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Montag, 18. Mai 2009

Räume, zwei Herzen

Maientanz im Pflegeheim zur Musik des Zillertaler Hochzeitsmarsches

In Betrachtung zweier Herzen

Das braucht nicht zu heißen, dass sich die beiden tagtäglich anfauchen... Georg Haddenbach zur Löwepartnerin des Wassermann


Das Herz ist angefüllt mit schwarzem Staub. Strindberg hält das Plädoyer eines Irren. Er hat seine Frau geschlagen, er klagt im vulgären Jargon der autoritären Zeit vom Schrecken der weiblichen Herrschaft. Ein Herrchen, das sich seinem Frauchen unterwirft und sich erzürnt, wenn sie Ernst macht und sich Freiheit nimmt. Er wird zum Eiferer, der Familienleben einfordert.

Staub des Nichts. Sein Gefühl schreit, Unrecht begehrend, ehrliche, widerwärtige Wahrheit der Eifersucht.

Ein Obdachloser fragt Dich, ob Du eine Zeitung abkaufen willst, etwas aus den Räumen des Verlusts.

Du wendest Dich der Befreiung begehrenden Frau zu. Ein Herz aus Leder öffnet sich.

Vom Leben zu Hinterlisten des Überlebens gezwungen, bricht sie ihrerseits das Liebesversprechen, intrigiert und betrügt.

Eingesperrte Herzen suchen die Freiheit. Seines die von den Zwängen der bürgerlichen, ihres die von den Zwängen der feinen adligen Gesellschaft. Sie fliehen in das Glücksversprechen der romantischen Liebe. Du kennst diesen Rausch der Verliebtheit, den kein anderes Glück erreicht und dem die Vernunft so wenig entgegenzusetzen hat. Mächte der Kindheit begünstigen die Sehnsucht. Sie erlebt die Angst des in die stinkende Armut sinkenden Landadels. Sie braucht Verehrung. Wenn er in sie eindringt, begeht er ein Sakrileg. Er muß nach oben, phantasiert Erlösung durch eine heilige Mutter Gottes, will ihr ein Jesus sein. Wenn sie mit anderen singt, zerbricht sie seinen Traum, der ihm überleben hilft.

Sagen wir es mit Rom: die angeschlagenen Adligen und der Macht suchende Mittelstand vereinigen sich zur neuen, gierigeren und von alten Zwängen freien Schicht der Nobilität. Aus ihr werden sich die Bürger und Völker unterjochenden Cäsarenfamilien des einstürzenden Rom rekrutieren.

Die Liebe baut den Ring für den Boxkampf auf, der mit dem K.O. der Hoffnung endet. Der Schiedsrichter hebt, je nach Herkunft eine andere Hand zur Verkündung des Sieges. Die Gesichter der Gegner zeigen im Scheinwerferlicht unserer Neugier den Ausdruck von Desillussion. Das Leben signiert das Antlitz des Menschen mit dem Schriftzug Leiden.

Ein Kind ist gestorben. Vor der Ehe. Ein Kind stirbt in der Ehe. Was schreibt der Mann da? Hat es ihn nicht getroffen? Er schweigt? Dann war die Form, der Codex der Verhärtung, doch stärker als die verletzte Seele.

Er "macht" ihr Kinder,um sie zu fesseln, sie nimmt sie an, um Verbündete gegen ihn heranzuziehen, um eine vor der Schwere kapitulierende Liebe in der Konvention einer Ehe zu retten. Er wird ihr vorwerfen, nicht Mutter zu sein, sich nicht um die Kinder zu kümmern und kümmert sich nicht um die Kinder.

Wohin geht seine Anbetung der heiligen Mutter in der Frau? - So weit sind wir von den primitiven Ursprüngen der freieren Zivilisation also doch nicht entfernt, wenn wir die menschenfeindlichen Famiienwerte von Evangelikalen, Fundamentalisten, einwandernden Stammesangehörigen anprangern. Europa kommt erst Jahrzehnte nach diesem Geschlechterkampf zu Freiheit, Toleranz und Vernunft.

Wohin geht also seine Anbetung? Er erkennt, dass dies keine ihm die Füße salbende Mutter ist, sondern eine Verehrung brauchende, selbst nicht verehren wollende Frau. Ich sehe die Theaterliebe. Die Verehrung des Schriftstellers für die Schauspielerin, die nichts als dankende Verehrung erwartet. Aber die Liebe ist keine Bühne, die Akteure sind nur dann berührtes Publikum, wenn sie keine guten Akteure sind.

