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Freitag, 18. Januar 2013

Kunstexperte Dr. Smirc

Von der Theke der Bierakademie her ruft Dr. Smirc: "Das ist doch keine Kunst!" Er zieht das Wort so lang und hoch, man könnte glauben, Kunst sei so etwas wie ein heiliger Wert.

Er hat seinen Laptop aufgestellt und betrachtet mein Bild "in der Früh" von 1977.

Nach 3 Schäpsen steuert unser Gespräch einer verträglichen Stimmung zu.

Ja, was weiß ich denn schon darüber, welche Wirkung ein Bild haben muß, um bedeutend zu sein. Und: Wozu Bedeutung? Ich habe vor (2013-1977 =) 36 Jahren ein starkes Gefühl von Verlassenheit, aber auch von einem ungekannten Ernst bezüglich der Zukunft gehabt. Spürt man nicht die Dunkelheit aus der ich hinaus gehe, in einen rot leuchtenden Morgen?

"Herr Doktor, was Kunst ist, habe ich irgendwann im Dickicht meiner Fragen vergessen. Aber sagen Sie doch mal etwas zu diesem Blau über Rot!"

Er hat in seiner Doktor-Arbeit zwar aus der des Bundespräsidenten abgekupfert, aber seine philosophischen Expertisen sind weiterhin weltweit gefragt.

Nicht faul, erklärt er mir, wie spießig es doch von der Zeit sei, jeden Tag zwei mal das selbe Rot ins Blau zu gießen und wie übertrieben wichtig sich unsereiner beim Abpausen einsamer Stimmungen mache.

Ich muß ihm Recht geben, was die geringe Origialität des Motivs und seiner Ausführung betrifft. Aber mir gefällt mein Bild immer noch besser als alle großen und größten Werke. Es ist von mir.-

In der Ecke ist einer mit Vokuhila-Mähne auf uns aufmerksam geworden und schaukelt, schaut interessiert, mit Kontroll-Blick herüber. Vorsicht, Wichtigkeit! Das Leben begehrt ein Kusch!

Die nächste Runde rollt an. "Prost!," lallt der Doktor "laß mich mit Deiner Kunst einfach in Ruhe!" Und dann bricht er aus heiterem Himmel in Tränen aus, weil der Wolf aus dem deutschen Wald weggeputzt wurde. Ich denke "Na endlich!" und tröste ihn mit einem Pils von feinherbem Naturaroma aus der Fernsehwerbung.

"Aber stellen Sie sich doch mal vor, es gäbe diese Aufmerksamkeit aus der Spannung zwischen dem Fragezeichen der Gefühle und dem langen Gedankenstrich der Welt nicht! Wenn es nur die blanke und brutale Realität  des zur Betonburg gebackenen Sandkastens gäbe und nicht das verzauberte Stocken angesichts eines plötzlichen Vogelgesangs aus der Sehnsucht Frühling!"

Der Doktor kommt auf das Heulen der Wölfe in den Mond zu sprechen. Wir nähern uns der Bereitschaft zur Aufmerksamkeit.

Schwarze Gebäude erheben sich ins Abendrot, als wir die Strasse lang auf den Abschied zu schwanken. Ich frage mich:"Was war das damals für ein Gefühl?", denke: "Ich hätte da niemand mitnehmen können.-" Aber das Morgenrot hielt sein ernstes Versprechen.

Dr. Smirc meldet sich an der Pforte zurückzur Amokprophylaxe. Er braucht noch seine 3-Monatsspritze Optimismus. Gute Nacht mein Gefährte auf Wüstenpfaden. Mal Dir was Schönes!

Als ich die Klingel läute, huscht die Fastnacht vorbei. Sie hat etwas Lauerndes im Blick.

