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Donnerstag, 26. September 2013

Kevin hat Angst

Er soll den doofen Melander verhauen und zum Beweis dem Alten sein Handy mitbringen. Aber Kevin ist nicht stark. Und Kevin hat Angst.
Jetzt steht er vor dem Zaun und sieht den Kindern des Grafen zu. Nicht dass er gerne tauschen würde.  Auch im Fürstenhaus wohnt die Gewalt zwischen den Wänden. Er sieht den farbenfrohen Aufzug gerne. Wie Blüten im Frühsommer, wie in den Herbst fallende Blätter, so treiben die Menschen durcheinander. Als gäbe es in diesem Bezirk keine Schläge, kein Gebrüll.
Sie fahren Dornröschen herein. Sie öffnen den gläsernen Sarg. Ein rotes Stück Apfel fällt aus ihrem roten Mund. Der schöne Prinz nimmt die schöne Prinzessin mit auf sein Zimmer. Roy Black, ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß.
Er sieht den gestiefelten Kater die dummen Gänse in den Sack packen, den Chefadmin des Internet. "Freiheit", rufen die Piraten und rennen in die schwarzen Schläuche. Nein! Kevin möchte nicht über den Zaun.
Ein irgendwie großer Mercedes fährt aus der Einfahrt. Das Gefühl ist irgendwie grau wie arme Kindheit. Aus dem blauen Himmel über Grün singt plötzlich eine Vogelstimme. Das Gefühl ist wie Kindheit.
Hinter dem schwarzen Wagen klingt gehässiges Lachen hervor. Die Schlägertruppe. Jugendbande von rechts oder freier Brutalmix. Kevin denkt an den Brutalvater und geht in die Seitengasse. Straße frei für Gewalttäter.
Dann kommt das niedrige Haus mit der schmalen Stufe. Man sieht Aschenputtel Erbsen zählen.
Wenn ich Kevin so das Mädchen betrachten sehe, kann ich seine Gefühle gut verstehen. Auch er würde lieber hier in der Asche liegen und arbeiten als all diese Nichtigkeiten ausführen, die einen Jungen so weit weg aus dem Wunder ins Wichtigtun tragen.
Er fühlt sich ein in die Aufmerksamkeit einer sanfteren Seele, spürt die Kraft einer friedlichen Bewusstheit. Er geht weiter.
Die Straße wird steiler, die Häuser werden selten, die Gärten kommen. Hinter dem Hügel poltern die Riesen. Er biegt ab in Richtung Schwimmbad. Warm und still lieg das Becken vor dem einsamen Besucher. In den grünen Tiefen liegt eine golden schimmernde Kugel. Prinzessin sitzt da, zieht ein schiefes Mäulchen und bittet ihn, das Ding heraus zu holen. Dieses Habenmüssen stört ihn doch sehr. Was liegt an schweren Dingen? Er wirft seinen Totschläger dazu und geht.
Er hört zwei wütende Stimmen. Eine hört sich an wie der Alte. Wie schön, wie einfach ist es doch, einfach weiter zu gehen. Jahrzehnte später noch wird er das Gefühl haben, seine Mutter im Stich gelassen zu haben.
Am Friedhof bereitet er sein Lager. Sterne und die Stimme eines Nachtvogels. Man muss nicht essen, wenn man nicht unbedingt weiter leben will. Es ist noch warm in der Nacht.
Auch Diktatoren liegen plötzlich als alte Männer mit trübem Blick im Todesraum. Kevin geht scheu an seinem Schicksal vorbei.
Jetzt wäre eigentlich Zeit für das Glück aus einem Märchen.
26.9.2013 Klaus Wachowski


Dienstag, 10. September 2013

Alte Bekannte

Gut wieder mal etwas von Dr. Smirc zu hören.Der Herbst ist ihm so die rechte Jahreszeit für eine Freudendiät.

War der Sommer doch übervoll an so genannter Kommunikation. Da ist etwas Spassbremse an den Herzklappen recht erholsam. Der Psychagog Dr. Warnix hat ihm folgerichtig Gummibärchen aus cross gekochten Demenzknochen verschrieben.
Man hofft ja nicht gerade auf Selbstmord zum Al.Caida-Rabatt,  aber etwas Zwangsverkostung in Weinprobierbuchten kann man nach den Wellnes-Schlachten in super Locations schon gebrauchen.