Nach dem Liebesschwur wendet er sich den virtuellen Horizonten seiner Arbeit zu, während sie in der gläsernen Kugel des Immergleichen warten, ja ihn erwarten soll. Die zu wichtigen Zwecken beiseite gelegte Liebe wird unmerklich von einer feinen, Schicht Schimmel überzogen.

Die Ehe zerbricht. Die Frau sucht andere Liebe, neue Verehrung. Der Schriftsteller löst sich in Erinnerungn auf. Ein schwarzer Raum voll Asche und auffliegenden Funken.

Zwei Obdachlose gehen getrennte Wege in die Welt, suchend und fürchtend die Liebe. Wenn Du ihren Weg kreuzt, scheue Dich nicht, ihnen Deine Frage vorzulegen. An Antworten sind sie nicht mehr interessiert. Das macht neue Hoffnung.


17.05.09

Samstag, 9. Mai 2009

Napoli konzentriert

*
„Es gibt keinen Platz mehr für partikularistische Landschaften in einer Welt, wo sich alles einreiht in die internationale landschaftliche Einheitsfront.“ (Pier Paolo Pasolini 19.7.69 in der Illustrierten „Tempo“)

Napoli zeigt augenfällig, dass Kultur ist. Der Versuch der betriebswirtschaftlichen und die Projektion der ideologischen Intelligenz, im Leben ein Massenprodukt der Industrie zu sehen, werden von der höheren Angestellten wie vom Hafenlümmel in einer grandiosen Geste der Achtlosigkeit zusammengeknüllt und neben den Papierkorb oder in den Blumenkübel geschnickt. In einem furiosen Duett der wütenden Begeisterung umschlingen sich derweilen die beiden Stimmen, übertönt von einer Symphonie der Hupen, der einander schrammenden Autobleche, tausendfacher Brems- und Anfahrgeräusche über erloschenen Zebrastreifen.
Der Zug legt einen halbstündigen Halt ein und das Tunell vibriert unter einer aufbrausenden öffentlichen Erörterung von Alltag und Beschwerde. Aus einer Nische im Beton leuchtet eine rot bestrahlte Mutter Gottes und der Familie, von den Zugwänden die Graffiti einer mystischen Revolution in halbgaren Gehirnen.

Ich besinge die Stimmen von Napoli, die nach außen gestülpten, einander in sprühenden Tonfällen küssenden Seelen eines unbelehrbaren Ich von bella figura und heiliger Begeisterung für die Grandiosität des Unwichtigen. Unterm Vesuv und über dem Meer, schwimmend im Blau und sich schüttelnd im Regen, türmen sich die Architekturen der Familiengebirge in rot und gelb, unterbrochen vom Rot und Gelb der Zitrusfrüchte im dunklen Grün und im grauen Grün von Olivenbäumen. Siegreich weht die Wäsche auf den Leinen der schwarzen Gassen mit den bunten Altären Verstorbener aus Familien der Mafia, während halbjunge Mädchen und Jungen in zerrissenen Wirklichkeiten und heiligen Hoffnungen in die Brieftasche Deines fremden Lebens spähen.

Was sind die Ruinen von Paestum, Pompeji, Herculaneum, wenn sie nicht von Napoli aus interpretiert werden können? – Globige Knochen von Macht, Gewalt, Spekulation, ein Selbstbild des nach Norden geflohenen , sich immer mehr der Maschine nähernden Bewusstseins der „machenden“ Existenz, die im Schweigen versinkt.*
Von Napoli aus wird selbst das prunkende Paestum lebendig.

*…und während der Eingabe in den Automaten der DB Geist und Funktion aufgibt: Was in Napoli Kultur ist, ist im Superflughafen Frankfurt der Einbruch der Realität des Nichts in den Anspruch der technokratischen Selbstgewißheit.

Über Napoli drohen der Vesuv auf der einen, die brennenden phlegräischen Felder auf der anderen Seite mit dem Auslöschen einer Kultur, in FFM schaltet ein overload eine Zivilisation ab. Das erste ist ein Verhängnis, das hunderte von Kirchen in der Altstadt gründete. Das andere ist ein zivilisatorischer Witz, der terroristische Ideologien gebiert.

Schnell ins Cafe´, einen Espresso von gegenseitiger, aufsteigender Begeisterung trinken, schnell hinaus in einen wütenden Disput, Vespa-Crash und guten Verkauf. Den Vesuv halten derweil tausende gelegenheitsweiser Bekreuzigungen in Schach, und das Brausen des Verkehrs bringt das des Meeres zum Schweigen. Ein Nigerianer verkauft eine Packung Tempo zu 50 ct. Der Neapolitaner beweist die Überlegenheit der städtischen Kultur über das Misstrauen der Provinz und gibt: ohne mitleidige, ohne verächtliche Geste.

08.05.2009 Klaus Wachowski