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Sonntag, 7. August 2011

Kirschgarten

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-zu Tschechow, aufgeführt von der UdK Berlin- 2011-

Aus den Kirschblüten steigen die Motten des Gespenstes Erinnerung auf. Sie nippen von der Schönheit der von Einsamkeit und Liebe untüchtigen Ranewskaja. Der Tod liegt wie ein Schimmel über den Seelen.  

Sie fliehen in die Stadt, ins Kloster, in ein Amt, in die Fremde.
Rußland wartet auf die Katastrophe.

Was sind das für Existenzen: Gouvernanten, Stubenmädchen, Lakaien? Auch über ihnen liegt nicht das Morgenrot einer Revolution, sondern der Geruch von faulendem Fisch hinter dem Badehaus.

Trinken wir einen Kaffee, das Elixier der bitteren Süße einer vom Untergang bedrohten Elite! Rufen wir in verzweifelter Geste die klapprigen Hoffnungen aus dem Bücherregal der Revolte an! Schwadronieren wir aus den Blutsbüchern der Ideologie und aus dem Affenkäfig einer Monolog des Willens gewordenen Philosophie!





Und wer zahlt unsere Schulden?

Während der Lakai am Stubenmädchen grabscht, das der Buchhalter mit romantischen Flausen dazu bereit machte, während die Axt in den Stamm fährt, fallen die Blüten in den Schlamm, taumeln die Hoffnungen in die von Komplimenten triefende Berechnung des Ego.

Man tanzt, man reist, man klagt. Und Liebe und Egoismus werfen grobe Netze aus. Erfolglos.

"Was ist Wahrheit?" lacht die Grobheit, genannt Realität. Und der Vampir Depression saugt unfühlbar an der Leidenschaft. Zu weit scheint das Land für die schwachen Menschen.

Wären da nicht die Schauspieler, wie könnte man den Chor der im Meer der Verzweiflung ertrinkenden Leidenschaftslosigkeit ertragen? Sie machen aus Gespenstern der Hoffnung verzweifelt kämpfende Menschen, sie verwandeln das hohle Pathos in ein verzweifeltes, die Stimmen aus dem leeren Raum in Hoffnung und Angst von Dir und mir.



Wer wohl Recht hat: das Wort oder sein Ausdruck? Wer will es wissen? Unsere Zweige erzittern unter den Schlägen der Axt. Erschreckt fliehen die Vögel.

Wie tröstlich, wenn die Verlorene ein Fest gibt oder dem Landstreicher ein Goldstück. Wie tröstlich ist auch der Sprung des Stubenmädchens in die Arme des Grobschlächtigen.- Musik!

Was auch immer wir leben: hört und seht: wir leben!-

Bravo der Truppe Storr/Rudenska von der UdK Berlin 2011.


07.08.11
Klaus Wachowski