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Freitag, 27. März 2015

Vor einer Moschee im Jemen


Auch hier singt ein Vogel sein Lied.
Auch hier geht die Sonne auf
und unter.
Auch hier zeigt der Mond seine Sichel
und der Tod gibt Dir Antwort zu seiner Zeit.

Auch hier bricht die Liebe über Deine Pläne herein;
Gott, sagt sie.
Hörst Du noch die Botschaft des Hasses?

Wer legt Dir die Hand auf die Schulter?
Ein Freund der Menschen, an den Gott glaubt,
Oder ein Freund Gottes, der den Hass liebt?

Auch hierher weht die Ewigkeit die Sandkörner der Zeit,
auch hier schreit die Einsamkeit nach dem Blut der Liebenden;
Auch hier brüllt das Raubtier im Käfig Deiner Seele nach Ruhm,
auch hier singt der Vogel Sehnsucht.

Auch hier sagt Gott: Liebe.
Auch hier sagt das Herz: Liebe.
Auch hier kannst Du das Wort der Stille hören
oder Dich verschwören dem Hass.

Sonntag, 8. März 2015

Neues Leben


Die Stühle heraus stellen. Auch den Tisch. Die Amsel schimpft. Wir stören sie beim Essen. Auf der Staffelei steht der Entwurf eines Bildes, ein Ei in hellblauem Umriß. Es soll das Bild eines Ostereis geben. Hellblauer Himmel, hellgrünes Gras, gelbe Sonnenstrahlen und eine rote Blüte. Eine süßliche Erinnerung aus Kinderträumen.
Aufgeregtes Zwitschern von Spatzen und Meisen. Aus dem Pflaster der Terrasse streckt schon Gras aus dem Vogelfutter seine Halme. Es leuchtet.

Du siehst das nicht. Der Blick geht auf die Fensterbank unter den weißen Gardinen der Frau, die nun schon sehr alt ist und bald sterben wird. Was ist das für eine rote Blüte hinter dem Vorhang? Sie wird die ersten Frühlingstage nicht mehr erleben. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Auto der Nachbarn,  noch voll auf nützlich. Hieraber: "Nimm mal meinen Geldbeutel und bring Kaffeestückchen mit!"

Lila blühendes Alpenveilchen. Irgendwie hatte sie einen Narren gefressen an dieser Sorte. "Versteh mich recht, wenn ich Dir sage, ich will es nicht mehr. Kein Frühling, keine Vogelstimmen, keine Sonnenstrahlen." Und als Keiner mehr da war, die süßlichen Erinnerungen der Kindheit zu verstehen und zu teilen, nur noch der Tag und der Tag und die Nacht mit immer neuer Glücksreklame winkten, war es Zeit zu sterben, einer von Niemandem mehr geteilten Sehnsucht zu folgen.

Die Gardinen sind wie ein Schleier, der das Ich vor dem Leben abschirmt. Schön, aber auch traurig, die Stühle nicht mehr auf die Terrasse stellen zu wollen. Wie gut der Kuchen schmeckt!

Das Eis schmilzt und die Vögel singen. Es ergießen sich die salzigen Wasser des Ursprungs. Warst Du eine gute Begleitung?

8.3.2015

Donnerstag, 5. März 2015

Vorteil und Vorurteil



Mein Leben scheint von Abschieden bestimmt.

Nun habe ich bei der Jean-Paul-Gesellschaft gekündigt. Ich habe in meinem Arbeitsleben erreicht, was zu erreichen mir vergönnt war. Der Ausgleich in den Nebenzimmern eines anderen Lebensentwurfs ist nicht mehr erforderlich. Die Begeisterung für den Dichter löst sich aus dem Korsett des akademischen Monologs. Mag sein, dass sie dabei aus der Form geht. Es ist ihre Form.

Es waren wunderbar erfüllte Zeiten, wenn zu Frühlingsbeginn und Dichters Geburtstag die Gesellschaft rief. Die Krokusse Bayreuths leuchteten aus dunkler Erde in dunkles Herz. Frühling brach aus dem Winter und Bilder und Szenen einer Literatur der Sehnsucht zogen mich durch einen Tagtraum aus Erinnerung und Ahnung. In der Hauptstadt des Wahns ein Bukett von Blüten.

Zu Beginn dann schon die Begegnung mit einem Häufchen Staub, das mürrisch auf den Knochen der Archive lagerte und nach Zukunft seufzte. Heute hat es sich einen Erfolg von Gegenwart erschmeichelt. Aber das ist menschlich und überall und hält nicht ab von Menschen.

In den Räumen des heiligen Wagner waren wir gnädig aufgenommen. Aus den Regalen keuchte der Judenhass. Keine denkbare Entschuldigung, die nicht den Skandal der guten Stimmung vor der Qual, hier lange weilen zu müssen, klein zu halten suchte. Den Dichter des Todes im Leben im gleichen Schnarcher mit dem Wichtig der romantischen Brunst nennen, den Freund des Machtlosen in einem Zug mit dem kollernden Ich-will.-

Die Begeisterung am Dichter musste folglich an Einsamkeit sterben unter Interessen, von denen das des Berufs noch das sympathischste war. Wie elend mußte es der Sehnsucht ergehen, wenn ihr der Staub eines Museums nicht von einem Fährmann der Begeisterung, sondern von einem Ruhmputzer der Ehrenquaste ins Gesicht geblasen wurde! Wenn sie vor Doktoren des Jean Paul ihre Wut gegen die Nibelungen-Koller von Karrieristen unterdrücken mußte. Vorteil und Vorurteil, die nationale Mischung.

