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Sonntag, 22. Juli 2012

Zeichnen

Wir sollten in der Natur nach der Natur malen. Ich nahm es ernst und zeichnete das Papier eines Karamell-Bonbons ab. Lehrer Umlauf war ein freier Geist und ließ uns tun und nichtstun wie es uns gefiel, wenn wir nur die Präsentation seiner Power nicht störten. Aber dieser Geist der Freiheit war es wohl auch, was sich an meiner akribischen Zeichnung  störte. Er war mir durchaus zugeneigt, glaube ich, aber das brachte ihn doch zu einer spöttischen Bemerkung, deren leichter Stich dafür sorgte, dass mir die Begebenheit noch 50 Jahre später gegenwärtig ist. Auch die gelbe Farbe des gezeichneten Papiers steht mir noch vor Augen.

Jetzt bin ich älter als er war. Und ich zeichne, was ich will, wie ich will. Mein Ich. Wie ich ja mein Ich auch lebe. Ich muß es niemandem zeigen außer mir und bin - frei.

Vielleicht zeichne ich, wie nur ein gräßlicher Reimeschmied schreibt. Ich stelle nicht aus und hänge mein Bild eher in meinem Zimmer auf als den überzeugendsten Picasso oder Dürer. Für sie sind ausreichend Museen da.

Ich bemerke, dass ich noch immer einen Zug zur Oberfläche habe. Auch beim Schreiben. Aber ich weiß, dass Oberfläche nicht weniger ist als der Körper, den sie zeigt. Sie ist der Körper, die Seele des  Körpers nicht weniger als er. Wir begegnen dem Körper ja stets nur über seine Oberfläche. Und das betrifft den Künstler ebenso wie den Chirurgen oder Jack the Ripper, deren Stiche und Schnitte nichts zeigen als andere - Oberflächen.

Die deutlichste Wahrheit über den Körper erhält wohl die Berührung der Haut. Das Auge muß viel weitere Umwege nehmen und mittels Schlüssen aus Formen und Bewegungen der Oberfläche die Bedeutung erschließen. Es differenziert besser. Seine Wahrheit ist vielfältiger und mit Fehlern des Schließens behaftet.

Eine besonders verfeinerte Form der Berührung ist das Gespräch. Was die Oberflächen von Stimmbändern und Flimmerhärchen austauschen hat nicht die Unmittelbarkeit des Fühlens auf der Haut, ist aber körperlicher als das bloße Sehen. Erfahre ich dadurch mehr vom Du dessen, das mir als Nicht-Ich gegenüber erscheint? Unter zwei Voraussetzungen: Dass ich daran glaube, dass dieses Ding, das mir da erscheint, nicht eine leere bewegte Hülle ist, sondern so etwas, wie das, das ich als Ich „in mir“ fühle. Und, dass das, was mir als Äußerung erscheint, nicht eine Lüge oder ein Irrtum ist. Auch hier also ist unmittelbar nur Oberfläche. Aber ich glaube an das Wunder, dass sie das zeigt, was sie ist und das, was wir hinter, in und unter ihr vermuten.

So zeichne und schreibe ich Oberflächen der Existenz. Sie sind das, was sie uns offenbart.

Die Oberflächlichen aber berühren und sehen nicht und hören nicht zu. Sie legen Spekulationen aus dem Fundus anderer Erfahrung, Erinnerung und Spekulation darüber. Sie interessieren sich nicht und lassen sich nicht berühren.

22.07.12







Montag, 16. Juli 2012

Eine Quelle bei Camporosso


Von unserem heißen Tag ruhen wir uns am Quellbach aus. 

Der Schatten färbt das Ufer dunkler. Die Schnaken tanzen in ihm mit schwirrenden, aufleuchtenden Flügeln. 

Ich halte die Hand ins Wasser, Du steigst hinein. Kühl und klar fließt das Wunder aus dem Fels. Ich trinke, woraus das Leben uns einst gemacht hat. 

Wir erzählen einander von den schattigen Wäldern der Kindheit, die so fern voneinander lagen und nun so fern sind. 

Lange sind wir gereist. Wir sind noch nicht angekommen. Aber dies ist eine Rast am Quell, eine Begegnung vom Ursprung her.

Klaus Wachowski 16.07.2012