Translate

Sonntag, 28. Oktober 2012

Breivik verstehen mit Neulich

Ein Andreas Maier mit eigentlich guten Anlagen zu kritischem Denken muß die Zeitung Volltext mit einer Kolumne Eigenes bedienen. Das Schweigen des Publikums hat ihn immer weiter hinaus ins Böhse-Buben-Schreiben getrieben. Kann man mit einem Pubertierenden kein vernünftiges Gespräch führen, warum sollte es mit einem Ewigjungen möglich sein. Ein Rauchbier auf die Literatur.

Breivik verstehen mit Neulich. Ein bißchen provozieren, ein bißchen Gemeinschaft antipathieren. Gibt es da noch eine echte Hemmung gegen den Faschismus?

Jetzt ists raus: Poetry-Slam ist so eine Art Sprechgesang. Dacht ich schon längere Zeit. Deshalb habe ich mich schon einige Zeit nicht beteiligt. Plötzlich bekommt man Aufmerksamkeit, plötzlich sehnt man sich zurück zur sogenannten Heimat der Maier. In der man die Häuser und die Menschen beschreiben kann - ohne etwas von ihnen zu fühlen. Denn deshalb ist man weg in die Aufmerksamkeit.

Aber die Aufmerksamkeit ist keine Mama, kleiner Narziß. Und die Aufmerksamkeit macht große Augen beim Sprechgesang der dummen Sprüche. Wie erst bei so einem Breivik, der noch ein Brutales drauf setzt.

Die Einsamkeit des Dichters ist das Einzige, was den Narzißten wirklich erschreckt. Wirkliche Tränen. Abgeguckt hat er sich die verächtliche Geste. Des Edlen gegen das Volk, des Spießers gegen den Weichling, des Nietzsche gegen die Ohnmacht und der vielen mehr. Aber er spürt ja nicht, was der verächtlichen Geste einen Grund geben mag: den Schnitt der Trauer in das vergeblich ein Du suchendes Ich.

Es ist ein Spaß, das Leiden zu provozieren. Ein Spiel mit Schadenfreude und Ichgedöns für den einen Augenblick Leben, der aus der Ewigkeit einen Augenblick Licht bekam.

Warum soll man für diesen Augenblick nicht mal den Loden anziehen, sich öffentlich an die hoden greifen? Hallo Welt, schau: ein Lodenmantel; schau: ein Bier!

Ja, mein Spießer. Du zeigst Deinen intellektuellen Kumpels mal so recht, was die Gemütlichkeit gegen die Unsicherheit auf dem Kalbsknödel hat. Aber ich weiß doch: es gibt Dich. Was meinst Du? Alles ist Nichts oder Wetterau? Meinst Du nicht, in dieser kurzen Zeit wäre vielleicht auch ein Du etwas wert, zu finden? 

Auch ich bin morgen tot. Das Du habe ich ersehnt.

28.10.2012

Sonntag, 21. Oktober 2012

Jetzt Donaueschingen



Ein Bißchen muß schon sein.

Dieses Gelb möchte ich Dir aufbewahren. Etwas Orange ist eingemischt. Das etwas flache Blau des Himmels verstärkt das Leuchten. Die im Schatten stehenden Blätter sind dunkelrot.

Vielleicht schaffen es die Worte besser als ein Fotohandy.

Soeben fallen zwei schon gerollte Blätter zu Boden. Wer redet da von "Tod"? Bei solchem Wetter findet Tod nicht statt. Da sinkt es sich leicht in die Ewigkeit. Ich sehe Dich dort, so fern und mitten im Leben. Und hier flammenden Herbst.

Hinter mir ein Cluster Fernseh-Asoz von RTL. Der Wortführer, he Alda!, dem die Welt am Arsch vorbeigeht, trägt eine Jeans der Marke Kosmopolit. Eine der Frauen steckt es gerade einer Freundin-Zicke am Handy. Super, jetzt in die Ewigkeit zu trudeln. Was wäre das Leuchten im Gelb ohne den Schatten im Rot?

Es berührt das Dach eines alten VW. Die Diebstahlsicherung hupt.

*

Gott sagt: Ein Bißchen Spaß muß sein und schickt Vladimir zur Eröffnung der Donaueschinger Musiktage. Er kommt direkt vom Abschuss eines Kamtschatka-Bären und ist noch von einer Schar verehrender Medienkrähen umgeben.

Asamisamasa eröffnet mit einem Apfelstichel auf Laptop-Keyboard. Eine Pussy-Riot-Revival-Band singt die Kuban-kasachische Hymne: "Retter Rußlands, schwarze Birke Zarewitsch". Asamisamasa begleitet mit einem Stahlbesen auf sibirischen Eislöchern und einer leimgesinterten Bratsche aus Chikago. Ein Blatt trudelt in die Ewigkeit. Man hört ein leises Switchen der Bodyverstärkung und das Initial eines rheinhessischen Eselkreisch auf Schaumkartöffelchen. Zingg um zingg, ordentlich konnotiert in 10er Partituren der Sammlung Liou Lau (Kat.Nr. 12/10j-m). Der Komponist springt mit professionellem Hodengriff auf die Bühne. Er ruft aus: Süßes oder Saures. Man bemerkt Nervosität bei Rundfunksprecher und Sponsor.