Je näher die Buchmesse kommt, umso strenger schaltet das Feuilleton vom Schonwaschgang für Labyrinthiker um auf Hass aus naturnahen Schwefelquellen. Ein früher Spaziergang durch die von Patienten über quellende Stadt stimmt den sehnsüchtig Bewegten auf gedeckte Schlagerlegenden des Chris Roberts ein. Der Flow kommt als ein ausgebremster Thrill.

Dr. Warnix berechnet den Aufschlag zum sogenannten Freundschaftspreis. Der Wetterflüsterer wirft eifrig seine Arme unter die Zuschauer. Der Regen beginnt.

9.9.2013 Klaus Wachowski

Mittwoch, 4. September 2013

Synagoge in Mainz



In der Synagoge Mainz liegt ein von mir verlorenes Lächeln. Es hat seine Kippa verlegt, aber Gott ist kein Unmensch. Von Protestanten ist er so einiges gewohnt.

Was mir gefällt, das sind die Buchstaben auf den Wänden. Sie sind wohl aus den Gesängen eines Chassiden wieder auf die Erde gefallen. "Ich werfe Deine Buchstaben hoch in die Luft". Aus der Erde leuchten die Buchstaben Deines Namens. 

Was ist eine Religion wert, die dem Kind die Träume austreibt? Ich hoffe, dass die Deine genügt. Sind nicht Träume neben der kritischen Vernunft das Einzige, was Ideologie und Inquisition widersteht? Kräfte des Ich, die im Du das des Wunders erkennen.

Das kann auch der Atheist, der seine Sehnsucht nicht mit Namen rufen will.

Wie leicht wir darüber reden in einem Raum,  der auch das Vermächtnis ausspannt! 
Der Zadikk von Drohobytsch schickt einen Gruß:
Lasset die Kindlein zu ihm kommen. Und wehret ihnen nicht. ..      4.9.13

Montag, 2. September 2013

Ramsen

Aus dem Wartezimmer für Kassenpatienten des Todes ruft E an. Sie hat eine wichtige Mitteilung über ihren selischen Zustand. Ihr Vertrauen auf Aufmerksamkeit, wie wertvoll. Wenn sie mit D spricht, scheint sie sich doch nicht - wann gehst Du endlich?- abgeschrieben zu fühlen. Sie wird sich nicht mehr dazu aufraffen, heraus zu kommen. Aber es sieht auch nicht danach aus, als ließe sie sich abführen.

In der Nervenklinik tigert Wernie hin und her. Der brennende, gierige, verlassene Blick trifft auf fliehende, ängstliche, verlassene Blicke. Mein Name Bushido!... Aha. Wernie zieht einen Tisch weiter.

Dr. Warnix ist in die Untersuchung eines Gesamtkunstwerks auf okkultes Blut vertieft. Die Verblödung des intelligenten Sektors mit Musik und romanhaftem Alltagsgeschwätz schreitet voran. Man hat kaum noch Zeit, sich um die Landlust der NPD zu kümmern.

Verkaufsoffener Sonntag in Ramsen.

CDU, SPD und FDP, umgekehrt oder umgekehrt stehen in der Fußgängerzone und verteilen Flyer. Tote Schaufenster gähnen in den Strom der erlebnishungrigen Einkäufer, die nichts des Aufhebens wertes mehr finden können. Es riecht leicht faulig nach Frankfurter Buchmesse. Müdigkeit senkt sich in die Herzen. An den Cafe'-Tischen laufen die Gespräche aus. "Wie heißt der Kandidat noch mal?" "Es ist eine Frau!" Aha. "Würdest Du Dich lieber unter der SPD ärgern?" "Und Du? Weiter hören, dass Du selbst schuld an Deiner Armut bist." Familien- und Bildungswahn blicken tief in den Aperol. Auch sie waren einmal - Achtundsechziger. Jetzt steht ihnen das Gefühl Überflüssigkeit ins Gangbild geschrieben.  Sie diskutieren die Themen des ideologischen Managements, als wären es die Eigenen. Dann fahren sie in den Baumarkt der Prozente, die passenden Dübel für  die neue Depression besorgen.

 Ein 7-Jähriger hüpft vor dem Tisch auf und ab. Der Luftballon ist von der SPD, die Zahnspange von der Privatkasse. Ein Lichtstrahl fällt auf die Wespe im Bitterino. Was wäre der Platz ohne all die nervenden Alten?

Die Parteien bauen ihre Stände ab. Der Markt schließt. Die 68er Rentner gehen hinüber in die Festabteilung.  Das Handy vibriert. Unbekannt. Eine Mitteilung aus den letzten Tagen der Einsamkeit.

Wie schön, wie kurz das Leben.   1.9.2013