Die vier Erscheinungsformen des Charakters setzen eines Voraus: Das Fühlen, dass da ein Du ist, das mir irgendwie, insbesondere nach den Formen des Fühlens gleicht. Es gibt allerdings neben einem pathologischen Mangel auch ein weiteres Handeln, dem anzusehen ist, dass ihm dieses Bewusstsein fehlt: die Unbarmherzigkeit von Weltanschauungen. Die im Sandkasten zu Recht gezimmerte Ideologie kennt den Menschen nicht als Subjekt. Er ist ihr Gegenstand der Planung und unterdrückt bei ihren Anhängern alles, was auf eine Berücksichtigung des Subjekt-Charakters eines Du hinführen könnte.

Religion wiederum gesteht sogar der Welt insgesamt oder einer in ihr oder vor ihr wirkenden Kraft Subjekt-Charakter zu. Sie nennt es das Unbekannte, Jahve, Gott. Sie weiß, dass man davon nicht wissen kann und beschränkt sich so auf den Glauben, dass " das Ding an sich" etwas ist, das mir insofern verwandt ist, als es fühlt. Wie ich ihm gleich bin, so ist es gleich auch mir.

Klaus Wachowski 04.05.2008