Der Präsident hält eine Nobelpreis-Rede. Die Interpunktion des Ensembles Nadar oder Radar ist überraschend. Kontrapunktische Swungiaden lösen sich ab mit pathetischem Aufschlag aus der Kesselpauke. Es ist wie Temperatursturz in Päonien.

Man glaubt im Publikum ein Pfuinanzpferd zu sichten. Regengeräusch von Betablockern auf Internet-Sieben. Klingelingelig gelingender Szenenbeifall aus der Ukulele von Asamisimasa. "Wo bin ich?", fragt das Gefühl den Verstand. "Hör doch hin!", antwortet die Phantasie. Nur ein gewisser Wagner wähnt Wahn und vermißt etwas vom romantischen Farbenschlamm.

Die Rede setzt ein moll mitten ins Dur. Man hat sich zur Bestückung der Lego-Burgen mit Kanonen und Hellebarden vorgearbeitet. Schätze werden in Särgen versteckt. Befreundete Truppen unter Elklänern und Murkianern geworben. Der Metropolit von Moskau ruft eine Fatwa gegen die Käufer von Netzstrümpfen aus. Klatschendes Echo aus Ghom. Jetzt kommen aber die Profis: Nadar blendet das Piepsen afghanischer Drohnen ein. Die Geige ziept aus Rebajas der Winter- Kollektion. Im Publikum werden Hüte gelüpft. Angeleitetes Hüsteln zu den Kommata. Ein Spirrr, über 30 Sekunden gehalten, dann -hör ich recht?- ein Knack und Knäckäckäck; und ein phiuhhh sinkt unaufhaltsam in brausenden Schlußapplaus und erleichtertes Intendantenaufatmen nach Auftritt einer den Boden wischenden Musikerin.

Zugabe ruft es aus dem da capo eines Nietzsche: Siongg, drdrr, ponz, Arghhh.

Ein gewaltiges Dröhnen über den Flußmustern. Die Iljuschin steigt in das Gelb und Rot des Tags von Asamisamasa und Nadar. Schwirren der Stare nach Westen.

Und dieser Mann soll Salafisten in Syrien züchten? Ich als ein Künstler sage Ihnen: In was für einem Deutschland möchten Sie leben? Schöner, feuriger im Versprechen, als das Abendrot nun das Aufleuchten des Laubs vom Machandelbaum. Dingdingg-zwoschh.

Die Fusion ist beschlossen. It’s off.

21.10.12 Klaus Wachowski



Freitag, 12. Oktober 2012

Tote Dichter

24 Jahre vor meiner Geburt tötet sich der Dichter Ryunosuke Akutagawa. 24 Jahre später wird er für Europa entdeckt. In Erinnerung an August Strindberg glaubt er, im Wahn gelandet zu sein. Aber die Zahnräder, die ihm offenen Auges erscheinen, die Qual, die ihm das Licht bereitet und die in diesem Zusammenhang geäußerte Angst vor Kopfschmerzen läßt doch eher auf Migräne schließen, die Begleiterscheinung der Nervenkrankheit Aufmerksamkeit, unter der besonders häufig gute Dichterinnen und Dichter leiden, an welcher man allerdings auch verrückt werden kann.

Er ist vierzig, die besonders gefährliche Lebensperiode, in der es noch so besonders wichtig und noch nicht einmalig erscheint.

Der ängstliche Mensch, der sich vor den Grenzfragen ins Normale flüchtet, hält das Werk solcher Dichter und Dichterinnen, wie etwa auch der Virginia für etwas vom Wahnsinn angefressen.

Ich vermute eher, dass die Aufmerksamkeit und die darin zum Ausdruck kommende Irritabilität von der Gesellschaft isoliert, und dass das von der Seele Wegschreiben weitere Entfernung notwendig macht.

Isolation, Einsamkeit, Sehnsucht und zunehmende Verwirrung sind das natürliche Schicksal von Dichtern. Ein von Frieden und Glück geprägtes Leben ist also auch für diese Existenz  eher die Ausnahme.

Sehnen wir uns weiter danach und lesen wir den Reflex von Sehnsucht und Klärung in den Licht und Schatten zitternden Werken der Dichterinnen und Dichter.

Ob sie gut sind? Hörst Du das Rauschen der Blätter in dem Baum noch, an dem Du jeden Tag vorbei gehst? Siehst Du im Gesicht des Passanten eine Seele?

12.10.12 Klaus Wachowski