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Freitag, 21. März 2008

Ein Looser


Tropfen fallen aus dem Dreieck meiner zusammengelegten Hände. Dahinter erscheint das Gesicht des Johnny Depp von Paderborn. Ein Schwarm weißer und schwarzer Falter fliegt von seinen Augenbogen auf. Sieh, die Intellektuellenbrille, zu der er ein feines Lächeln bereit hält. Angestrengt stützt er sich auf, als er von seinem Großstadtbesuch erzählt. Vier Tage hat er Urlaub bekommen. Das Geld reicht für Fahrkarte und Jugendherberge. Bald muss der Chef auf Mindestlohn umstellen und ihn vielleicht entlassen. Aber es ist ein guter Chef.

"Ich habe eine Bekannte besucht. Sie hatte aber nur Montag Zeit. -Hätte ihre Freizeit ja auch anpassen können." So geht er zwei Tage durch Frankfurt. Lang geht er die Gutleutestraße lang. Ein kleiner einsamer Junge von dreißig Jahren. Plötzlich bemerkt er Stiche im Herz. Es wird schon nichts sein.

Ich weiß nicht, was das für eine Trauer ist, die in seine Augen schießt, sie bis oben ausfüllt. Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Sein Bruder besucht ihn etwa ein Mal im Monat. Es gibt noch eine Tante, die Eltern haben einen Campingplatz. Von seinem Opa fallen ihm Frankfurter Kindersprüche ein. Bald wird er zur Arbeit zurückfahren.

Auch die Bekannte hat keine Zeit für mehr. Die Gutleutstraße ist verdammt lang, wenn Du kein Geld hast, wenn da kein Du ist. Ein Radfahrer rempelt ihn an und schimpft. Er versteht das nicht. Der Bürgersteig ist doch für Bürger da.

In star wars rettet er die Welt. Das Buch ist schwer zu lesen. Aber er hat noch 300 Seiten Abenteuer vor sich. Wer hört ihm zu? Auch in Blieskastell hat er eine Bekannte. Seine Trauer füllt sich mit Frankfurter Einsamkeiten.

Sein Lächeln ist nicht von der Sanftmut eines fundamentalistischen Mörders. Es sucht nicht nach Wegen der Herrschaft, nicht nach Möglichkeiten, Leid zuzufügen. Es kommt von den Quellen der Trauer. Es geht die lange, lange Gutleutstraße ab nach einem liebenden Wort, nach einer Berührung.

Morgen werden sie an der A 61 Bäume schneiden. Aber danach Rosen veredeln in den Gärten der Semiramis. Im süßen und bitteren Duft des Weißdorn. Schwarze und weiße Falter steigen von seinen Augenbögen auf. Sie naschen vom Weißdorn, bevor sie weiter in die Einsamkeit fliegen. Vorbei an einer stummen Kindheit, deren dürre Zweige einmal im Monat der Bruder vorbei bringt.

Wir achten ihn nicht unserer Aufmerksamkeit wert. Aber wie ist das, wenn wir das Lied Eleanor Rigby mitsummen? Oder, You know,: The streets of London.

21.3.03 Quan On

Freitag, 14. März 2008

Höhlen Idyll





Höhlen Idyll

Dunkelgrüner Nadelbaum ruft den Blick in eine fremde ferne Landschaft hinter Sturm heulenden oder Einsamkeit gleisenden Pässen. Schatten locken und drohen aus auf Felsen liegenden Waldrändern. Etwas großes bricht sich in ihnen die Bahn. Berauschender Duft, berauschendes Gold aus Ginsterflecken. Ein schwarzer Schatten hat Dich mit seinem Flügel gestreift.
Ob Du die Hütte noch vor den Nacht erreichst? Schon verfärbt sich das den Himmel aufreißende Wolkenglühn. Dort wartet das böse Kreischen aus Kindertagen. Du bist ihm nicht entkommen.