18.01.13    KLaus Wachowski

Mittwoch, 16. Januar 2013

So begann Tag und Traum

In der Früh 1977

Freitag, 11. Januar 2013

Schartekenschnitzel im Taschenfilf,



Schartekenschnitzel im Taschenfilf,
die Marke jenseits jeden bürgerlichen Kunstgenusses. Sadomaso in Bayreuth. Wähnst Du etwa das?
In einer Platane, nicht weit von dem Ort, wo der jüdische Freund Jean Pauls von zwei Neonazi-Adligen beleidigt und geschlagen wurde, hängt die abgerissene Plastiktüte des Dr. Smirc. Sie kommt gerade von Sibir herüber geweht und ist voll zugedröhnt. Der Stacheldraht ruft von unten hoch: "Mal ´n Bißchen leiser! Hör die Stimmen!"
Aus einem Tannhäuserschnäpschen blubbert es: "Nach einem Besuch des Tannhäuser bin ich regelrecht zusammengebrochen. Ich bekam hohes Fieber, weinte drei Tage lang und konnte nicht schlafen. Eine Initiation, das Tollste, Irrste, - gleich muss ich mich übergeben!" Ein Feuilleton öffnet seinen Eimer.
In das Lachen der Plastiktüte steigt eine lila Lust:" Er ist erfüllend, erotisch. Spannung und Magnetismus! Es gibt wenig, was einen so süchtig machen kann."
Die Marke kollert: "Tatest du´s wirklich? Wähnst du das?". Da überkommt ein anwesendes musikalisches Gemüt das geradezu unbändige Bedürfnis, sich in Fötusstellung auf den Boden zu legen.
Wer hat da nicht das Gefühl, in einer einzigen großen Umarmung zu leben?
Ein Bewegter, auf Stolpersteinen stehend: "Rassist? Das meiste, was ich lese, möchte ich gar nicht wissen, vor allem möchte ich nicht, dass er das alles wirklich so gemeint hat.-" Dann, in Koloratur und Kehrtwendung:  "Ja es ist wie Liebe mit Plutonium. Man zieht einfach die Handschuhe aus. Lau wird es nie."
Die Stimmbänder der Plastiktüte flattern wieder: "Singen mit dem Unterleib" oder "Singen mit Leibanschluß", auch so ein altdeutscher Ausdruck, den man klasse findet."
Ihr Zwerchfell drückt sich nach unten, quetscht Magen und Gedärme. Der Magenausgang schiebt sich nach oben. Das wiederum behindert den R i n g muskel. Ein Reflux bricht sich die Bahn (im Diskant): "Weltevent und fränkische Heimat!-"
Manchmal möchte man die Sänger im Klang ersäufen.
Und ein Falter faltet seinen Verstand in ein brünstiges Bekenntnis: "Ich bin auf Wagner richtig stolz. Als wäre ich Deutscher. Wahrscheinlich fühle ich deutscher als jeder Deutsche, deshalb kann ich von Wagner nie, nie genug kriegen."
Eine Kennerin erlauscht, was dröhnte, und überhaupt wird alles gegen Ende immer erhabener.
Dr. Smirc erklärt: "Man tauche seinen Hass in einen braunen Musikschlamm. Es ist Nogger. Manche lecken gern am Überzug, andere bevorzugen das Innere."
"Was immer man gegen ihn hat:
Ritual, Strenge, Lust:
Immer, immer wieder Bayreuth!"
Nach der Zeit Nr 2  2013 (Wahnfried-Beilage)






Dienstag, 1. Januar 2013

Leserbrief Ursula Krechel

sie hat den Langgässer-Preis auch damals schon zu Recht bekommen.

In Bezug auf den Artikel eines mundartlich knödelnden Glöckners vom 28.2.  hatte ich 1996 an die Leserbriefredaktion des Wochenblatts Alzey geschrieben:

"Glöckners Grimm zum Frauentag

        im Jahr 1996 wurde eine Dichterin mit dem Langgässer-Preis ausgezeichnet. Eine akademische Sache, die wie überall zu Wettbewerben weniger wegen eines Bedürfnisses nach Erhabenheit angebracht ist, mehr wegen dem praktischen Geldzufluß an Leute, die sich schlecht und recht mit Sprache ernähren und halt das Beste versuchen, ein Bißchen Spaß in das Leben zu bringen.

Die Diesjahresdichterin - wieder einmal besonders gut - was ich ihr gern wünsche - hat halt auch mal etwas witziges aus der erotischen Zone des Lebens versucht. Wer dichtet, weiß, daß das ebenso dazu gehört wie das Romantische, nach dem der Schöngeist lechzt, wenn er sich gerade mal von seinen ofknicksen vor bekannten Namen ausruht. Dem Glöckner fiel glatt der Goethe aus der Hand. Wie ihm der Dialekt so aus dem offenen Mund fiel, das fand ich so lustik, daß ich gar nicht anders konnte als selbst ein Gedicht zu machen. Es soll gefallen!:





Die Dichterin dichtete spaßig von Hoden,
das fand der Glöckner von Alzey verboten;
sie griff in eine Hosengruft,
da ist der Dialekt verpufft.

Sie faßt in Verse, wo es baumelt,
peinlich berührt der Glöckner taumelt.

Er packt den Goethe, Hölderlin,
den Preis sackt ein die Dichterin.
So bimmelt lustvoll ein Duett:
ergrimmter Bart und zart Gespött.

Schöngeist auf zu Goethe blickt,
derweil die Lust von unten zwickt."



1.3.96 Klaus Wachowski

Er ließ nicht locker. Also folgte:

                                                                                                          Sonntag , 23.2.1997

Schöngeist auf zu Goethe blickt ,

derweil die Lust von unten zwickt .


so schrieb ich dem Glöckner grad übers Jahr zu seinen Animositäten bezüglich Frau Krechel .
Er konnts nicht lassen und versuchte zur Preisverleihung am 22.2.97 noch eins draufzusetzen.

dazu:

Es ist ein Unterschied , ob ein Stammtisch die Lederhose runterläßt , oder eine Lyrikerin die Lust erregter Körper einzufangen versucht . Es sind die gleichen Teile , die da baumeln . Aber was hier die Glosse beult , man fühlt sich angemacht , rollt dort als Spaß ins Leben .

Wie kommt aber eine geschwollene Romantik dazu , ausgerechnet den freien Freilingrath zu einem sauren Moralrülps zu benutzen ?



Klaus Wachowski