Am schwarzen Kanal im kühlen Regen nahm ich zum ersten Mal im Leben wahr: die Hinfälligkeit und Tapferkeit alt gewordenen Lebens. Aus der Kirche orgelte Bach eine Kadenz der Ewigkeit und dem Wahn des Narzissmus antwortete aus Krokus, Bach, blitzendem Sonnenstrahl und Vogelgesang das Wunder Ja des Lebens.

Das ist vorbei.

Es ist nicht die Schuld eines Sehnsucht in die Sauerkrauttonne des Gemüts tauchenden literarischen Heimatvereins. Gegen dergleichen ist die Gesellschaft erfrischend trocken. Es liegt vielmehr an meinem etwas langsamen Biorhythmus, der Jahre braucht, sich neuen Horizonten, Hoffnungen und Haltungen zuzukehren, wo andere längst ihre Wurzeln ineinander verkrallt haben, dann aber keine gute Erinnerung mehr zulassen will.

Was wäre zum Abschied zu sagen? Dass ich bezüglich Jean Paul geblieben bin, was ich war und der Gesellschaft Erfolg wünsche bei dem Unternehmen, dem Dichter eine Wagenspur im Sand der Ewigkeit zu erhalten und sich selbst eine Kerze am Rand des Ruhms zu entzünden. Wie rasch löscht es die Erinnerung, weht es der Wind vorbei an den Resten von tausendjährigen Reichen, von Glamour und Terror des Wahns.

Hellgrüne Filzdecken, gelbe Plasti-Keier, braune Plasti-Khäschen, Kücken, Deko rundum. Hinter Schurz und Blaumann, aber auch aus Krawatte und kleinem Schwarzen schauen die Menschen des Jean Paul mürrischen Gesichts aber voll sehnsüchtiger Hoffnung in die schweren Regenwolken. Mögen sie nach dem Wegziehen des Vorhangs die bunten, nicht die weißen Blüten sehn!

Mit einem Dank ans Leben für wunderbares Erstaunendürfen
und in der Hoffnung, es auf neuen Wegen wieder vorzufinden.

18.2.2015

Sonntag, 1. März 2015

Ein Funke Liebe

Leonard Cohen, ich glaube in seinen Ten new songs, hat mir dieses Bild wieder nahe gebracht. In einem dunklen Raum sehen wir Licht aus einer Spalte eindringen.

Tausende von Sonnenstäubchen blinken darin auf, sinken, steigen, versinken wieder im Dunkel.

So schien mir mein Leben aus dem Dunkel ins Licht zu tauchen und wieder zu versinken. Aber bin ich denn so ein Staub von Sternen?

Dr. Smirc schlägt eine andere Deutung vor. Warum sollte das Ich das Staubkorn und nicht etwa die Quelle des Lichts sein? Die Antwort findet er in der Vergänglichkeit des Ich. Smirc schlägt daher vor, das kurze Aufleuchten des Ich im Körper des Menschen mit dem kurzen Aufleuchten des Lichts am Körper des Staubkorns gleich zu setzen.

Die Sichtbarkeit hängt ja weder am Licht noch am Staub allein, sondern am Zusammentreffen der Beiden. Licht und Materie haben Unvergänglichkeit.

Vergänglich aber sichtbar ist das Aufeinandertreffen der beiden Formen des Lebens.
Und so mache erst das individuelle Leben Größe, Schönheit und Wunder des Lebens sichtbar, und so sei auch es an Vergänglichkeit geknüpft.

So würden immer Staub sein und Licht, und nichts weiße darauf hin,  dass Bewegung und Begegnung von Staub und Licht je aufhörten oder begonnen hätten. Und nur insofern könne er sich so etwas wie Wiedergeburt vorstellen: immer wieder werde Staub aufleuchten, wenn Licht durch den Spalt der Tür falle. Wir beide sind Aufleuchten von Staub. Und wir erhoffen mehr Licht und ewiges. Aber wir erlöschen.

Dr. Warnix:"Ruhig, Jacko, nur ruhig! - Klingt ja alles ganz gut.  Aber was wäre doch all dies Wunder des Seins - a l l e i n e? Es wäre wie nichtsein. Ich bin gern allein und habe eine Distanz zu Menschen wie ein Frühlingsvogel. Aber was ist der schönste Frühlingsgesang ohne die tausend Stimmen der anderen?!"

Gott nimmt heute einen Sambuca. Ein interessantes Bild. Ein Buddhist kann damit ganz zufrieden sein. Aber wo komme ich vor? Heisst es nicht, ich sei allgegenwärtig? Dann wäre ich also zugleich Staub, Licht und Funke. Aber ich bin doch auch Betrachter, und genieße und leide. Und verzeihe.

1.3.15