Klingende Schläge, hohe Schläge klingen lustig herüber: Der Steinmetz schlägt ein Loch in den Berg. Es ruft ein Menschenherz.

Gelbe Blüten wehen vor mir her, hinein in seine Höhle. Sie umschließt mich mit metallenen Skeletten. Die Migräne bestraft mich für Tage der Empfindlichkeit. Wer bist Du, der oder die mich rief? Es ist zweifellos eine Seele, die mich in ihren dunklen Fels lockte. Ich stürze mich in einen Schlaf, den Schmerzen zu entkommen.
Als ich aufwache, bin ich wieder frei. Tiefer in das unbekannte Vertrauen gehe ich. Dies muß der Tod sein. Vom Ende her das Licht zeigt wohl den Ort der Wiedergeburt an. Bleib stehen, Herz! Welchen Weg Du auch wählst, er führt in Leben, Lust und Leiden.
Ich kehre um. Als ich am Tor zur Einsamkeit wieder ins Licht trete, weht mich der Sturm fast von den Beinen. Die Wünsche des vorbei brausenden Lebens reißen die meinen mit sich. Ich taumle, stürze, taumle.
Was will ich dort bei dem im Mittagslicht gleißenden Gipfel? Ich habe Dich verloren.
Vom Osten ruft dünn die Stimme Erinnerung: "Kehr um!" Ich schließe die Augen, schaue tief in meine Verwirrungen hinein. Ich höre ein Lachen, sehe ein Gesicht. Die Augen öffnend finde ich den Weg zurück in eine wenig grandiose, liebevolle Landschaft. Der Kompost kann umgesetzt, das Silikon muß erneuert werden. Vor dem Einschlafen fühle ich Dich und ich denke an eine dunkle Höhle.
14.03.08

Freitag, 7. März 2008

Öffnung

Lange hatte er in sein Herz gehört. Jetzt öffnete er sich wieder den Stimmen der Welt. Gelernt hatte er nichts. Aber hatte Vertrauen in die Verlässlichkeit von Aufmerksamkeit gewonnen und seine Gewissheit darüber befestigt, dass Gewissheit nicht erreicht werden kann.

Wie war das mit Schweigen?

Aufmerksamkeit, das war nicht das Sprechen verweigernde Schweigen. Vielmehr die Zeit des Aufnehmens und Prüfens. Dieser Ruf eines kleinen Singvogels öffnete einen Raum vom Horizont eines in die Welt läutenden Doms, voll von Hoffnung und Segen. Und noch etwas klang in diesem Lied: die Macht der Liebe, die diesem zerbrechlichen Wesen so viel Kraft einflößte, dass es seine Leben rettende Angst vor der Katze nicht achtete...

Dankbar nahm er diese Erfahrung auf.

Vieles hatte er erfahren, von mancher Erfahrung war er verschont worden. Wieder dunkelte es in das Blau des Himmels ein. Die Jugend strömte hinaus zum Supermarkt, die Angst vor der Liebe in Wodka zu ersäufen. Damals hatte er zum ersten Mal die Macht der Liebe kennen gelernt. Sie war stärker gewesen als alles, was er sich bis dahin als Selbstbewusstsein erworben hatte. Er war zwar schließlich nicht dazu bereit gewesen, bestimmte Überzeugungen aufzugeben, aber es war ja auch nicht von ihm verlangt worden. Aber aus dem Ende der Beziehung ging er mit einer noch lange brennenden Wunde hervor, die nicht durch weise Erkenntnis oder was man sich sonst so als Trost erdacht hat, geheilt wurde, sondern nur durch neue Liebe. Die Zwischenzeit war eine der Betäubung durch Aktivismus und der Linderung durch Freundschaft gewesen. Ohne letztere ein Todesschlaf.

Ja, es war nichts als die Liebe gewesen, was ihn aus dem Schweigen befreit und die Welt geöffnet hatte. Die Menschen, denen er in der Zeit des Verlusts nur über das unmittelbar wirkende Mitleid nahe gekommen war, wurden ihm in der Zeit der Liebe Ich-noch-einmal in anderer Gestalt, wie es Arthur Schopenhauer, der Misanthrop, so treffend sagt. Die Welt bekam wieder Knospen, Blätter, Sonne. Der Regen machte wieder traurig, der Alltag war durchwebt von Sehnsucht und Erfüllung. Leben war plötzlich belebt.

Und damals fand er auch den Frieden, in das eigene, Herz hinab-, bzw. hineinzugehn. Lange hatte er sich dort herumgetrieben, war ruhiger geworden, als er bemerken musste, dass die Welt, das Leben das Wunder war, etwas darin, nicht irgend etwas dahinter oder darüber.

So öffnete er sich wieder der Welt. So fragte er wieder in die Regenbogen, Augenbogen des Frühlings. Manchmal hörte er das Läuten eines Psalms.

Sieh den vom Hass gekreuzigten, aber sieh auch die Geburt der Liebe.

07.03.08

Sonntag, 2. März 2008

Alice Miller - Wege des Lebens


Gelesen

Alice Miller Wege des Lebens

Sie steht mir sehr nah, weil sie in Fragen des sexuellen und des gewalttätigen Missbrauchs nicht von der Seite der Opfer weicht und von ihnen -ich glaube als Einzige- nicht schließlich doch Verständnis und Verzeihen für die Täter erbittet.

Zwei der vorgestellten Personen berühren mich besonders: zwei Jüdinnen, die sich nach Jahrzehnten begegnen und den Mut finden, über die Verfolgung als Teil einer Gemeinschaft hinaus zu erinnern und in die Kindheit zurückzusehen.

Auch ihre klare Haltung gegen Gurus, Führer und den neuen Aberglauben macht sie mir außerordentlich sympathisch. Die beiden Essays über Gurus und über die Entstehung von Hass berühren eigene Erfahrungen, bestätigen eigene Beobachtungen und daraus gezogene Schlüsse. Festigkeit in Beziehung zu einer von Freien getragenen Republik.

Eine freie, sensible und dem Kind freundliche Erziehung ist auch für mich eine Voraussetzung für eine haltbare Gestaltung der freien Republik. Wir machen Fehler und sollten sie erkennen und nicht leugnen. Zu diesen Fehlern gehören aber nicht nur die Grenzüberschreitungen Schläge und sexueller Missbrauch, sondern auch die (auch innere) Abwesenheit von Eltern, der man nicht so leicht entrinnt, und neben der Wut des Vaters die Enttäuschung der Mutter, die sich in ungerechten Grenzziehungen im ersten Fall und im Zwangskorsett narzisstischer Erwartungen im zweiten äußern. Auch aus solchem Grund erzeugt Lieblosigkeit Tyrannen, einsame Stars, die Frau, die den Herrscher zu Wahnsinnstaten bringt und verzweifelte Totschläger.

Die Mitleidlosigkeit gegenüber Menschen in fernen Regionen ist durch das Fernsehen nicht viel größer geworden. Den Wert des Menschen fühlt der Mensch doch am ehesten im persönlichen Umgang (Haßparteien werden dort gewählt, wo keine Fremden wohnen). Aber unsere Macht reicht über die Grenzen der persönlichen Sensibilisierbarkeit hinaus. Hier reicht heute der Egoismus der Menschlichkeit die Hand, wie in anderen Zeiten den Unmenschen. Deshalb kann auch eine liebende Erziehung allein nicht das Überleben der Menschheit angesichts der Verführbarkeit durch Weltbilder der "Reinheit" garantieren. Sie muss begleitet sein von menschlicher Haltung und Lehre, Religion und Philosophie. Zum Beispiel dem Nachdenken einer Alice Miller.